Eulen nach Athen | Avantgarde mit Stil

Ich erinnere mich noch gut, wie ich als junger Spund mit linker Kreuzberger Sozialisation die Tochter eines italienischen Abgeordneten der Partito Comunista Italiano kennenlernte. Es war auf einer Party in ihrer Wohnung, die in der mittigsten Mitte von Berlin-Mitte lag. Meine Kreuzberger Freunde raunten mir zu, dass dies eine Eigentumswohnung ihres Vaters sei. Ihre Mitte-Freunde erzählten mir zu vorgerückter Stunde indes ganz unverkrampft, dass man auch noch von einer 400 qm großen Eigentumswohnung in der mittigsten Mitte von Rom-Mitte, einer Villa in der Toscana und einem Ferienhaus auf einer Insel vor Neapel wisse. Jung, wie ich damals war, überraschte es mich sehr, dass ein Kommunist dermaßen opulent im immobilen Luxus schwelgt. Als ich die Party verließ, war meine Verwunderung jedoch verflogen. Zum Abschied hatte man mich nämlich darüber aufgeklärt, dass das Ziel der Weltrevolution mitnichten darin bestünde, dass alle bei Aldi einkaufen, sondern darin, dass es sich jeder leisten kann, ins KaDeWe zu gehen. Und die kommunistischen Kader seien auch hier, wie überall, ganz klar die Avantgarde.

Pet des Monats

Manchmal bereichern Erfahrungen unser Leben. Oft führen sie aber auch nur dazu, dass man eine realistischere Sicht auf die Dinge bekommt. Und so war ich auch nicht wirklich überrascht, als ich die Homestory in »Paris Match« über Yanis Varoufakis und seiner Gattin zu Gesicht bekam. Man sieht dort, wie die beiden mit debilem Dauergrinsen die bürgerlichen Königsdisziplinen des schönen Wohnens, guten Essens und wahren Trinkens auf der Dachterasse ihres Penthouses meistern, das direkt neben der Akropolis in der mittigsten Mitte von Athen-Mitte liegt. Nebenbei kann man Varoufakis aber auch dabei beobachten, wie er versucht, eines seiner eigenen Bücher zu lesen, während seine Gattin ihm bei diesem schwierigem Unterfangen schützend die Hand auf die Schulter legt und voll und ganz hinter ihrem Mann steht.

Blockupy TIFKAT!

All dies wurde von der internationalen Presse mit Häme und Kritik bedacht. Nachdem Varoufakis und auch Alexis Tsipras anfangs für ihren krawattenfreien Kleidungsstil gelobt wurden, sah man in der Homestory nun plötzlich den Gipfel mangelnden Regierungsstils. Angesichts der griechischen Schuldenkrise und des Umstands, dass Varoufakis bei Amtsantritt alle Griechen zu einem bescheidenen Leben ermahnt hatte, sprach man jetzt sogar von einem »PR-Debakel«. Wenn man allerdings über meine wertvolle Lebenserfahrung verfügt, wird man diese Einschätzung keineswegs teilen. Denn Varoufakis ist ja der Finanzminister einer SYRIZA-Regierung. Und »SYRIZA« ist die Kurzform von »Synaspismos Rizospastikis Aristeras«. Das bedeutet auf Deutsch soviel wie »Koalition der Radikalen Linken«. Und das ist – völlig klar – ein Fall von Avantgarde! Was uns diese Bilder sagen wollen, ist daher dies: So gut wird es dereinst jedem Griechen gehen, wenn der internationale Finanzkapitalismus der TIFKAT (The Institutions Formaly Known As Troika) überwunden ist und auch die parteispendenskandalerprobte Maultasche aus dem Kriegsverbrecherland endlich mal die Klappe hält.

Laf_Wag_Greece

Dafür, dass uns Varoufakis schon mal einen kleinen avantgardistischen Ausblick auf die Lebensart und Wohnkultur der klassenlosen Gesellschaft gönnt, dürfen wir ihm also keinen Vorwurf machen. Und statt uns immer nur über Griechenland zu beklagen, sollten wir uns besser mal fragen, was wir von seiner Regierung lernen können. So könnten sich Sahra Wagenknecht und ihr Gatte noch ein paar mediterrane Inneneinrichtungstipps holen, um endlich das Dolce Vita auf der kommunistischen Plattform genießen zu können. Der Rest der Republik könnte indes versuchen, Varoufakis das süße Geheimnis zu entlocken, wie man derlei unverkrampft finanziert. Denn unser Problem ist ja immer noch, dass wir viel zu viel rechnen und darüber zu leben vergessen. Zögerlich stehen wir im KaDeWe, anstatt mit satt gefülltem Warenkorb stracks auf die Kasse zuzusteuern, um dort auf den sofortigen Schuldenschnitt zu pochen, da wir sonst all die Flüchtlinge, Salafisten und Hartz-IV-Empfänger zur Kaviartheke durchwinken. Nur so kann man aber als Avantgarde diese ganzen europäischen Kredithaie niederringen! La lotta continua!

