Faulheit | Schöner Abhängen

Wie das Mammut ist das Riesenfaultier schon lange Vergangenheit. Während sich Mammuts aber bis heute großer Faszination erfreuen, wie etwa in Gestalt von »Manni«, dem zwar mürrischen, aber doch beliebten Mammut aus »Ice Age«, wird wohl, wer heute ein »riesen Faultier« genannt wird, diesen Titel entweder als Kritik oder als Beleidigung zu verstehen haben. »Faul sein« und das verwandte »einfach mal nix tun«: Diese Lebensgewohnheiten zählen nicht gerade zu den angesehensten in unserer Gesellschaft. Zwar schaut man vielleicht noch belustigt oder auch ein bisschen neidisch den noch lebenden Faultieren, den in Bäumen herumhängenden Zweizehen-Faultieren beim Faulenzen zu (deren Bestand, in der Wildnis unbekannt, in europäischen Zoos bei 220 liegt ­– eine nicht unerhebliche Information!), verliert aber sicher nach wenigen Minuten, in denen sich aber auch so gar nichts tut, die Geduld und wechselt zum Krokodil, das immerhin alle paar Minuten mit einem Augenlid wackelt.

Dabei ist Faulheit eine Kunst, eine Fähigkeit, die wir zunehmend verlernen und auch nicht gerade hochhalten. Wobei an dieser Stelle weniger von dem mentalen Unvermögen, sich dem Denken (selbst-)kritisch zu widmen, die Rede sein soll, sondern von der körperlichen, leistungsverweigernden Faulheit – der Sessel-Fläzerei. In dieser Hinsicht nämlich ist die Faulheit das Gegenteil der Mobilität und Flexibilität, die unsere Gesellschaft im Allgemeinen und die akademische Welt im Besonderen von uns fordern. Faulheit gilt in unserem Lifestyle, der den Burn-Out mystifiziert, üblicherweise als Laster, nicht als Tugend.

Die Negation des Tuns

Der Mensch empfinde Schmerzen bei Langeweile, die dem Faulsein in irgendeiner Weise inne zu wohnen scheint, schreibt bereits Immanuel Kant. Der Mensch wolle tätig sein, sich vergnügen und sich lebendig, das heißt aktiv, fühlen. Froh zu sein bedarf also nicht der Faulheit, sondern des Engagements in allen Belangen. Aber das ist – wie üblich – nur die halbe (Kant-)Wahrheit. Denn schauen wir in Kants Ästhetik, so sehen wir, dass das Schöne und die ästhetische Erfahrung gerade dann zum Vorschein kommen, wenn uns etwas zum Verweilen einlädt (eine schöne oder in anderer Weise ansprechende Form); dass wir uns dann mit allen Sinnen, geistig und leiblich, hingeben und gerade nicht daran denken, ob das, was wir denn sehen, nützlich oder gut sei, also in praktischer Hinsicht von Interesse. Dem Faulenzer geht es ganz ähnlich: Er ist ignorant im positiven Sinne gegenüber den Anforderungen, die das Leben an ihn stellt, schaut weder zurück noch voraus – wie es zum Beispiel auch John Dewey für die ästhetische Erfahrung veranschlagt –, verbleibt im Hier und Jetzt und gibt sich ganz dem Augenblick hin. Faulheit ist darum aber auch etwas anderes als Bequemlichkeit oder Trägheit im semi-aktiven Tun. Sie ist die Negation des Tuns.

Der Anarchismus des Unterlassens

Das ist nicht erst heute, aber vielleicht in unserer Zeit in besonderem Maße, von nicht nur ästhetischer, sondern auch anarchischer Qualität. Faulenzen hat viel mit ästhetischem Genießen um seiner selbst willen und im Augenblick zu tun, zugleich hat sie aber auch politisches Potenzial, ist sie doch die Verneinung aller kapitalistischen und kommerziellen Anforderungen unseres Daseins. Faulenzen ist das Gegenmittel zur Leistungsgesellschaft. Mit einer Einschränkung: nur dann, wenn sie nicht selbst als Teil der Leistung gesehen wird. Denn wäre sie dann doch wieder von effizienzsteigerndem Interesse, würde sie alle politische und zugleich alle ästhetische Kraft verlieren. Nein, der eigentlich ästhetische und politische Faulenzer wäre wohl der, der sich »einen Dreck schert«.

Anleitung zum Müßiggang

Nun kaufen wir uns aber mit dem Konzept des Faulenzens die negative Konnotation der »Fäulnis« ein, des Zersetzens von Material, das anfängt zu stinken, also weder schön noch wohl ästhetisch genießbar ist noch politisch attraktiv zu sein scheint. Was sich zersetzt, wird unbrauchbar, negiert sich am Ende selbst. Die Muße dagegen ist die positive Schwester der Faulheit, und so ist im Englischen etwa der »Faule« von dem Faulenzer durch den »Idler« unterschieden, dem Müßiggänger: Der Sachbuchautor Tom Hodgkinson hat sich selbst als solcher ausprobiert, unter anderem auch als »The Idle Parent« (der Buchtitel wurde in der deutsche Fassung dieser »Anleitung« mit »Faule Eltern« übersetzt, sollte eigentlich aber eher als das »müßige Elternteil« verstanden werden). Der müßige oder müßiggängerische Vater und die entsprechende Mutter sind jene, die ihre Kinder einfach sein lassen, loslassen und dabei selbst als Eltern mal faul ihre eigenen Bedürfnisse zulassen: Beine hochlegen, Wein trinken, nichts tun (the »laid-back parent«). Aus der Fülle der pädagogischen Ratgeber ragt dieser deshalb hervor, weil er den Fokus nicht auf das Kind – und dessen Fähigkeit zum Faulenzen und zur Langeweile – legt, sondern den Eltern diese Fähigkeit wieder anzutrainieren versucht.

Zurück zur Aktivität

Man kann von diesem Ratgeber allgemein viel lernen. Auch, dass das Faulenzertum offenbar kein Zustand auf Dauer ist, denn Geld und Ruhm verdienen müssen wir ja auch – und darum aktiv sein. Hodgkinsons Buch schrieb sich auch nicht von allein. Aber wenn das Faulenzen als Haltung in ihrem ästhetischen und politischen Potenzial erkannt wird, kann sie erst genossen und geehrt werden. Dann zersetzt sie nicht sich selbst, sondern stattdessen die immer-effizienzsteigernden Kräfte unserer Gesellschaft, und hilft uns so, uns zumindest zwischenzeitlich auf uns selbst und das, was das Leben ausmacht, zu konzentrieren.

Bild: Geoff Gallice, https://en.wikipedia.org, CC BY 2.0

Zur Person Susanne Schmetkamp

Susanne Schmetkamp wäre gerne etwas fauler, kommt aber selten dazu. Auf Spielplätzen konzentriert sich dagegen auf das, was dort gefordert ist: Dasein, Loslassen, Seinlassen. Ansonsten befasst sie sich mit ästhetischen und ethischen Konzepten wie Erfahrung, Empathie, Aufmerksamkeit und Perspektivität.

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