Falsche Freunde | Feind, Todfeind, Parteifreund

Nach einem in der Parteiendemokratie vielzitierten Bonmot braucht man in der Politik keine Feinde, wenn man Parteifreunde hat. Ehemals klangvolle Namen des Parlamentszirkus hierzulande – von links nach rechts: Ypsilanti, Simonis, Scharping, Geißler, Köhler, Schavan, Wulff, Röttgen, Merz u.v.m. – wecken ungute Erinnerungen an fraktionsinternen Verrat, an innerparteiliche Dolchstöße und vormals intime Weggefährten, die sich als Brutus entpuppten. Und aktuell sieht es so aus, als könne es demnächst auch unsere Kanzlerin der Flüchtlingsherzen treffen. Sie hat sich in den letzten Wochen viele neue, aber überwiegend falsche Freundinnen und Freunde gemacht (z.B. auf Seiten der Grünen, die nach einer neuerlichen Regierungsbeteiligung in der schwarz-grünen Koalition lechzen), vor allem jedoch viele echte innerparteiliche Feinde.

Zwei Experten für politische Freundschaft

Wie verkraften Politikerinnen und Politiker ihren plötzlichen Sturz vom Olymp der Macht, wenn die Intrige nicht von Feinden, sondern von Freunden gesponnen wird? Ist die Sphäre der Politik überhaupt der geeignete Ort für »echte« Freundschaften? Oder gibt es hier am Ende vielleicht nur falsche Freunde? Neigt man ohnehin zur Politikverdrossenheit, drängt sich einem der Verdacht auf, dass die Politik – aristotelisch gesprochen – allein die Kategorie der »Nutzenfreundschaft« kennt: »Man kennt sich, man hilft sich« (Adenauer), und zwar weil und solange man sich braucht. Umso erstaunlicher, dass zwei der ideengeschichtlich einflussreichsten Denker des Politischen von einer konstitutiven Bedeutung echter Freundschaften für die Polis ausgegangen sind. Der eine ist Aristoteles selbst. Er hat sich das demokratisch ideale Gemeinwesen tatsächlich als eine auf der Agora geknüpfte »vollkommene Freundschaft« im Großformat imaginiert, in der man sich wechselseitig an der politischen Tugendhaftigkeit seiner Mitbürger erfreut.

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Der andere der beiden Denker scheint auf Anhieb nur wenig mit diesem vermeintlich naiven Demokratieverständnis gemein zu haben. Es war Carl Schmitt, der die heute als reaktionär verschriene »Freund-Feind-Unterscheidung« als politisches Pendant zur moralischen Differenz von Gut und Böse ins Spiel brachte – und damit seinen langen Schatten auf die Ära Bush vorauswarf. Wer ein souveräner Herrscher sein will, sollte wissen, so Schmitt, wo die Achse des Bösen verläuft bzw. wer Freund und wer Feind ist. Doch so unterschiedlich beide Denker heute auch gehandelt werden, sie bleiben über die Jahrhunderte verbunden durch die konzeptionell implizite Warnung vor falschen Freunden in der Politik (in der Philosophie übrigens auch): Die Sphäre der Politik würde kollabieren, wenn sich die eigenen Freunde als verkappte Feinde entpuppten. Bei Aristoteles käme es zu einer Art »Implosion« der Polis, weil deren innerer Kitt bröckelte. Bei Schmitt hingegen drohte eine »Explosion« der politischen Schicksalsgemeinschaft, wenn deren äußere Grenze unmerklich in Richtung feindlichen Terrains verschoben und damit ausgedehnt würde.

Negative Dialektik der Feindschaft

Es war Franz Josef Strauß, der das anfangs zitierte Bonmot in einen geradezu hegelianisch-dialektischen Superlativ transformierte: »Feind, Todfeind, Parteifreund«. Der innerparteiliche Freund – und wer wusste das besser als FJS – ist nicht einfach nur das Gegenteil des politischen Feindes. Er ist aber auch nicht bloß das Gegenteil von einem echten Freund. Vielmehr dürfte die Politik ein psychosoziales Auffangbecken für potenziell feindselige Menschen sein, deren bisweilen tödliche Angriffslust sich vor allem im Schafspelz der Parteifreundschaft heranpirscht. Das machiavellistisch Perfide an diesem Zirkus ist, dass alle Akteure von der eigenen Brutushaftigkeit wissen, diese aber zugleich vor sich und anderen verbergen müssen. Und die entscheidende Frage lautet: Handelt es sich dabei um eine allgemeine Wesensbestimmung »des« Politischen oder bloß um eine diagnostische Zustandsbeschreibung des heutigen Betriebs und seines Personals?

Politik der Freundschaft

Mir scheint, dass die diagnostizierte Arglist und das geradezu sarkastische Lamento, in der Politik sei keine echte Freundschaft möglich (gepaart übrigens mit der Tendenz der Presse, überall »Filz« und »Klüngel« zu wittern) eher Krisensymptome einer aktuell absterbenden Demokratie sind. Ein »Jenseits« politischer Nutzenfreundschaft und Freund-Feind-Unterscheidungen lässt sich heute gar nicht mehr denken, wenn man im Betrieb nicht als hoffnungslos weltfremd gelten will. Doch wie weltfremd wäre es eigentlich, von einer ganz neuen Politik der Freundschaft zu träumen? Von einer echten Solidarität (von »solide«), die Reihen fest geschlossen, die sagt und es auch so meint: Du bist nicht allein! Für echte politische Freundschaften gäbe es zwei Arten von Lakmus-Test. Erstens: Je mehr die Beteiligten unter vier Augen vereinbaren, umso eher wissen sie Bescheid, wessen Freundschaft entbehrlich ist, wenn das Vereinbarte am nächsten Morgen in der Zeitung steht. Und zweitens: Echte Freundschaft in der Politik würde sich dort zeigen, wo die Freunde bereit sind, gemeinsam unterzugehen.

Foto: Alex Lebus / Robert Brandes, http://ro-lex.org/

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

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