Eulen nach Athen | Die Quadratur des Kreises

So wie es aussieht, versucht sich die neue Links-rechts-Regierung in Athen an nicht weniger als der Quadratur des Kreises: Sie will die griechische Wirtschaft sanieren, aber sie will nicht sparen. Ihre Bemühungen erscheinen vergeblich, und das ist kein Wunder. Schon in der griechischen Antike sind so berühmte Mathematiker wie Anaxagoras oder Hippias von Elis an der schwierigen Aufgabe der Quadratur des Kreises gescheitert.

Urdeutsche Besserwisserei

Erst viel später, im 19. Jahrhundert, konnte dann endlich ein gewitzter Mathematiker zeigen, dass die Quadratur – zumindest mit Lineal und Zirkel – unmöglich ist. Der Beweis dafür stammt von Ferdinand von Lindemann. Natürlich war er Deutscher. Und natürlich bekam er für seine Leistung eine Professur in Königsberg. Keine Überraschung also, dass auch der gegenwärtige griechische Versuch einer wirtschaftspolitischen Quadratur des Kreises zum Scheitern verurteilt ist. Wieder einmal sind es die Deutschen, die ihnen zeigen müssen, dass es so nicht geht. Allerdings dient dazu nicht der nüchterne Beweis eines Mathematikprofessors, sondern ein multimedialer Shitstorm urdeutscher Besserwisserei. Auf einer bestimmten Ebene trifft die Kritik an den Griechen natürlich zu. In ihrer beschränkten Korrektheit liegt ja die stinkige Perfidität jeglicher Besserwisserei. Aber zugleich greift die Kritik viel zu kurz. Denn einfach nur Sparen hilft auch nicht weiter. Es besänftigt zwar die Gläubiger. Aber es schafft auch viel Leid. Vor allem aber verschiebt es das Problem nur in die Zukunft. Denn schon jetzt ist deutlich sichtbar, wie sich das soziale Kapital der griechischen Gesellschaft durch die brutalen Sparmaßnahmen vollständig aufzehrt.

Soziales Kapital

Erodierendes Sozialkapital ist eine denkbar ungünstige Voraussetzung für eine starke Wirtschaft. Der Zusammenhang ist einfach: Soziales Kapital bezeichnet – dem Soziologen Robert Putnam zufolge – die vielfältigen Verbundenheiten und Zusammenschlüsse der individuellen Mitglieder einer Gesellschaft. Das Motto lautet dann nicht: »Jeder kämpft ums eigene Überleben«, sondern: »Einer für Alle« und »Alle für Einen« und so. Soziales Kapital ist eine zentrale Voraussetzung für die ökonomische Kooperationsfähigkeit und Einsatzbereitschaft der Menschen. In Griechenland wird es gerade kaputtgespart.

Pi

Die Wichtigkeit des sozialen Kapitals kommt in der gegenwärtigen, durch eine radikal technokratische Vorstellung von Politikmanagement geprägten Diskussion in Deutschland viel zu kurz. Das ist ein schwerwiegender Fehler. Wegen der Vernachlässigung der sozialen Voraussetzungen einer funktionierenden Wirtschaft stellen auch die den Griechen von außen aufgedrängten Sparmaßnahmen einen zum Scheitern verurteilten Versuch der Quadratur des Kreises dar. Es scheint also düster auszusehen für Griechenland: Mit Sparen und sozialem Bankrott oder – andersrum – ohne Sparen und mit sozialem Kapital wird das nichts mit Griechenland und seiner Wirtschaft.

Den Archimedes machen

Vielleicht gibt es aber doch quadratisches Licht am Ende des kreisförmigen Tunnels. Die deutsche Besserwisserei fällt in Wahrheit nämlich bescheidener und irgendwie auch kleingeistiger aus, als es zunächst den Anschein hat. Denn das Mathegenie Lindemann hat nur gezeigt, dass die Quadratur des Kreises mit Zirkel und Lineal allein nicht funktioniert. Aber wer sagt denn, dass Lineal und Zirkel schon alle erlaubten Hilfsmittel sind? Tatsächlich hat bereits Archimedes – na klar, ein Grieche – zweitausend Jahre vor Lindemann gezeigt, wie die Quadratur des Kreises eben doch gelingen kann. Er verwendete dazu aber deutlich gewitztere Mittel als nur Lineal und Zirkel, und zwar die berühmte Zahl π und die sogenannte archimedische Spirale. Archimedes ist daher ein wunderbares Beispiel für einen jener genialen Griechen in unserer an genialen Griechen so reichen europäischen Geschichte, die in ganz neuen Bahnen gedacht haben. Das ist es wohl auch, was Griechenland jetzt wieder braucht. Doch können die politischen »Jungs« aus Griechenland das? In ganz neuen Bahnen denken? Völlig andere Mittel ausprobieren? Den Archimedes machen? Man wünscht es ihnen. Jedoch: Die Koalition mit Ultrarechts, Snobismus, blöde Home-Stories, allgemeine Mediengeilheit, vor allem aber die gegen Null strebende Zahl der Frauen im Kabinett lassen daran sehr zweifeln.

Foto: Holger Motzkau, http://en.wikipedia.org/wiki/Pi, CC BY-SA 3.0

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

Ein Kommentar

  1. Nikos Psarros · April 3, 2015

    … damit das oben Gesagte den Limbus adertrivialer Wahrheit verlassen kann, sollte sich der Autor fragen, ob es in Griechenland überhaupt „soziales Kapital“ gibt… Bei einem Anteil von 2% der Sozialversicherten, die die Sozialversicherungen auf die eine oder andere Art betrogen haben, bei einer überdurchschnittlich hohen Anzahl von Frührentnern, und angesichts der Tatsache, dass es in Griechenland zwar keine allgemeine Sozialhilfe, aber jede Menge „gruppenbezogene“ Beihilfen gibt, ist es wohl so, dass in Griechenland dieses soziale Kapital durch eine Umwälzung des Denkens erst geschaffen werden muss. Und diese Umwälzung ist leider nicht in Sicht….