Falsche Freunde | I’d rather be hated

Falsche Freunde gibt es viele. Viel zu viele. Und wie man mit ihnen umgehen soll, ist nicht immer leicht zu sagen, weil sie von so höchst unterschiedlicher Art sein können. Begegnete man etwa der französischen serviette als »falscher Freundin« der deutschen Serviette, so könnte man gewiss versuchen, sich bei Tisch mit einer Aktentasche vornehm die Mundwinkel abzutupfen. Auf diese Weise würde man sicherlich die Aufmerksamkeit seiner Tischgenossen auf sich ziehen. Allerdings beruhte diese Aufmerksamkeit wohl kaum auf ihrer Bewunderung, welch weltmännische Tischmanieren man an den Tag zu legen weiß. Denn selbst, wenn es zu guter Letzt doch noch gelingt, sich auf diese Weise erfolgreich seine Mundwinkel zu säubern, hat man zweifelsohne das ergon der Aktentasche verfehlt. Diesen Fehler kann man auch nicht mehr dadurch ausbügeln, dass man am nächsten Morgen Klapprechner, Aktenmappe und Füllfederhalter in einer Serviette unterzubringen sucht, um mit ihr seinen Arbeitsplatz aufzusuchen. Damit hätte man nämlich ein Verständnis vom Begriff der Serviette manifestiert, das ebenso fehlerhaft ist, wie das am Abend zuvor bei Tisch manifestierte Verständnis vom Begriff der serviette. Auf diese Weise wird man solche falschen Freunde also nicht los!

For who I am

Eine ganz andere Art falscher Freunde wird man hingegen nur allzu schnell los. Statt auf einer falschen Übersetzung, beruht die Falschheit dieser Freunde nämlich auf einer falschen Überzeugung. Dies ist die Überzeugung, man würde zusammen und für immer und natürlich tugendhaft durch Dick und Dünn schreiten. Dass dies falsch ist, wird spätestens dann offenbar, wenn sich der andere vom Acker macht, weil man nicht länger ein effizientes Mittel zum Zweck der Steigerung seines Nutzens oder seiner Lust ist. Um es mit Aristoteles’ Worten zu sagen, besteht der Fehler in solchen Fällen dann also darin, dass man eine unvollkommene Freundschaft für eine vollkommene hielt. Wird man sich dessen gewahr, so werden die Freunde aber sogleich auch zu falschen Freunden. Solche falschen Freunde sind in Wirklichkeit jedoch ebenso wenig Freunde, wie Falschgeld Geld ist. Nur wahre Freunde sind Freunde. Und wahre Freunde sind einander in vollkommener Freundschaft verbunden.

Than loved for who I am not

Freilich ist es schon schlimm genug, wenn sich ein vermeintlicher Freund als falscher Freund entpuppt, dem es die ganze Zeit nur um Karriere oder Koitus ging. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn man nicht einmal mehr über das begriffliche Rüstzeug verfügt, wahre Freunde von falschen Freunden und vollkommene Freundschaft von unvollkommener Freundschaft zu scheiden. Begriffe man Freunde stets nur als wirksame Werkzeuge zum Erreichen des eigenen Wohlstands oder Orgasmus, so manifestierte man den Begriff der Freundschaft nämlich nicht minder defizitär, wie den der Aktentasche, wenn man glaubt, sie sei dazu da, um sich mit ihr die Mundwinkel abzutupfen. Ebenso wie man in diesem Fall das ergon der Aktentasche verfehlt, verfehlt man in jenem das der Freundschaft. Daher kommt man nun aber gerade heutzutage auch nicht umhin, den ganzen netzwerkelnden Jugendlichen und Berufsjugendlichen nochmals nachdrücklich die durch und durch altbackene Warnung zuzurufen, dass sie ja nicht glauben sollten, mittels Facebook, LinkedIn, Xing oder Tinder Freunde zu finden. Was sie bestenfalls finden werden, sind Menschen, die darauf aus sind, im Berufs- oder Liebesleben den nächsten tollen Job zu bekommen.

Falsche_Freunde_hm

Auf eine dritte Art falscher Freunde kann man stoßen, wenn man öffentlich auftritt, um seine politischen, ästhetischen oder sonstigen An- und Weltsichten in irgendeiner Weise kundzutun. Diesen falschen Freunden können etwa Politiker, Publizisten oder Popstars begegnen. Ein gutes Beispiel hierfür ist Kurt Cobain. Nach dem unglaublichen kommerziellen Erfolg von Nirvanas »Nevermind« und dem unkontrollierten Anschwellen der Fangemeinde auf Weltniveau, litt Cobain offenbar darunter, dass er nun plötzlich massenhaft Zuspruch von Leuten bekam, deren An- und Weltsichten mit den seinigen in keinerlei Weise übereinstimmten. Auf einmal sah er sich von Millionen »Freunden« umzingelt, die völlig falsch waren. Denn sie lebten nicht in versiffter Behausung das betäubungsmittelpflichtige Leben eines Gitarre spielenden Slackers mit Bauch- und Weltschmerz. Und die meisten waren nicht nur popkulturell zu ungebildet, um Cobains musikalische Heimat des untergründigen Hardcore und abseitigen Indiepops zu kennen, sondern obendrein war ihnen das auch noch völlig egal. Sie verstanden ihn einfach nicht. Aber sie wollten alle seine Freunde sein. Und dann war da auch noch diese Frau, die vom Riot-Girl zum It-Girl mutierte, um fortan in einer großen Villa zu wohnen und sich mit einem dicken Wagen durch die Gegend chauffieren zu lassen. In aller Freundschaft: Alles falsch! Sofern man da nicht gleich zur Flinte greifen mag, liegt zumindest der Wunsch nahe, lieber für das, was man ist, gehasst zu werden, als für das geliebt zu werden, was man nicht ist.

Foto: www.hm.com (screenshot)

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

Ein Kommentar

  1. Miyamoto Musashi · Dezember 12, 2015

    ACH… wie romantisch der Glaube an die wahre Freundschaft!

    Wie einsam muss ein Leben sein mit all diesen wahren Freunden. Und überhaupt: Wann ist denn eine Freundschaft eine wahre? Etwa dann, wenn jemand sein Leben für jemand anderen geben würde? Wenn dies als Kriterium akzeptabel ist, stellt sich die Frage: Für wen würdest du dein Leben denn wirklich geben? Die andere Frage, die sich stellt, ist: Erweisen wir damit unseren Freunden wirklich einen Freundschaftsdienst, wenn wir unser Leben für sie opfern? Denn damit berauben wir unsere wahren Freunde seiner Freunde!

    Der pragmatische Ansatz wäre: Beste Freunde anstatt wahre Freunde! Oder Gelegenheitsfreunde oder Freunde bis zu einem gewissen Punkt.