Firmenphilosophie | Ethische Emissionen

Sie haben alle eine: das Bankhaus Sal. Oppenheim, die auf Montage- und Befestigungsmaterial spezialisierte Firma Würth, der Sexspielzeug-Hersteller Bonque, Pepsi Cola und Pep Guardiola. Mein Coffee-Shop unten an der Ecke hat die ihre stolz ins Schaufenster gehängt, und selbstverständlich kann auch der derzeit gebeutelte Volkswagen-Konzern nicht darauf verzichten: auf eine firmeneigene »Philosophie«.

VW und VWL

Man gibt sich heute in der Wirtschaft gern den Anstrich, überaus grundsätzlich und ethisch tiefschürfend über die eigene Kundenorientierung nachzudenken. Zwar wirken diese – hochtrabend als »Philosophie« bezeichneten – Ergüsse meist trivial, etwas schleimig und auch unfreiwillig komisch (»Sie sind Genießer mit einem Faible für Kunst. Unsere Vibratoren sind nicht nur formschön und funktionell, sondern gleichzeitig ein kleines Kunstwerk«). Doch ihren Zweck mögen sie bisweilen erfüllen: Eine Unternehmensphilosophie soll beim Kunden für Glaubwürdigkeit sorgen, indem sie Antworten auf »große Fragen« gibt: Was ist der »Sinn« der eigenen Unternehmung? Was macht »gutes« Wirtschaften aus? Sind die eigene Produkte ethisch oder auch ökologisch »unbedenklich«? Abgesehen davon, dass man wohl VWL studiert haben muss, um zu glauben, dass die genannten Fragen philosophische Fragen sind: Die betreffenden Antworten, die das ethische Leitbild vermittelt, sind in ihrer rhetorischen Funktion so kackfrech wie durchschaubar.

Tarnfahrzeug

Nehmen wir das Beispiel des Wolfsburger Autokonzerns, dessen Leitbild aus der Werte-Trias »Qualität«, »Sicherheit« und »Passgenauigkeit« besteht. Dieses Programm könnte so auch auf dem Zettel jenes oben bereits erwähnten Bundesliga-Toptrainers stehen, der dem FC Barcelona einst das »Tika-Takka« beibrachte und von dem es heißt, er diskutiere mit seinen Spielern gelegentlich die Werke von Kant und Hegel. Wichtiger aber ist das Folgende: Wenn man es genau nimmt, dann haben die Verantwortlichen im jüngst ruchbar gewordenen VW-Skandal um manipulierte Abgaswerte überhaupt gar nicht gegen dieses konzerninterne Leitbild verstoßen. Auch wenn die ethische Glaubwürdigkeit des Konzerns im Stresstest der transatlantischen ASU verpufft zu sein scheint wie »clean diesel«, besteht nicht schon ein logischer oder auch nur ein performativer Widerspruch zwischen dem Besitz eines inhaltlich bestimmten ethischen Leitbilds und dem dummdreisten Betrug von hundertausenden Kunden.

Corporate Irresponsibility

Die zitierte VW-Philosophie ist nicht bloß deshalb exemplarisch, weil sie, wie fast jede andere Firmenphilosophie auch, das wichtigste aller Unternehmensziele auffallend unerwähnt lässt: die Gewinnmaximierung. Dieser Tarnanstrich altruistischer Bescheidenheit in Fragen der Kapitalakkumulation steht bloß im Dienste eines größer angelegten ethischen Etikettenschwindels, der umso mehr rhetorischen Aufwand mit sich bringt, je problematischer die dahinter zu verbergenden Absichten sind. Anders gesagt: Es ist zu vermuten, dass Firmen umso dringlicher eine tarnende Philosophie, eine ethische Camouflage durch »corporate philosophy« benötigen, je bedenklicher die von ihr praktizierte Wirtschaftsweise ist. Aus dem Bemühen, auf dem Markt nicht unangenehm aufzufallen, wird so rasch pseudophilosophische Scheinheiligkeit – wie überhaupt der Versuch, dem Kapitalismus durch »Wirtschaftsethik« moralische Zügel anzulegen, dem Versuch gleicht, den Krieg durch Genfer Konventionen zu bändigen. Schön, dass es diese Konventionen gibt, aber: Krieg ist nun mal Krieg! Oder um es in den Worten des derzeit ebenfalls arg gebeutelten Handfeuerwaffen-Herstellers Heckler & Koch zu sagen: »Bei der Infanterie findet eine Abkehr statt von der Philosophie einer Standardwaffe (»One fits all«) hin zu einem nutzer-/auftragsspezifischen Waffenmix.«

