Falsche Freunde | Malefiz des Lebens

Spiele spiegeln ausgewählte Strukturen unseres Lebens wieder, sonst würden sie uns nicht interessieren. Betrachten wir, inwieweit sie falsche und richtige Freundschaft thematisieren können. Skat, so kann man es jedenfalls sehen, symbolisiert aufrichtige Freundschaft. Bekanntlich spielt man Skat zu dritt. Nach dem Ausgeben wird ausgehandelt, wer die besten Karten hat und mit Aussicht auf Erfolg allein spielen kann. Die beiden anderen bilden für den Verlauf des Spiels einen Bund. Sie halten zusammen und teilen Gewinn und Verlust. Indem sie gut spielen, nutzen sie nicht nur sich, sondern auch dem anderen.

Patience spielt man allein

Im Unterschied dazu gibt es Spiele, bei denen Freundschaften und Bündnisse nichts zur Sache tun. Man denke z.B. an Patience. Aber auch Monopoly kennt keine Freunde. Keiner der Mitspieler spielt mit einem anderen zusammen. Jeder ist jedem ein Konkurrent.

Malefiz

Es gibt aber auch Spiele, die zu falscher Freundschaft einladen. Ein Beispiel ist Malefiz, ein Würfelspiel für vier Personen, welches erstmals 1960 in Ravensburg erschienen ist. Es gewinnt, wer als erster eine seiner Figuren durch einen Parcours aus Barrikaden ins Ziel gebracht hat.

Eine Hand wäscht die andere

Eigentlich spielt auch hier jeder gegen jeden. Jeder versucht, so schnell wie möglich allein ins Ziel zu kommen und alle anderen so massiv wie möglich genau daran zu hindern, indem er ihre Figuren entweder hinauswirft oder ihnen Barrikaden in den Weg stellt. Doch erweist es sich als vorteilhaft, wenn man sich zunächst mit seinem unmittelbaren Nachbarn verbündet und dessen Figuren schont. Unbenommen davon kann am Ende nur einer gewinnen. Man muss daher so lange wie möglich kooperieren, aber irgendwann den Vertrag brechen. Dabei verschafft sich einen besonderen Vorteil, wer als erster das Bündnis bricht. Man schließt sozusagen eine Freundschaft auf Zeit. Denn natürlich weiß man, dass einmal der Bruch erfolgen muss… Da jedoch zeitliche Begrenzung dem Begriff der Freundschaft widerspricht, kann das Zweck­bündnis von Beginn an nur falsche Freund­schaft sein.

Jeder ist seines Glückes Schmied

Damit man mich nicht falsch versteht. Malefiz ist ein gut gemachtes und spannendes Spiel. Die Herausbildung falscher Freundschaften ist, eben da es nur ein Spiel ist, auch ganz  unproblematisch und macht gerade den Reiz aus. Doch man kann stutzig werden, jedenfalls wenn man wie ich der Meinung ist, Spiele spiegelten ausgewählte Strukturen unseres Lebens wieder. Ein bisschen ist Malefiz wie das Erwachsenwerden unter Verhältnissen wirtschaftlicher Konkurrenz. Man geht gemeinsam zur Schule oder zum Studium. Die Mitschüler bzw. Kommilitonen sind zunächst Kameraden, aber irgendwann wird das Bündnis aufgekündigt. Man hilft sich nicht länger, sondern jeder versucht nach Möglichkeit einen besseren Abschluss zu erreichen als alle anderen und anschließend einen lukrativeren Studien- oder Arbeitsplatz zu ergattern als sie.

Who’s Who?

Dies alles geschieht scheinbar ganz freundschaftlich. Es ist scheinbar auch kein Schurkenstreich, denn jeder weiß von Beginn an, oder könnte es zumindest wissen, dass es so kommen wird. Aber wenn es unter diesem Vorzeichen keine echte Freundschaft gibt, dann heißt das, dass die Kameradschaft von Mitschülern und Kommilitonen unter Verhältnissen wirtschaftlicher Konkurrenz eigentlich keine richtige Freundschaft sein kann oder es zumindest schwer hat, richtige Freundschaft zu sein. Denn dafür braucht es die Größe, den Freund aus der Reihe der Wettbewerber herauszunehmen und ihm im Zweifelsfalle zu gönnen, dass er eine bessere Stelle ergattert als man selbst. Falsche Freunde hingegen ringen nicht aus ehrlicher gegenseitiger Anteilnahme gemeinsam um die Durchdringung schwierigen Schulstoffs oder unterstützen sich gegen einen tyrannischen Lehrer, sondern schließen allenfalls Zweckbündnisse auf Zeit. Und sie belauern sich, grad wie beim Malefiz. Nur ist es eben jetzt kein Spiel, sondern Leben, um das es geht. Es hat auch ganz und gar nichts Reizvolles.

Foto: www.ravensburger.de

Zur Person Peter Heuer

Peter Heuer ist kein Pseudonym. Er schrieb ein Buch über den Artbegriff, lehrt Philosophie, wohnt in Leipzig und Gräfenroda und versucht zu ergründen, was es mit der Seinsweise von Lebewesen auf sich hat.

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