Falsche Freunde | Salonlinke

Vor falschen Freunden muss man sich in Acht nehmen. Sie können nicht nur die Freundschaft, sondern einem auch da Leben ruinieren. Viele unserer zentralen Vorhaben im Leben gestalten wir nicht allein, sondern zusammen mit unseren Freunden. Entpuppen diese sich als Scharlatane, so sind schnell auch wirklich wichtige Lebenspläne zerstört. Das gilt im Privatleben, beispielsweise wenn sich der eigene Lebenspartner als falscher Freund erweist. Das gilt aber auch in der Politik, nämlich wenn die angeblichen Weggefährtinnen und scheinbaren Genossen plötzlich die Seiten wechseln.

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Besonders oft kam diese freundlose Fahnenflucht in der Vergangenheit bei uns Salonlinken vor. Wir haben immer gern große Reden geschwungen und uns verbal schnell auf die richtige Seite gestellt. Wenn es jedoch darum ging, für die Erniedrigten und Beleidigten wirklich standzuhalten, dann haben wir eigentlich immer gekuscht. Auch heute gibt es wieder und vermehrt Salonlinke, und einmal mehr gibt es Grund, ihnen zu misstrauen. Doch was ist das überhaupt – eine Salonlinke? Und wie erkennt man uns?

Selbstverliebte Moralisten

Die typische Salonlinke unserer Zeit ist männlich und hat einen Masterabschluss in Philosophie, Sozialwissenschaften, Germanistik, Kulturwissenschaften, Ethnologie oder etwas dieser Art. Die Wortführer der Salonlinken haben mindestens einen Doktortitel in einem dieser Fächer. Die typische Salonlinke ist Besserverdienende aus gutem Hause und schnell für radikale politische Forderungen zu haben. Die typische Salonlinke ist eloquent, selbstbewusst und ziemlich arrogant. Sie weiß eigentlich alles besser und ist mindestens neunmal so klug wie die Durchschnittsbevölkerung. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Salonlinke eher Postmarxistin, Poststrukturalist, Postmaoistin oder sonst so etwas ist. Der Jargon ändert sich, doch der Tenor bleibt stets derselbe: Es gibt die Bösen – das ist der Westen, das sind die Reichen, das sind die Religiösen, das sind die Rechtsanwältinnen und die Zahnärzte. Es gibt die Guten – das ist der Süden, das sind die Armen, das sind die Ungläubigen, das sind die Lehrerinnen und die Kinderärzte.

Die Saat des intellektuellen Snobismus

Die typische Salonlinke ist aufgrund ihrer Borniertheit vielleicht unsympathisch, aber das ist noch kein Grund, sich vor ihr derart in Acht nehmen zu müssen. Der Grund dafür lautet vielmehr, dass die typische Salonlinke stets eine selbstverliebte und egoistische Moralistin mit einem Problem ist. Dieses Problem von uns Salonlinken liegt darin, dass wir unsere innere Zerrissenheit nicht in den Griff bekommen und die Welt zum Spielball unserer unausgegorenen Persönlichkeit machen. Stets versuchen wir, uns rein verbal und durch Scheinradikalität von dem Klein- oder Großbürgertum unserer Herkunft zu lösen, dem wir doch alles zu verdanken haben. Wir wollen nicht wahrhaben, dass es unsere unverdienten Privilegien und nicht unsere herausragenden Talente waren, die uns stets den Weg geebnet und den Erfolg garantiert haben. Wir müssen unsere Herkunft unerlässlich bekämpfen, um diesen Zusammenhang verleugnen und auf uns selbst so richtig stolz sein zu können. Weil wir unsere Bequemlichkeit und unseren Wohlstand jedoch nicht aufgeben möchten, verstricken wir uns tagtäglich in Widersprüche. In Wahrheit hassen wir uns doch nur selbst. Hier liegt die Saat für unseren intellektuellen Snobismus.

Profilneurotischer Schwitzkasten

Wir müssen klüger, gewitzter, gelehrter und beredter sein als alle andere. Damit wollen wir unserer Persönlichkeit ein klares Profil und uns einen festen Halt geben. Doch wir kommen aus unserem egozentrischen Schwitzkasten nicht heraus. Denn Intellektualität bleibt für uns stets nur ein Spiel. Es geht uns immer nur darum, in diesem Spiel gegen alle anderen zu gewinnen und dabei unsere ganz große Besonderheit unter Beweis zu stellen. Hier zeigt sich der zutiefst neoliberale Charakter von uns Salonlinken. Wir wollen um jeden Preis siegen, um endlich eine eigene und herausragende Persönlichkeit zu gewinnen, und dafür sind wir bereit, jeden und alles zu verraten. Deswegen muss man sich vor uns als Freunden sehr in Acht nehmen. Denn wir gehen über Leichen. Allerdings könnten uns echte Freunde vielleicht auch dabei helfen zu lernen, uns einfach einmal locker zu machen.

Foto: http://blogg.travelstart.se

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

Ein Kommentar

  1. Florian Jakubowski · Dezember 16, 2015

    Lieber Christian, ich finde deinen Beitrag wirklich super, selbstkritisch und mutig zugleich. Aus meiner Sicht triffst du genau den Nagel auf den Kopf. Deine Beschreibung von der typischen Salonlinken als selbstverliebte Moralistin ist bemerkenswert. Vorschlag: Ich würde noch hinzufügen, dass es der typischen Salonlinken bei all Ihren erlernten geisteswissenschaftlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten nicht gelingt zu erkennen, dass sie genau das ist, was du beschreibst, nämlich ein selbstverliebter Moralist, der nur auf Grund von Privilegien, die Ihm in der Regel seine Eltern ermöglicht haben, die noch darüber hinaus unter Umständen heute von der Salonlinken als Gattung der egoistischen, nutzenmaximierenden, nur auf Profit bedachten, selbstsüchtigen Feinden der Gesellschaft eingestuft werden, genau die gesellschaftliche Stellung erreicht hat, in der er sich heute befindet. Der Homo Oeconomicus ist in der Regel das Feindbild dieser Salonlinken, und doch haben sie mit diesem Menschenbild mehr gemein als viele Ökonomen. Der erste Schritt, dies zu ändern, ist zunächst das Erkennen dieser Wirklichkeit (schon getan von Christian), und ein weiterer könnte sein, auf Menschen zuzugehen, die genau nicht im selben Elfenbeinturm spazieren, indem sich die Salonlinke so gerne mit ihresgleichen sonnt.