Geschenke | Schöne Bescherung

Eigentlich ist Schenken ja etwas Schönes. Wer schenkt, möchte man meinen, teilt mit von der großen Fülle dieser Welt; umgekehrt erfährt von dieser Fülle, wer sich beschenken lässt. Dabei, so heißt es, ist Geben seliger denn Nehmen. Es ist vielleicht nicht ganz ein Wiederholen, aber doch eine Art Erinnern an den Schöpfungsakt, bei dem, so der Mythos, Gott die Welt ins Sein brachte und ihr zugleich übervoll von seiner Pracht und Herrlichkeit mitteilte, selbstlos und ohne eine Gegengabe zu erwarten – außer vielleicht ein wenig Liebe und Dankbarkeit.

Von der Pflicht der Dankbarkeit

An dieser Sicht der Dinge kann man im tätlichen Geben und Nehmen leicht irre werden. Man lese daraufhin Kant. Beim Schenken, so der redliche Königsberger in seiner Metaphysik der Sitten, treten Menschen in eine Relation zueinander, die alles andere als symmetrisch ist. Zumal Geschenke einem ohne vorherige Zustimmung »aufgedrungen« werden: »Man kann [nämlich] durch keine Vergeltung einer empfangenen Wohltat über dieselbe quittieren: weil der Empfänger den Vorzug des Verdienstes, den der Geber hat, nämlich der erste im Wohlwollen gewesen zu sein, diesem nie abgewinnen kann.« Schenken ist also letztlich eine Art Kuhhandel und Wettbewerb, durch den der Beschenkte in große Verlegenheit gebracht wird, da er ihn zu Dankbarkeit und Gegengabe verpflichtet, während der Schenker, zumal der vermögende, sich in einer äußerst komfortablen Lage wiederfindet: »Das Vergnügen, was er sich hiemit selbst macht, welches ihm keine Aufopferung kostet, ist eine Art, in moralischen Gefühlen zu schwelgen«, so Kant.

Dem geschenkten Gaul

Dies ist besonders ärgerlich, wenn man das Erhaltene nicht einmal brauchen kann; zumal es als unschicklich gilt, Geschenke zurückzugeben oder weiterzureichen. Mir selbst geht es regelmäßig mit geschenkten Büchern so. Zwar lese ich gerne und viel, aber nicht alles und jeden. Auch mit Gutscheinen ist es so eine Sache. In der Regel findet sich ja doch keine Gelegenheit, sie einzulösen. (Gar nicht mag ich überdies Topfblumen zum Geschenk.) Umgekehrt bin ich natürlich selbst nicht gefeit davor, Nutzloses zu schenken. Oft weiß man einfach nicht, wie man es anstellen soll, das Richtige zu treffen. Weder der Eindruck: »Darüber würde ich selbst mich freuen« noch der: »Das müsste ihm oder ihr eigentlich gefallen«, sind unbestechliche Ratgeber.

Unbedingt sollte man jedenfalls vermeiden, mittels Geschenken auf andere geschmacksbildend oder moralerziehend Einfluss zu nehmen: »Ich kann niemand nach meinen Begriffen von Glückseligkeit wohltun (außer unmündigen Kindern oder Gestörten), sondern nach jenes seinen Begriffen, dem ich eine Wohltat zu erweisen denke, indem ich ihm ein Geschenk aufdringe“, sagt Kant an besagter Stelle.

Geschenkt ist geschenkt

Nun haben Geschenke von jeher über den praktischen Nutzen hinaus zusätzliche Funktionen. Es gibt rein symbolische Geschenke, die allein deshalb übergegeben werden, um Wertschätzung auszudrücken;wie etwa Staatsgeschenke. (Wer hierfür Sinn und Interesse hat, dem sei die Sammlung von Memorabilien aus den frühen Sowjetjahren im Moskauer Lenin-Museum ans Herz gelegt. Sie ist in ihrer Art kaum zu übertreffen.) Auch im Alltag finden sich Beispiel für symbolische Gaben: von Belegschaften an ihre Chefs oder Patienten an ihre Ärzte. Schön zu lesen ist dahingehend die Schilderung, die Thomas Mann uns in Zauberberg vom Weihnachtsabend im Sanatorium Berghof gibt: »Die Geselligkeit dieses Abends erhielt Gewicht und Leben durch die Überreichung der Geschenke an den Hofrat […]. Die Sondergabe der Russen bestand in etwas Silbernem, einem sehr großen, runden Teller, in dessen Mitte das Monogramm des Empfängers eingraviert war, und dessen vollkommene Unverwendbarkeit in die Augen sprang. Auf der Chaiselongue, die die übrigen Gäste gestiftet hatten, konnte man wenigstens liegen […] und Behrens probierte ihre Bequemlichkeit, indem er sich, seinen nutzlosen Teller unter dem Arm, der Länge nach darauf ausstreckte, die Augen schloss und zu schnarchen begann wie ein Sägewerk, unter der Angabe, er sei Fafnir mit dem Hort. Der Jubel war allgemein.«

Danaergeschenke

Mitunter können Geschenke nicht nur nutzlos, sondern sogar explizit schädlich für den Beschenkten sein. Mythos und Literatur geben auch davon Zeugnis: Zu denken ist an den Trojaner Paris, der von Aphrodite die schönste Frau der Welt geschenkt bekommt, deretwegen seine Vaterstadt zerstört und er selbst getötet wird; an Herkules, dem seine Frau Deïaneira das Nessoshemd überreicht, dessen Gift ihm derart Schmerzen bereitet, dass er, sie zu beenden, ins Feuer springt, oder an den armen, sehschwach gewordenen Taigajäger Dersu Usala, der von seinem Freund und Bewunderer Wladimir Arsenjew ein teures Gewehr gestiftet bekommt, das zu erbeuten, ihn Räuber ermorden. Vielleicht trösten diese Episoden angesichts des einen oder anderen kleineren Missgriffs aus jüngster Vergangenheit. Und auch wenn sie einmal zu nichts nutze ist: der symbolische Wert der Gabe beleibt. Zeigt sie doch, dass an uns gedacht wurde (möglicherweise in Liebe). Und, ja, am Ende bleibt es dabei: Eigentlich ist Schenken etwas Schönes.

Foto: Mikael Kristenson, https://unsplash.com

Zur Person Peter Heuer

Peter Heuer ist kein Pseudonym. Er schrieb ein Buch über den Artbegriff, lehrt Philosophie, wohnt in Leipzig und Gräfenroda und versucht zu ergründen, was es mit der Seinsweise von Lebewesen auf sich hat.

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