Faulheit | Mentaler Vorruhestand

Soeben habe ich die Nachricht vom Tode des Homo erectus erhalten (»starb aus, weil er zu faul war«, Spiegel Online). Diese Nachricht erreicht mich am Rande eines recht anstrengenden Blockseminars. Es geht um Fragen der Diskriminierung. Am Vormittag noch hat sich eine Arbeitsgruppe geweigert, über die bei der Wohnungssuche oft übliche Benachteiligung von Menschen mit »Migrationshintergrund« zu referieren. Man wolle keine »gängigen Stereotype reproduzieren«. Auch eine zweite Arbeitsgruppe, die sich mit monotheistisch begründeten Überzeugungen von einer »gottgewollten Überlegenheit des Mannes« beschäftigen soll, winkt ab. Dieser Diskurs sei anmaßend, verletze religiöse Gefühle. Und als ich nun vom Schicksal unserer Verwandten lese, deren Trägheit sie vor gut 50.000 Jahren dahinraffte, wird mir schlagartig klar: Eine weitere Spezies ist im Aussterben begriffen. Nur diesmal ist es der Homo sapiens sapiens selbst – letal leidend an dem, was man »Denkfaulheit« nennen kann.

Metaweisheit und Metademenz

Selbstredend wird vorerst nicht der Mensch als solcher aussterben, wohl aber eine selbstkritisch reflexive Mutation der Spezies. Wenn ich im Biologieunterricht gut aufgepasst habe, hat die zoologische Taxinomie dem ursprünglichen Homo sapiens ein zweites »sapiens« hinzugefügt, um auf eine evolutionär gesteigerte Hirntätigkeit aufmerksam zu machen. Diese beruht wohl nicht zuletzt darauf, dass der heutige Mensch auf weise Weise auf die eigene Weisheit reflektieren kann. Und nur um diese Metaweisheit, diese sapientia zweiter Ordnung, soll es gehen, wenn hier eine Epidemie der Denkfaulheit examiniert wird – und damit eine Art selbstverschuldete Metademenz.

Zunächst kann »Faulheit« – ganz generell – als ein »Mangel an erwartbarer Aktivität« definiert werden. Sie ist damit nicht etwa das Gegenteil von Aktivität, sondern deren Schwundform. Das bedeutet: Wer faul ist, macht das, was er oder sie machen soll, halbherzig, langsam, phlegmatisch. Meistens aber macht er oder sie irgendetwas – nur eben auf enttäuschende Weise. Folglich sollte man »faule« Menschen von gänzlich »inaktiven« Exemplaren der Spezies unterscheiden. Der vollends inaktive Mensch prokrastiniert unbeweglich auf dem Sofa herum nach dem Trägheitsgesetz Newtons: »Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe (…), sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird«. Der faule Mensch hingegen scheut zwar ebenfalls die Anstrengung, doch er rafft sich immer wieder einmal vom Sofa auf, wird aber schnell auch wieder willensschwach, fast anschließend erneut Entschlüsse, lässt sich auch davon rasch wieder abringen usw.

Intellektueller Energiesparmodus

Allerdings ist Faulheit nicht gleich Faulheit: Faulheit1 ist eine Reaktion auf die Zumutung praktischer Aktivität. Sie wird von den einen als Laster der Arbeitsscheue verachtet, von anderen hingegen als eine Tugend der vita contemplativa verehrt. Im letzteren Fall setzt sie den Zumutungen der vita activa eine Art bockige Muße entgegen, die Freiräume für (kritisches) Denken schafft. Es gibt vielleicht sogar ein »Recht auf Faulheit« (Paul Lafargue), wenn es darum geht, dem oft blinden Aktivismus der kapitalistischen Leistungsgesellschaft mit kritischem Denken zu trotzen. Entscheidend aber ist: Wer dieses kritische Denken und die vita contemplativa selbst scheut und damit eine theoretische Faulheit2 an den Tag legt, hat nicht länger einen rechtfertigenden Grund für Faulheit1. Diese doppelte Faulheit nämlich setzt keineswegs – als doppelte Negation – ungeahnte Aktivität frei. Es kommt dabei auch keine neue Form des Müßiggangs heraus, sondern lediglich doppelte Nichtsnutzigkeit.

Wenn du denkst, du denkst

Diese bedrohliche Denkfaulheit des unter seinen Möglichkeiten bleibenden Homo sapiens sapiens drängt sich heute vielerorts auf: in den Meinungskorridoren der sozialen Medien, in denen die immer selben Peer Group-Gemeinplätze ein Echo finden; in dem ständigen Drang, Argumente durch Beleidigungen zu ersetzen; in der völligen Abwesenheit kultivierten Humors; in den routinierten Empörungsgesten, mit denen – links wie rechts – reflexartig auf die immer gleichen Reizworte reagiert wird; in der Rasanz, mit der Diskursgegner in rechtsradikale oder aber linksversiffte Schubladen gesteckt werden; in der Sehnsucht nach populistischer, verschwörungstheoretischer Vereinfachung (der Vorwurf »Lügenpresse« z.B. erspart einem ja vor allem die aufwendige Lektüre); beim streberhaften Replizieren rhetorischer Floskeln wie »white trash« oder »alte weiße Männer« und nicht zuletzt im universitären Trend zu infantilisierenden Triggerwarnungen vor »Erwachsensprache« (Robert Pfaller). Man missversteht das Wesen politischer Streitkultur, wenn man, um nicht anzuecken, bloß noch gestikulierend in »« spricht. Hier zeigt sich eine teils übereifrige, teils übervorsichtige Reduktion jenes Reflexionsvermögens, zu dem der Homo sapiens sapiens fähig ist – und viel zu selten originäre Mündigkeit oder auch nur das, was einmal »eigene Meinung« genannt wurde.

Betreutes Denken

Auf eben diesen Zusammenhang von »selbstverschuldeter Unmündigkeit« und mentaler Bequemlichkeit hat Kant in seiner berühmten Schrift Was ist Aufklärung? hingewiesen. Dem »Sapere aude!« stünden weniger reale Repressalien als vielmehr »Faulheit und Feigheit« entgegen, welche die Ursachen seien, warum so viele Menschen „gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen“. Und Kant fährt fort: „Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen«. Etwas zeitgemäßer ausgedrückt: Wer das eigene Erfahrungswissen wesentlich aus dem Internet bezieht und lediglich nachquatscht, was die jeweils verehrten Influencer von Adorno über Butler bis Žižek bzw. von Breitbart über Compact bis Zuerst! mundgerecht vorgekaut haben; wer das eigene Seelenheil durch ein Höchstmaß an diskursivem Moralismus zu stabilisieren sucht; wer schließlich darauf hofft, dass Siri und Alexa einem nicht bloß das Pizzaholen, sondern eines Tages auch das kritische Denken abnehmen, begibt sich zu früh in den mentalen Vorruhestand.

Bild: Franz von Lenbach, Hirtenknabe [1860], Public Domain

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

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