Firmenphilosophie ∣ Das gibt’s ja gar nicht!

Wir beschäftigen uns diesmal also mit etwas, das es bestenfalls dem Namen nach, in Wirklichkeit jedoch überhaupt nicht gibt. Denn »Philosophie« meint mitnichten das Compliance-Geplapper irgendwelcher Betriebswirte und Öffentlichkeitsarbeiter. Vielmehr könnte »Philosophie« das Denken darüber sein, wie überhaupt dieser oder jener Begriff der Begriff sein kann, der er sein soll.

Geplapper

Begriffe, über die in der Philosophie traditionell gerne nachgedacht wird, sind z.B. ›Sein‹, ›Denken‹, ›Handeln‹, ›Urteilen‹, ›Wahrheit‹ oder ›Bedeutung‹. Aber man kann natürlich auch über jeden anderen Begriff nachdenken. Wichtig ist dabei nur, dass man nicht einfach mit oder in dem Begriff denkt, indem man ihn schlicht auf das Bedachte anwendet. Vielmehr muss man über seine Anwendung nachdenken. Daher ist Philosophie als solche auch stets Metaphysik. Das unterscheidet Philosophie von empirischer Wissenschaft. Viele empiristisch und szientistisch gestimmte Philosophen ignorieren diesen Unterschied. Diejenigen, die »Firmenphilosophie« betreiben, haben ihn indes niemals verstanden. Dieses Unverständnis führt dazu, dass »Firmenphilosophen« schlicht ein paar vom Zeitgeist vorgestanzte Begriffe nachplappern und sie mit dem üblichen Allerweltsgeschwafel des post-fordistischen Kapitalismus ausschmücken. Derlei lässt sich heutzutage in jedem drittklassigen Existenzgründerseminar und auf jeder erstklassigen Vorstandsetage nur allzu leicht beobachten.

Bullshit

Zur Zeit beliebte »firmenphilosophische« Begriffe sind etwa ›Integrität‹, ›Nachhaltigkeit‹, ›Kundenorientierung‹, ›Innovation‹, ›Kritikfähigkeit‹, ›Disziplin‹, ›Kommunikation‹, ›Mobilität‹, ›Flexibilität‹, ›Partnerschaft‹, ›Transparenz‹, ›Engagement‹ usw. usf. An diesen Pawlowschen drool-words kommt heutzutage offenbar kein »Firmenphilosoph« vorbei. Hat er sie dann aber erst einmal in einer schön anzuschauenden Tabelle aufgelistet, so ist das allerdings auch schon fast die ganze Miete. Denn jetzt muss er nur noch schnell ein paar je branchenspezifische Vokabeln drumherum wurschteln — und schwuppdiwupps sowie Täterätää: Fertig ist die »Firmenphilosophie«! Was dabei stets herauskommt, ist allerdings ein durchweg dröger Potpourri aus unreflektierten Worthülsen, welcher rein gar nichts mit Philosophie zu tun hat, aber hervorragend zum Hypnotikum taugt. Meist ist man nämlich schon nach dem ersten Postulat der mit viel Tamtam angekündigten »Firmenphilosophie« eingeschlafen. Wach bleibt man gelegentlich nur deshalb, weil man gerade damit zu kämpfen hat, dass sich einem die Zehennägel hochbiegen, ob des ganzen kodifizierten Bullshits, der an Banalität nur schwerlich zu übertreffen ist.

Deutsche Bank

Ein gutes Beispiel für derlei Zehennägel verbiegenden Mist sind die »Werte und Überzeugungen der Deutschen Bank«, die sich der so genannte »Integritätsausschuss« des Kreditinstituts seit 2013 aus den Rippen gequetscht hat, um einen so genannten »Kulturwandel« einzuleiten. Die Werte der Deutschen Bank lauten — surprise, surprise — Integrität, nachhaltige Leistung, Kundenorientierung, Innovation, Disziplin und Partnerschaft. Und die damit irgendwie zusammengewurschtelten Überzeugungen lassen sich auch so schön kodifizieren, dass einem die Tränen in die PowerPoint-gebeutelten Augen steigen:

DB_Werte

Es dürfte kein Zufall sein, dass diese Tabelle unter der Ägide von Anshu Jain und Jürgen Fitschen entstand. Beide traten vor gut drei Monaten als Vorstandsvorsitzende unter anderem auch deshalb zurück, weil die Deutsche Bank in der Libor- und Euribo-Affäre die Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar zahlen musste. Mit Blick auf diese Affäre urteilte das US-Justizministerium, dass Mitarbeiter der Deutschen Bank rund um den Globus und über Jahre hinweg illegal Referenzzinssätze manipuliert hätten. Die britische Finanzaufsicht ließ verlauten, dass die Unternehmenskultur der Deutschen Bank darin bestünde, Gewinne zu machen, ohne dabei auf die Integrität des Marktes zu achten. Und beide Institutionen kamen darin überein, dass die Deutsche Bank die Aufklärung der Affäre auch massiv behindert hätte.

Thrasymachos‘ Erben

Man könnte diese eklatante Kluft zwischen schön aufgelisteten Benimmregeln und der üblichen Geschäftspraxis für eine Eigenheit der Deutschen Bank halten oder gar nur persönliches Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter vermuten. Allerdings scheint es nicht zu weit hergeholt, einen weiter reichenden Verdacht zu hegen. Beginnt man nämlich damit, über die hier vorgeführten Begriffsverwendungen philosophisch nachzudenken, anstatt sie lediglich firmenphilosophisch nachzuäffen, so wird man nicht bloß feststellen, dass Papier zu geduldig ist. Vielmehr wird man vielleicht auch erkennen, dass Kallikles und Thrasymachos die Paten jeglicher kapitalistischen »Firmenphilosophie« sind.

Tabelle: Deutsche Bank, www.db.com

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

2 Kommentare

  1. Andrej Telle · Oktober 17, 2015

    Offensichtlich ist die Firmenphilosophie vor allen Dingen in Zeiten der digitalen Märkte mehr ein Marketinginstrument geworden als ein Werkzeug zur internen Ausrichtung und Entscheidungsfindung bei moralischen Fragen. Vermutlich hat auch kein Mitarbeiter der Deutschen Bank jemals die Werte des Integritätsausschusses zu lesen bekommen. Und selbst wenn, dann vermutlich mit einem verschmitzen Schmunzeln und einem Gefühl von Stolz auf die Genialität der firmeneigenen Marketingtexter zur Kenntnis genommen.

    • Hoffmann · Oktober 17, 2015

      Ja, so sehe ich das auch. Voll und ganz! Was fehlt, sind nicht irgendwelche kodifizierten Benimmregeln, sondern eine praktische Vernunft, die an so scheinbar altmodischen Tugenden wie Ehrlichkeit, Redlichkeit und Anstand orientiert ist. Das kann man nicht kodifizieren und dann wie ein Lexikon auswendig lernen. Vielmehr muss man praktisch wissen, was in dieser und jener Situation zu tun ist. Was es dazu bedarf, ist eine Erziehung, die sittliche Herzensbildung ist. Und natürlich bedarf es auch eines Gesellschaftssystems, das nicht den rationalen Egoismus für die höchste Form praktischer Vernunft hält und belohnt. Kurzum: Es bedarf der Moral und nicht des Marketings.