Foto: Peter Asmussen / www.arbeiterfotografie.com

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

2 Kommentare

  1. Valentin Knitsch · März 25, 2015

    Wenn das Dolce Vita nichts kostet, habe ich damit kein Problem, wenn es aber um Finanzierungsfragen geht, schon. Es führt zu kaum etwas, eine Diskussion über die (Un)gerechtigkeit eines Schuldenschnitts zu führen. Dafür ist die Frage wer wem was schuldet schon lange zu komplex, um sie irgendwie gerecht entscheiden zu können. Aber eines ist doch wohl klar. Schulden nicht zurückzuzahlen hat immer etwas ungerechtes. Und solange dies der Fall ist kann kein Linker ein derartiges (ausufenders?) Dolce Vita guten Gewissens leben. Die wahre linke Avantgard schafft es, (fast?) ohne Geld glücklich zu werden. Denn dann stünden die ganzen „europäischen Kredithaie“ weinerlich vor einem Haufen KaDeWe-Konsumgüter, die keiner mehr haben will. Was wäre ein schönerer Zustand?

  2. Thomas Hoffmann · März 25, 2015

    Vielleicht ist das mein Fehler. Vielleicht hätte ich das ja eigens erwähnen müssen. Vielleicht ist es aber auch noch nicht zu spät dafür. Also, wohlan! Es gibt vermutlich verschiedene Möglichkeiten, das nötige Maß an der geforderten Schiefe jener Ebene zu erreichen, die schon programmatisch im Titel dieses Magazins steckt. Meine Vorgehensweise besteht darin, mich auf der Spielwiese dessen zu tummeln, von dem Jarvis Cocker in den 1990er Jahren sang, dass es »over« sei (worin ihm seinerzeit auch all jene krachigen Autoren überaus zustimmten, die merkwürdigerweise nie in Analogie zum so genannten »Fräuleinwunder der jungen deutschen Literatur« als deutsches »Männchen-Wunder« bezeichnet wurden). So, jetzt ist es also raus: Ich bediene mich einer unzeitgemäßen Form, die landläufig »Ironie« genannt wird. In diesem Sinne mag dann auch – so meine Bitte – die geneigte Leserin und der geneigte Leser meine Texte lesen, anstatt z.B. zu glauben, ich würde ernsthaft meinen, dass die hedonistische Interpretation des ohnehin elitären Avantgarde-Gedankens wirklich einer der zustimmungswürdigen Geistesblitze der Arbeiterbewegung ist. Gleiches – und das sage ich jetzt nur der Vorsicht halber – gilt übrigens auch für die Idee, hilfsbedürftige und diskriminierte Menschen dafür zu instrumentalisieren, um an Kaufhauskassen (oder welchen Kassen auch immer) seine allein eigennutzorientierten Interessen durchzusetzen. Ganz explizit: Das ist nicht zur Nachahmung empfohlen! In einer Welt der 140-Zeichen-Nachrichten ist es nicht immer leicht, zwischen den Zeilen zu lesen und so etwas Antiquiertes wie Ironie herauszuhören. Dies zu üben, ist aber keineswegs vergebene Liebesmüh. Denn Ironie ist eine der wertvollsten Charaktereigenschaften des Menschen. Sie ist nämlich nicht mangelnde Ernsthaftigkeit, wie humorlose Zeitgenossinen und Zeitgenossen glauben mögen. Vielmehr ist sie die Fähigkeit, die so genannten gesellschaftlichen Verhältnisse, die so genannte Kritik an diesen Verhältnissen und vor allem aber auch sich selbst mit der nötigen kritischen Distanz zu betrachten. Hätten mehr Menschen diese Fähigkeit, so wäre dies zumindest ein erster Schritt in eine bessere Welt. Davon bin ich allen Ernstes und ganz fest überzeugt, was jetzt keinesfalls ironisch zu verstehen ist. Genau in diesem Sinne also: Weiter im Text! La lotta continua! Und ansonsten? Herr Knitsch hat natürlich buchstäblich recht: Uns allen ginge es schon etwas besser, erkennten wir, dass das Dolce unserer Vita nicht im ziellosen Verbrauch von immer mehr Konsumgütern besteht.