Firmenphilosophie | Anleitung zum richtigen Betrügen

Auweia, Mist gebaut – und erwischt worden. Wie kann es sein, dass Unternehmen als hoch rationale Akteure auch im 21. Jahrhundert nicht in der Lage sind, richtig zu betrügen? Sie begehen ganz offensichtlich Fehler, die dringend analysiert und getilgt werden müssen. Dies ist eine Anleitung für eine neue Unternehmensphilosophie, eine Anleitung zum richtigen Betrügen.

Moral ist, was dem Unternehmen nützt

Erstens: Die Einhaltung von Recht und Moral ist dahingehend zu prüfen, ob sich daraus einzelwirtschaftlich Vorteile ergeben. Unternehmen sollten sich nicht von einer Rhetorik irritieren lassen, die gesellschaftlichen Werten und rechtlichen Regeln irgendeinen hervorragenden Status zuspricht. Es gilt eine einfache Faustformel: Höhe der Strafe mal Entdeckungswahrscheinlichkeit. Zweitens: Es ist für einen strategischen Betrug von essentieller Bedeutung, dass Unternehmen sich auf Ihre Mitarbeiter verlassen können. Integrieren Sie den Begriff »Loyalität« in Ihre Corporate Vision und führen Sie regelmäßige Trainings mit den Mitarbeitern durch. Jedem und jeder muss klar sein: Betriebsgeheimnisse bleiben im Unternehmen. Das gilt auch, ja sogar besonders, für Praktiken, die andere schädigen. Drittens: Stellen Sie sicher, dass mögliche »Whistleblower« über geeignete Software-Systeme frühzeitig identifiziert und schnellstmöglich freigesetzt werden.

Lob der Verschwiegenheit

Viertens: Wenn Ihr Betrugsfall trotz sorgfältiger strategischer Ausrichtung (planen – steuern – messen, das ist übrigens Chefsache) auffliegt, müssen Köpfe rollen, um den Anschein zu erwecken, dass jemand zur Verantwortung gezogen wird. Fünftens: Es ist, damit zusammenhängend, wichtig, dass Verschwiegenheitsklauseln in Arbeitsverträgen auch bei einem Ausscheiden der Mitarbeiter aus dem Unternehmen greifen. Sie können dies über eine finale Bonuszahlung unter der Auflage der Verschwiegenheit sicherstellen oder an den Erhalt noch nicht ausgezahlter Boni koppeln. Das klappt immer! Sechstens: Vermeiden Sie es, sich über sogenannte Corporate Social Responsibility-Programme öffentlich zu exponieren. Sie ziehen damit unnötig Aufmerksamkeit auf Ihr Unternehmen und stehen damit unter ständiger Beobachtung durch die Gesellschaft und – besonders verheerend – durch kritische Nichtregierungsorganisationen, die ihre Aktivitäten als ein Versprechen missverstehen.

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Siebtens: Unternehmen sollten möglichst Geschäfte in den USA vermeiden. Die USA verfügen im Gegensatz zu Deutschland über ein Unternehmensstrafrecht, aus dem empfindliche Strafen resultieren können. In Deutschland werden Vergehen von Unternehmen bisher nur als Ordnungswidrigkeit – so wie Falschparken – geahndet und sind daher deutlich günstiger. Achtens: Begründen Sie Ihre Betrugsstrategie im Entdeckungsfall mit dem einfachen Argument, dass auch andere Unternehmen gegen Recht und Moral verstoßen. Benutzen Sie hier gerne den Begriff »Wettbewerbsfähigkeit«. Und ganz wichtig: Vermeiden Sie es, über Gewinneinbußen zu reden; sprechen Sie lieber von der Rettung von Arbeitsplätzen. Neuntens: Es ist Unternehmen und ihren Verbänden in den vergangenen Jahren durch ihre Interessenspolitik in erfreulicher Weise gelungen, politische Regulierungen und Sozialstandards abzubauen. Doch Vorsicht! Die Linken sind zunehmend besser organisiert und gefährden mit ihren sozialistischen Hirngespinsten unsere freiheitlich-wirtschaftliche Grundordnung. Es bedarf stärkerer Anstrengungen, um die Vormachtstellung auf dem »Markt der Ideen« beizubehalten oder gar auszubauen. Lewis F. Powell schlug in seinem »Confidential Memorandum: Attack of American Free Enterprise System« bereits 1971 vor, Unternehmen sollten 10 Prozent ihres Marketing-Budgets für eine Interessenspolitik (die Linke spricht hier fälschlicherweise von »Lobbying« der freien Marktwirtschaft ausgeben. Setzen Sie Prioritäten und restrukturieren Sie Ihr Marketing-Budget: TTIP muss kommen!

Linke Gehirnwäsche

Zehntens: Universitäten ist es bislang sehr gut gelungen, an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten das zu unterrichten, um was es gehen muss. Es ist nun mal so, dass Unternehmen keine Wohlfahrtsverbände sind, sondern einzig und allein ihre Gewinne maximieren müssen. Das – und nur das – ist ihre moralische Pflicht. Diese Maßgaben sind in hervorragender Art und Weise durch die moderne Ökonomik unterstützt worden. Doch auch in diesem Bereich tut sich Bedenkliches. Eine neue Generation von Studierenden soll sich vermehrt für Fragen von Moral und Ethik interessieren. Mehr noch, die jungen Menschen werden über Fächer wie »Nachhaltigkeit« und »Wirtschaftsethik« – sogar »Genderstudies« sollen auf dem Stundenplan stehen – einer linken Gehirnwäsche unterzogen, die sie zunehmend verwirren. Es muss zum einen wieder gelingen, wirtschaftlichen Interessen stärkeren Ausdruck im universitären Curriculum zu verschaffen. Zum anderen gilt es, die Berufungspolitik für neue Professoren an Universitäten gezielt zu beeinflussen. Machen Sie Ihren Einfluss geltend!

Foto: carnagenyc, www.flickr.com, CC BY-NC 2.0

Zur Person Thomas Beschorner

Thomas Beschorner sagt als Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St.Gallen: „Foul ist nicht nur, wenn der Schiedsrichter pfeift“. Er ist u.a. Mitherausgeber der "Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik".

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