Clean Philosophy

Die Konzernzentrale könnte nun natürlich zurückfragen und dem ach so kapitalismuskritischen Philosophen den Spiegel vorhalten: »Und was lernt die akademische Philosophie aus diesen ethischen Abgasuntersuchungen? Trügt denn der Eindruck, dass viele von denen, die an der Universität Ethik und Moralphilosophie betreiben, es ebenfalls selbst dringend nötig haben?« Dieser Eindruck trügt nicht, wie mir scheint. Zugleich drängt sich gelegentlich der Eindruck auf, dass innerhalb der Akademien nicht bloß ein vermehrtes Aufkommen an anwendungsfreundlicher Philosophie für Firmen zu diagnostizieren ist, sondern auch ein vermehrtes Aufkommen von Firmen für Philosophie. Angesichts eines wachsenden Kosten-, Verwertungs- und Legitimierungsdrucks, dem fraglos auch die universitäre Philosophie ausgesetzt ist, wächst zugleich die Bereitschaft – und zwar keineswegs nur im florierenden Bereich der Wirtschaftsethik – immer mehr möglichst stromlinienförmige Publikationen in den Windkanal der Gründe zu schicken. Oder anders gesagt: Ähnlich wie beim VW-Jetta werden derzeit auch in der akademischen Philosophie viel zu viele schädliche Emissionen ausgestoßen.

Foto: Karl H, www.fotocommunity.de

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

3 Kommentare

  1. Friedrich Arndt · Oktober 12, 2015

    Eine schöne Polemik – aber eben auch nur das: eine Polemik. Lese ich den Post als ernsthaften Text, frage ich mich (selbst der Politischen Theorie entstammend) als Erstes, was das Ziel eines solchen VWL-bashings („dass man wohl VWL studiert haben muss, um zu glauben, dass die genannten Fragen philosophische Fragen sind“), ist: den Graben zwischen den Disziplinen Philosophie – Wirtschaft weiter zu vertiefen? Auf den Rest der Argumentation ausgeweitet, heißt meine Kritik daher: was ist die Folge eines solchen Diskurses? Es ist doch jedem offenkundig, dass viele Unternehmensverlautbarungen scheinheilig oder gar zynisch sind. Das ist also ein allzu leichter rhetorischer Sieg. Aber der Effekt, wenn wir darauf selbst zynisch reagieren, wird nicht zu einer Veränderung dieser Praktiken bzw. des sie unterstützenden wissenschaftlichen Diskurses (z.B. der Wirtschaftswissenschaften) beitragen. Dabei ließen sich aus Philosophie und Sozialwissenschaften doch gute und trotzdem nicht naive Fragen stellen: Wieso handelt Ihr persönlich (Unternehmensverantwortliche) so? Oder: inwiefern trägt Politik zu solchen Praktiken bei? Inwiefern Konsumentenverhalten? (Teile dieser Diskussionen gibt es ja sogar – z.B. bei einigen Betriebs- und Volkswirten.) Was ist die Rolle öffentlichen Drucks? Und können scheinheilige Verlautbarungen mittelfristig nicht doch einen positiven Effekt haben, wenn Sie von Öffentlichkeit und/oder Kundenseite eingefordert werden? Und ja, ich weiß: in letzterem Rahmen macht dann auch eine solche Polemik fast wieder Sinn.

    • Arnd Pollmann · Oktober 12, 2015

      Ja, natürlich ist das eine Polemik. Die ernsthaften Gesprächsangebote überlasse ich den Kolleg_innen von der Wirtschaftsethik. Das Problem scheint mir nur zu sein – und eben da ist auch der Zweck einer Polemik zu verorten: Die „VWL“-Seite wird eh nicht hinhören. Kennen Sie vielleicht irgendjemanden aus höheren Etagen der Wirtschaft(swissenschaft), der oder die kapitalistisch eingestellt und zugleich ernsthaft an moralischen Fragen interessiert ist (solange diese nicht deckungsgleich mit Verwertungsfragen sind)? Ich werfe das den Verantwortlichen nicht vor, denn sie folgen da einfach einer anderen Logik. Aber der von Ihnen zitierte „Graben“ ist da, und die Philosohie macht sich ein wenig lächerlich, wenn sie immer nur einseitig hinüber zu hüpfen versucht, um sich anzubiedern. Gleichwohl: An der Dringlichkeit der von Ihnen gestellten Fragen ändert dies dennoch nichts.

      • Friedrich Arndt · Oktober 12, 2015

        Danke für die Antwort, die ich erst heute sehe. Bin auch weitgehend d’accord. Eine kleine Frage ist, was mit „höheren Etagen“ gemeint ist. Es gibt ja Ansätze, ethischen Unternehmertums und ethischen Investments, die im Rahmen eines kapitalistischen Paradigmas stark werte- (aber deswegen nicht antiprofit-)basiert handeln. Der Umfang ist im Vergleich noch gering, aber es sind nicht die unprominentesten, die so handeln (vgl. Initiativen von Al Gore, Antoinette Hunziker-Ebneter, um nur zwei aus dem Bereich Investment zu nennen). Das lässt sich immer noch sinnvoll kritisieren, ist aber real.