Geschenke | Ponyfreundschaft

Der notorische Klugschwätzer, den wir »Volksmund« nennen, hat zwei sprichwörtliche Ratschläge parat, die er ungefragt zum Besten gibt, sobald sich unsere Überlegungen auf das Thema »Geschenke« richten. Als potenzielle Schenker werden wir von ihm recht penetrant daran erinnert, dass kleine Geschenke zum Erhalt der Freundschaft beitrügen. Als potenziell Beschenkte mahnt er uns indes, einem geschenkten Gaul keineswegs ins Maul zu schauen.

Kandare

Man mag es nun für einen erstaunlichen Zufall oder auch für eiskalte Berechnung halten, aber glücklicherweise drehen in meinem engeren Freundeskreis weder Pferdehalter, -züchter noch -händler ihre Runden. Als nicht minder glücklich ist der Umstand zu erachten, dass ich noch nie — auch nicht in den verwirrtesten Phasen meines bisherigen Lebens — den Drang verspürte, mich für Veterinärdentologie zu interessieren. Zwar führt die Abwesenheit derartiger Interessen und ebensolcher Freunde vermutlich dazu, dass ich niemals ein freundschaftserhaltendes Pony als kleines Präsent überreicht bekommen werde, in dessen weit aufgerissenen Schlund ich dann zwanghaft starren muss, ohne es zu dürfen. Aber auf das zweifelhafte Vergnügen, von der verbotenen Frucht eines heimlich beobachteten Pferdegebisses zu kosten, verzichte ich gerne.

Gerte

Ich glaube sogar, dass mein mangelnder Hang zur equodentalen Heimlichtuerei und meine fehlenden sozialen Kontakte zu Personen, die sich auf Reiterhöfen herumtreiben, allerlei Vorteile mit sich bringen. So müsste ich mir beispielsweise keine Gedanken darüber machen, der einen oder anderen Gestütbekanntschaft auf die Füße zu treten, ließe ich mich kritisch über das Maul eines Gauls aus, der als galoppierende Gabe auf mich zukäme. Eben diese Unverbundenheit, die auch gerne an Unverfrorenheit grenzen darf, prädestiniert mich zweifelsohne dazu, dem ungefragt Geschenktipps ausstoßenden Volksmund endlich mal das Maul zu stopfen. Also, wohlan!

Zügel

Um es gleich zu sagen: Dass kleine Geschenke die Freundschaft erhalten, stimmt mitnichten einfach so! Das hängt nämlich immer von der Qualität des jeweiligen kleinen Geschenks ab. Ich für meinen Teil würde zwar nicht unbedingt behaupten, dass ich mit den meisten Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind, trotz ihrer Geschenke weiterhin befreundet bin. Aber wegen ihrer Geschenke bin ich es jedenfalls auch nicht. Mir reicht es nämlich völlig aus, wenn mir jemand geschenkfrei zu verstehen gibt, dass er mich mag und an mich gedacht hat. Damit ich dies begreife, muss man mir nicht irgendetwas Selbstgebasteltes, Selbstgemaltes oder Selbstgestricktes schenken, wofür nur wieder wertvoller Stauraum im Keller geopfert wird. Auch sollte man mir nicht irgendwelche postmodernistischen Romane aserbaidschanischer Avantgardeliteraten auf den Gabentisch legen. Derlei Machwerke, in denen man so etwas wie eine Narration zwar mit der Lupe suchen kann, aber niemals finden wird, lese ich einfach nicht. Und daher hat auch ein solches Geschenk lediglich zur Folge, dass ein weiteres Opfer zu beklagen ist, nämlich der nicht minder wertvolle Stauraum im Bücherregal. Außerdem ist dringlichst davon Abstand zu nehmen, mir irgendwelche Gutscheine für das Absolvieren erlebnisgesättigter Freizeitgestaltung zu schenken. Es gibt nur wenige Zeitvertreibe, die mir verhasster sind, als Wellnesswochenenden, Paraglidinganfängerkurse oder Keramikworkshops in Umbrien.

Will man mit mir gut Freund sein, so tut man nicht schlecht daran, mir am besten gar nichts zu schenken, außer seine ungeteilte Aufmerksamkeit für die Zeit des Beisammenseins. Wenn es denn aber doch unbedingt materiell handfester sein soll, so finde ich Geld als Geschenk natürlich auch nicht so schlecht. Entgegen dem allgemeinen Vorurteil des lieblos Unpersönlichen, ist es nämlich gar nicht soooo unpersönlich. Denn oftmals repräsentiert es ja einen Teil der ganz persönlich geleisteten Arbeit des Schenkenden. Erfreulicherweise ist es aber unpersönlich genug, um den Geschmack des Schenkenden nicht widerspiegeln zu können. Das ist ein unschlagbarer Vorteil, der Geld über alle anderen materiellen Geschenke erhebt. Allzu viel Stauraum benötigt es auch nicht. Und sollte der Safe dann wirklich einmal aus allen Nähten platzen, kann man es ja immer noch zur Bank bringen. Verachte mir also niemand Geldgeschenke! Türkischstämmige Hochzeitspaare und -gäste sind da all jenen weit voraus, die noch immer versuchen, mit Fingerfarben irgendetwas Höchstpersönliches auf eine alte Pappe zu schmieren.

Sporen

Um jetzt Missverständnissen vorzubeugen, sollte ich aber vielleicht noch folgende Anmerkung anfügen. Man kann mir zwar sehr gerne Geld schenken, wenn man das möchte. Eine schlichte Absichtserklärung via Kommentarfunktion (siehe unten) reicht aus, und ich sende Ihnen gerne umgehend meine Bankverbindung zu. Allein dafür erhält man jedoch noch lange nicht meine Freundschaft. Da muss man sich schon ein bisschen mehr einfallen lassen! Auch weigere ich mich, die Schenkung auf einer Autobahnraststätte entgegen zu nehmen. Und ich kann ebenso wenig versprechen, die Namen der edlen Schenker nicht zu verraten. Wir sind hier ja schließlich nicht in Bonn oder Oggersheim. Überhaupt scheint mir der volksmundige Ratschlag, dass kleine Geschenke die Freundschaft erhalten, gar nicht für wirkliche, wahre oder — wie Aristoteles sagt — vollkommene Freundschaften zu gelten. Dieser Tipp ist viel eher für jene instrumentellen Verbindungen gedacht, die man früher als »Zweckfreundschaft«, »Seilschaft«, »Klüngel« oder »Filz« bezeichnete und die heute unter dem fischereilichen Euphemismus »Netzwerk« firmieren. Netzwerke haben mit Freundschaft aber ebenso wenig gemein wie Paraglidinganfängerkurse mit gelungenen Geschenken.

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Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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