Geschenke | Immer Feste

Geschenke haben in der privaten wie öffentlichen Wertschätzung einen kaum zu überbietenden guten Ruf. Mal abgesehen vom vollkommen zu Recht skeptisch beäugten Danaergeschenk (Wer braucht schon ein riesiges Holzpferd im Vorgarten?) sind doch alle Geschenke ein tolles Gut, welches dem Beschenkten Freude und dem Schenkenden Genugtuung ob der erwiesenen Wohltat beschert. – Wirklich alle Geschenke?

Saxokalypse Now

Nun, der kleine Freistaat Sachsen hat sich zum Jahresende – auch das kommt vor – selbst ein Geschenk gemacht. Nicht irgendein Geschenk – nein, den »Survivor«. Eine vom Rüstungsspezialisten Rheinmetall auf die Räder gestellte Allzweckwaffe, die im urbanen Kriegsgebiet Deutschlands zum Einsatz kommen soll und jeden selbstwertgestörten Besitzer eines überdimensionierten SUV vor Schreck erblassen lässt. Schließlich stehen einem mit diesem automobilen Monstrum zehn stählerne Tonnen Kampfgewicht an der Ampel gegenüber – und wer nicht spurt, bekommt wahlweise die auf dem Dach montierten Reizgas- und Nebelwerfer oder die im Rumpf gebunkerten Beamten des Spezialeinsatzkommandos in Vollmontur zu spüren.

Es versteht sich von selbst, dass dieses SPV (Special Police Vehicle) gegen Sprengfallen und Beschuss immun ist, was seinen Einsatzbereich über Freital, Heidenau und Clausnitz hinaus enorm erweitert, denn unser aller Freiheit wird schließlich immer noch am Hindukusch verteidigt. Gut gerüstet also – oder haben sich die aufmüpfigen Sachsen damit etwa einen stählernen Trojaner auf den Kasernenhof gestellt?

Final Countdown

Aus einer bestimmten Perspektive betrachtet, scheint dieses Geschenk einigermaßen vernünftig zu sein: Niemand wird ernsthaft bestreiten wollen, wie akut und real die Terrorgefahr an vielen Orten der Welt ist. Doch welche Symbolwirkung entfaltet ein derart kriegstauglich gepanzertes Gefährt, welches wohlgemerkt nicht von der Bundeswehr zur Verteidigung des Landes gegen feindliche Armeen, sondern von der Polizei für die Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit eingesetzt werden soll? Und wie haben wir den martialischen Namen dieser wehrmächtigen Weihnachtsüberraschung zu verstehen? Als ein bedeutungsschwangeres Nomen est omen? Denn während das Vorgängermodell, ein Räumpanzer im Polizeigrün der Achtziger, noch auf die schlichte Typbezeichnung »Sonderwagen 4« hörte, wird nunmehr konsequent der Terminator im sächsischen Beamten beschworen. Als ob es gälte, rohen Naturgewalten zu widerstehen, soll sich der »Survivor« im Dschungel der Großstädte bewähren, wo jeder Straßenzug ein Schlachtfeld ist und nur die Härtesten überleben werden. Die Apokalypse ist nah, weil man die Pferde für die Reiter schon gesattelt hat. Und zu dieser heroischen Endzeitstimmung passt ja auch die wohl überlegte und in den Medien bereits vieldiskutierte Fraktur-Stickerei, mit denen der stilbewusste Ausstatter die Sitze des Gefährts dekorierte.

New German Angst

Freilich ist es ein Leichtes, die sächsische Landesregierung ob ihres feinsinnigen Geschmacks in Sachen Selbstbeschenkung zu belächeln. Wenigstens bleibt in diesem seltenen Fall mal ein Erzeugnis der unser aller Wohlstand sichernden Rüstungsindustrie ausnahmsweise mal im eigenen Land und hilft nicht mit, Demonstrierende in Nahost oder Südamerika zu massakrieren. Nun gibt es an Geschenken wie diesen zwar schon einiges zu bedenken, doch trifft das eben auch auf nicht wenige derjenigen »Geschenke« zu, die sich Otto Normalverbraucher inzwischen überreichen oder sich mal eben selbst gönnen. Grob über den kritisch-theoretischen Daumen gepeilt, lässt sich sagen: Geschenke sind gemeinhin ein Zeichen der Zeit und ein guter Lackmus-Test für unseren Bewusstseinszustand – da sollten wir uns also mal bewusst nichts vormachen. Wie sieht es also aus? Nun, die Zulassungszahlen für zivile Automobilkolosse, mit denen man unterschiedslos Fußgänger, Radfahrer und kleinere Autos platt walzen kann, dürften im kommenden Jahr weiter steigen. Dem Gefühl der über dem Asphalt thronend dröhnenden Sicherheit entspricht in den eigenen vier Wänden das Bedürfnis, mit immer raffinierteren Gadgets das smarte Heim als feste Burg und Hort permanenter Überwachung auszustatten, den Ängsten reichlich Zucker und der Vernunft derweil die Peitsche gebend. Kluge und vorausschauende Zeitgenossen werden sich zudem präparieren und unterirdische Lager mit Vorräten anlegen, um mit ausgeklügelten survival packs für die Zeit nach der Katastrophe gerüstet zu sein.

Back Flip

Das Problem ist jedoch: Mit einer derart weitgehenden Selbstüberantwortung an Technologien und überhaupt an Dingen, die absolute Sicherheit gewähren sollen (digital oder handfest wie der »Survivor«), haust sich der post-souveräne Mensch in all seiner zögerlichen Unentschiedenheit wie ein Igel immer weiter ein, um der »bösen Welt« da draußen‹ nur mehr stachelbewehrt begegnen zu müssen. Die vermeintlich guten Gaben entlarven sich letzten Endes als vergiftete Geschenke des Menschen an sich selbst, weil er dabei permanent das Wichtigste vergisst: Wer sich die Welt vom Leibe halten will, hat nicht begriffen, wie konstitutiv diese Welt für ebendieses In-der-Welt-sein ist. Dem trojanischen Pferd sah man es damals nicht an, was in ihm steckt, bis nächtens die Griechen mit Schwert und Bogen aus seinem Bauch gekrochen kamen. Es ist fraglich, ob eine Gesellschaft wirklich einen Beitrag zur Sicherheit darin sehen sollte, kriegstauglich bewaffnete Spezialeinheiten mitten in zivilen Lebensbereichen aus dem Bauch eines »Survivor« klettern zu lassen.

Foto: Carlos Emmanuel Carlos, www.flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

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