Firmenphilosophie | honoris causa

Unternehmen sind auf unverschämte Weise unersättlich. Nicht nur ihre Gewinne wollen sie maximieren. Daran hat man sich inzwischen ja zähneknirschend gewöhnt. Aber nein, sie wollen noch mehr, viel mehr. Eine eigene »Unternehmensphilosophie« wollen sie haben. Der schnöde Mammon reicht ihnen nicht mehr. Ein intellektueller Anstrich muss her, und geradezu bildungsbürgerlich soll es zugehen.

Ware Philosophie

Da können die wahren Philosophen, also diejenigen Menschen, die an irgendeiner Universität – mehr oder weniger aufrichtig – einen Doktortitel in Philosophie erworben haben, nur die Nase rümpfen. Auch ihre intellektuellen Freunde, also diejenigen, die an irgendeiner Universität – mehr oder weniger aufrichtig – einen Doktortitel in einer anderen Geisteswissenschaft – und wenn es unbedingt sein muss – alternativ auch in einer Sozialwissenschaft erworben haben, stiften sie dazu an, die Nase zu rümpfen. Kräftig gerümpft wird also und bramarbasiert: Wie kann das denn sein, mit der Unternehmensphilosophie? Kann es doch gar nicht geben. Können sie doch gar nicht haben, die Unternehmen. Sie verstehen doch nicht einmal was Philosophie ist. Das können sie schon aus rein logischen Gründen gar nicht, weil sie nämlich überhaupt nichts verstehen können. Und wer nichts verstehen kann, der kann auch nicht verstehen, was Philosophie ist. Logisch oder? Rein gar nichts können Unternehmen übrigens deshalb verstehen, weil sie über keine mentalen Eigenschaften verfügen. Vernünftigkeit ist jedoch eine mentale Eigenschaft und eine Voraussetzung dafür, überhaupt irgendetwas verstehen zu können. Rein logisch gilt also… blahblahblah. So oder so ähnlich wird sich die indignierte Philosophin gegen die Unternehmensphilosophie verwahren.

pizza

Mal ehrlich: Ich kann diese ganze Aufregung nicht verstehen. Von mir aus können Unternehmen auch in Philosophie promovieren. Volkswagen könnte beispielsweise eine Doktorarbeit über Max Scheler und die Ethik der Korruption schreiben. Danach könnte Dr. Volkswagen auf Vorwürfe frei nach Scheler so reagieren: »Von einem Wegweiser erwartet man doch auch nicht, dass er in die Richtung geht, in die er weist.« Mit ungefähr diesem Satz soll Scheler auf die Vorhaltung reagiert haben, einerseits Ethik zu betreiben und andererseits ein für damalige Verhältnisse höchst unmoralischen Lebenswandel zu pflegen. Für Volkswagen würde sich solch ein Doktortitel also lohnen. Für andere Unternehmen übrigens auch.

Dr. Dr. Oetker

Oetker könnte beispielsweise über John Stuart Mill und die Wertlosigkeit sinnlicher Genüsse promovieren, um damit ihre Papppizzen zu rechtfertigen. Danach hätten wir es eben mit Dr. Dr. Oetker zu tun. Auch beeindruckend. Ohnehin gilt ja, dass Philosophie nur ein Wort ist und Wörter bedeuten eben das, was Menschen und Unternehmen aus oder mit ihnen machen. Wenn Unternehmen von ihrer »Philosophie« sprechen, dann meinen sie damit offensichtlich etwas anderes als Akademikerinnen. Na und? Wenn John Cryan von seiner »Bank« spricht, dann meint er damit ja auch etwas anders als mein nicht-existenter Onkel auf der Alm, wenn der von seiner Bank erzählt.

Ein eher bescheidener Philosophiebegriff

Unternehmen meinen, wenn sie von ihrer Philosophie sprechen, wohl so etwas Alltägliches wie eine mehr oder weniger durchdachte und kohärente Vorstellung von ihren Zielen und Werten. Das ist zugegebenermaßen kein besonders gewitzter Philosophiebegriff. Aber warum sollte er nicht trotzdem legitim sein? Er hat doch schon auch was mit Weisheit zu tun. Außerdem hätte solch ein bescheidenes Philosophieverständnis durchaus etwas mit den Anfängen der Philosophie in der Antike und der Suche nach dem Lebensglück zu tun. Auch das Unternehmensglück will wohlerwogen sein. Der Umstand, dass die philosophischen Ergüsse von Unternehmen auf ihren Webseiten nicht besonders beeindruckend sind, sollte ebenfalls nicht wirklich überraschen. Unternehmen in der heutigen Gestalt gibt es gerade einmal seit etwas mehr als hundert Jahren. Historisch betrachtet sind Unternehmen also ziemlich kleine Kinder und entsprechend fallen auch ihre ersten philosophischen Gehversuche aus. Sie können sich nicht mit Platon, Nietzsche oder Precht messen. Sie ähneln da doch mehr der kleinen Sophie und bewegen sich eher in ihrer Welt als auf akademischen Pfaden.

Ehrenhalber

Da sich Unternehmen auch in philosophischer Hinsicht also eher auf Grundschulniveau bewegen, sind sie vielleicht doch nicht reif für die Promotionsprüfung. Aber stattdessen kommt ja immer noch – honoris causa – ein Ehrendoktor, also ein Dr. h.c., in Frage; etwa für herausragende Leistungen im Bereich der angewandten Wissenschaften als besonderer Verdienst am deutschen Volke. Kandidaten fallen einem da sofort ein. Dr. h.c. Heckler & Koch beispielsweise. Oder Dr. h.c. Heckler & Dr h.c. Koch? Das wäre dann noch zu klären.

 

Foto: JaBB, www.flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

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