Eulen nach Athen | The Walking Debt

Die griechische Regierung übt sich in anzüglichen Gesten, die Europäische Zentralbank legt umgehend nach: Seit dieser Woche nun ragt ihr pompöser Neubau in den von brennenden Barrikaden verdüsterten Himmel Frankfurts – aufrechter, erigierter und obszöner als jeder Athener Mittelfinger. Und es ist, als wäre damit nur ein weiterer Spielzug in jenem politischen Tit-for-tat getan, das die ökonomische Spieltheorie ein »Chicken Game« nennt: Zwei testosterongesteuerte Autos rasen mit hoher Geschwindigkeit auf einen Abhang zu. Der Fahrer, der zuerst aus dem Wagen springt, ist das »chicken«. Springen beide nicht, sind beide Sieger – aber eben auch tot. Und so kommt hier strategisch alles darauf an, den jeweiligen Kontrahenten glauben zu machen, man selbst sei entschlossener oder besser wahnsinniger als der andere.

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In diesem historischen Augenblick eines Überbietungswettbewerbs in rationaler Irrationalität scheint tatsächlich der Moment gekommen, indem sich die Brauchbarkeit der ökonomischen Spieltheorie erweisen könnte. Diese ist ja prädestiniert für die Deutung des vermeintlichen Sozialverhaltens »entgeisterter« Zombies. Der Begriff »Zombie« steht für Wesen, die weder tot noch lebendig sind. Ihre Seele harrt der Erlösung, meist ist im Leben noch irgendeine Rechnung offen, es müssen »Schulden« beglichen werden. Einst hat Descartes behauptet, der Geist könne auch ohne den Körper existieren. Zombies konfrontieren uns mit der gegenteiligen Frage: Kann der menschliche Körper auch ohne den Geist existieren? Ja, er kann. Man sieht das nicht nur in Athen, sondern auch in Berlin oder in jedem der 43. Stockwerke des Frankfurter EZB-Neubaus.

Das Spiel ist aus?

Doch just in dieser historischen Stunde der Spieltheorie verkündet ausgerechnet Yanis Varoufakis, der selbst ja als Experte dieser Theorie gilt und einst an deren kritischer Weiterentwicklung forschte, deren Ende. In einem Gastbeitrag in der New York Times vom 16. Februar (»No Time for Games in Europe«) bekennt der Ökonom scheinbar selbstkritisch: An die Stelle einer Wissenschaft strategisch-manipulativen »Bluffens« sollen konkrete »Blicke in die Augen der Hungrigen auf den Straßen unserer Städte« sowie eine neue Aufmerksamkeit für die »gestresste Mittelschicht« und all die »hart arbeitenden Menschen in jedem europäischen Dorf« treten. Nur so werde Europa seine »Seele« wiederfinden. Das Verrückteste an diesem kleinen Text ist aber, dass Varoufakis keinen Zweifel daran lässt, dass die vermisste europäische Seele letztlich… ostpreußisch ist: »Der wichtigste Einfluss hier ist Immanuel Kant, der deutsche Philosoph, der uns gelehrt hat, dass der rationale und freie Mensch dem Reich der Zwecke dadurch entflieht, dass er das Richtige tut«.

Denn sie wissen, was sie tun

Da reibt man sich die Augen. Wie passt diese philosophische Geste zu jenem frechen Stinkefinger? Aus Sicht eines Landes, dem heute zwar Angela Merkel vorsteht, das aber einst als Land der Dichter und Denker galt, fragt man sich unwillkürlich: Hat da tatsächlich jemand Eulen und damit die Weisheit nach Athen getragen? Bitter nötig wäre es ja. Zumindest mit Blick auf die griechischen Eliten ist fraglich, ob von der einstigen Schönheit der geistigen Antike tatsächlich mehr als nur eine Ruinenlandschaft aus unsittlichem rational choice und undemokratischem Obrigkeitshass geblieben ist. Tatsächlich aber ist zu befürchten, dass der griechische Finanzminister noch immer im Modus des Tit-for-tat ist: Er verkündet strategisch »Wir sind Kant«, um immerhin so wahnsinnig zu wirken, dass der Kontrahent eben doch vorzeitig aus dem auf den Abhang zurasenden Auto springt. Kant selbst übrigens würde das gelassen sehen. Zumindest in der Politik darf keine Moralität »aus Pflicht« erwartet oder gar erzwungen werden. Ein bloß normenkonformes, »pflichtgemäßes« Handeln reicht. Und die politische Ordnung muss sich auch dann als stabil erweisen, wenn ein »Volk von Teufeln« zu regieren ist. Von einer derart stabilen Ordnung ist die EU allerdings so weit entfernt wie der restaurierte Dom von Königsberg von der heruntergekommenen Agora in Athen.

 Foto: Rebel Without a Cause (USA 1955, Regie: Nicholas Ray)

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

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