Faulheit | Lob der Faulheit

Es ist so weit. Der Darwinismus darf nun endlich als bewiesen gelten. Archäologen sind nämlich jüngst mit kriminologischem Gespür dem schwerwiegenden Verdacht nachgegangen, wonach das Aussterben des Homo erectus wohl nur eine einzige Ursache haben kann: Er war schlicht und ergreifend zu faul. Der aufrecht (lat. erectus) gehende Hominide verfügte nicht nur über weniger Hirnschmalz als sein weiser (lat. sapiens) Vetter, sondern war auch weitaus weniger agil als jener, weil er sich einfach mit den wenigen guten Dingen begnügte, die er in seiner unmittelbaren Umgebung vorfand, und sich deshalb nicht so recht an die veränderten Umweltbedingungen anpassen konnte. Er ließ es somit, um in terms of business zu reden, an Innovationskraft, Flexibilität und Leistungsbereitschaft fehlen. Ergo: Er beging alle nur denkbaren Todsünden der Evolution.

Taugenichts und Tunichtgut

Die Untersuchung der Archäologen dürfte allenthalben auf geteilte Zustimmung stoßen, bestätigt sie doch ein tradiertes Bild von der Verkommenheit der Faulheit, das einer klaren moralischen Bewertung entspricht: Des faulen Menschen mangelnde Bereitschaft, sich in einem (von wem auch immer) erwarteten Maß anzustrengen, wird häufig mit der Konnotation von Fäulnis und Verwesung in Verbindung gebracht, womit deren moralische Verderbtheit sogleich recht anschaulich illustriert ist. Und so werden denn zielstrebige Eltern auch angesichts dieses Falls wieder mit warnend erhobenem Zeigefinger zu ihren Nachgeborenen sagen: »Siehst Du, aus dieser arbeitsunwilligen Dumpfbacke konnte nix werden – geschieht ihm doch recht, dass er ausgestorben ist! « Und ein passendes Motto á la »Ohne Fleiß kein Preis« (wozu sich manchmal »Ohne Zucht keine Frucht« gesellt) ist dann ebenfalls schnell zur Hand. Doch es gereicht uns als Homo sapiens nicht gerade zur Ehre, wenn wir die simple Unterscheidung fleißig = gut / faul = schlecht zu einer völlig undifferenzierten Maxime unserer vernünftigen Integrität machen wollten. Wir sollten hingegen etwas genauer hinschauen und dem Homo erectus (in uns) ein wenig mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen. Denn obwohl die Faulheit einen unnatürlich schlechten Ruf genießt, zeigt ein Blick auf die Ideengeschichte, dass eine bestimmte Form der Faulheit einen natürlichen Genuss darstellen kann, zu dem freilich nicht jeder berufen ist.

Tuenichts und Lebegut

Um das zu verstehen, müssen wir mehrere Vorurteile ausräumen: Zunächst ist der szientistisch geprägten Auffassung zu widersprechen, Faulheit bedinge als eine Art evolutionäre Determinante quasi naturgesetzmäßig die Depravation des Menschen, entscheide also über dessen Wohl und Wehe. Das ist völliger Quatsch, und zwar auch mit Blick auf die Bewertung der Faulheit, womit wir bei einem weiteren Vorurteil wären: Der »Unwert« der Faulheit ist keine natürliche Selbstverständlichkeit, er hat nur leider seit Jahrhunderten eine nicht enden wollende Konjunktur. Die Faulheit ist nämlich semantisch eng mit der Trägheit verbunden, die als entschleunigendes Moment die unbedingte Voraussetzung für kreative Muße und einsichtsvolle Kontemplation bildet. Es gab einmal eine Zeit, in der diese vita contemplativa als Besinnung und selbstgenügsame Zurückgezogenheit noch gewürdigt wurde. Nur Philosoph*innen loben auch heutzutage die gedankenschwere Trägheit, denn in der Ruhe des Denkens liegt die Kraft. Für die meisten anderen Menschen gilt hingegen das mit einem protestantischen Fleiß- und Bewährungskonzept fundierte Arbeitsethos der kapitalistischen Produktionsgesellschaften, welches die besinnliche Trägheit als eine leistungsverweigernde Untugend denunziert hat.

Dabei gilt es nicht einmal als ausgemacht, dass der ach so fleißige Homo sapiens in all seiner Produktivität stets die ihn angeblich charakterisierenden »weisen»« Entscheidungen getroffen hat. Wir beobachten doch oft genug Vertreter unserer eigenen Gattung dabei, wie sie ihren Bedürfnissen, wenig vorausschauend, mit den offensichtlich naheliegendsten Mitteln nachgehen; dass sie sich nicht mit dem begnügen und an dem erfreuen können, was ihnen gegeben ist, sondern mit einem schier unstillbaren Ungenügen nach immer mehr streben; dass sie ungemein erfindungsreich Technologien entwickelt haben, die sich zuweilen ihrer Kontrolle entziehen und dann auch noch in der Lage sind, die gesamte Menschheit zu vernichten; dass sie zwar wissen und bereits spüren, dass sich die klimatischen Verhältnisse auf diesem Planeten dramatisch ändern (werden), sich aber ungeheuer schwer damit tun, auf diese Veränderungen angemessen zu reagieren.

Schöne träge Welt

Angesichts der unaufhörlichen Betriebsamkeit des modernen Menschen, der sich weise dünkt und dem Gattungsdünkel erlegen ist, sollten wir uns den als faul verleumdeten Homo erectus vielleicht doch in Gestalt eines durchaus angenehmen Zeitgenossen vorstellen. Mit seiner genügsamen Lebensweise, die von Tag zu Tag maßvoll den physischen und psychischen Bedürfnissen menschlichen Daseins entsprach und darüber hinaus genügend Zeit für die Schönheit des Trägen ließ, kann er uns sogar als tugendhaftes Beispiel dienen. Klar, unser Urahn ist ausgestorben – vermutlich hatte er aber bis dahin ein gutes Leben. Wir können uns zur Abwechslung ja mal fragen, weshalb wir eigentlich so sicher sind, dass der Homo sapiens noch länger als ein paar hundert Jahre überleben wird, und ob angesichts dessen eine Besinnung auf das Gute an einem angenehm trägen Leben eventuell eine bedenkenswerte Alternative zum effizient getakteten Höher-Schneller-Weiter wäre. Eine absolute Faulheit, die nicht einmal mit sich selbst etwas anzufangen weiß, ist gewiss von Übel. Doch einer gediegenen Trägheit, die den Gang der Welt in Zaum hält, kann man eigentlich nur eine positive Wirkung bescheinigen.

Bild: Christopher Dombres, www.flickr.com, CC0 1.0 Universal

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

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