Eulen nach Athen | Neugriechische Fingerzeige

Auf den zentralen Plätzen griechischer Städte findet man, wie auch anderswo auf der Welt, Statuen berühmter Männer, die die Geschichte des Landes maßgeblich geprägt haben (das mit den Männern ist eine faktische Aussage – obwohl die Frühgeschichte des neugriechischen Staates maßgeblich auch von Frauen mitgeprägt worden ist, sind diese eher in Bildern verewigt worden). Oft werden diese Personen so dargestellt, dass sie mit gestrecktem rechten Arm und entsprechend gestrecktem rechten Zeigefinger in den Horizont weisen – in eine aus ihrer Sicht ferne und goldene Zukunft, in einen Horizont, der längst von mehrstöckigen Häusern um die besagten Plätze herum verdeckt wird.

Drachme

Der Zeigefinger ist aber nicht nur das Proprium griechischer Politiker- und Strategenstatuen. Alte Film- und neuere MAZ-Ausschnitte zeigen berühmte und weniger berühmte Politiker auf Podien und Balkonen, die das Volk in mitreißenden Reden ansprechen und dabei ihre Worte mit entsprechenden Handbewegungen unterstreichen. Der gestreckte Zeigefinger – der rechten, der linken oder beider Hände – vollführt dabei Bewegungen, die an die orchesterleitende Bewegung der Dirigentenstabspitze erinnern. Das Fazit: Der gestreckte Zeigefinger scheint das politische Leben des modernen Griechenland von seiner Entstehung bis in das 21. Jahrhundert begleitet zu haben – man könnte fast sagen: als eine Materialisierung des Kantischen „ich denke“, das alle meine Vorstellungen begleiten können muss. Es scheint, dass ohne gestreckten Zeigefinger die Verheißungen und Anklagen neugriechischer Politiker gar nicht ausgesagt werden könnten.

Paradigmenwechsel politischer Gebärdensprache

Dieses Paradigma politischen Gebärdens hat jedoch in jüngster Zeit eine Umwälzung erlitten, die sich fast wie eine echte Foucaultsche „rupture“ gibt. Ein anderer Finger hat dem neugriechischen Politikerzeigefinger den Rang streitig gemacht: der Mittelfinger! Genau genommen, hat sich dieser Bruch schon in unverdächtiger Zeit im Stillen vollzogen – die neulich durch die Medien kolportierte Gebärde des illustresten Mitglieds des frisch einberufenen griechischen Kabinetts markiert nicht den Ausbruch, sondern lediglich den Durchbruch des neuen Gebärdenparadigmas. Dass es sich um einen epochalen Paradigmenwechsel handelt, ist unverkennbar: Der gestreckte Zeigefinger verkörpert das Orientierende, das nach vorne Drängende, den Geist des Sturmes und Dranges, den Angriff, das Erblicken des Zieles, das Geistige und Begeisternde. Der gestreckte Mittelfinger verkörpert hingegen den Widerstand, das Bewusstsein des Ich-bin-schon-da-ihr-Penner, das Wissen der Überlegenheit, die Verteidigung des Erreichten, den Willen, es zu bewahren und zu genießen, das Lüsterne und schmerzvoll Lustbringende. Der gestreckte Zeigefinger leitet eine Bewegung ein, der gestreckte Mittelfinger gebietet den Halt.

Was zu zeigen wäre

Bedeutet dies, dass das gegenwärtige Griechenland das Ziel erreicht hat, auf das die Statuen der alten Helden auf den Plätzen der griechischen Städte zeigen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass der gestreckte Zeigefinger auf etwas zeigt, auf das ich vielleicht meine Hoffnungen auch richten würde, während der gestreckte Mittelfinger etwas zeigt. Etwas, das – oh sancte Ludovice, magister ostensionis – mir gar nicht gefallen will.

Zur Person Nikos Psarros

Nikos Psarros sieht sich dazu verurteilt, Studenten das Denken beizubringen. Wenn er Strafurlaub hat, denkt er über das Wesen des Menschen und die Natur der Existenz nach. Ein paar Bücher hat er auch noch geschrieben.

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