Erinnerungskultur | War da was?

Kultur hat man – oder eben nicht. Das gilt auch für die Erinnerungskultur. Eindrucksvoll bewies dies kürzlich ein allseits bekannter Präsident, als er einen selbst nach Twitter-Maßstäben erstaunlich kurzen Spruch ins Gästebuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem pinselte, der ob seiner bemerkenswert schlichten Direktheit einem slightly sentimental toast beim BBQ im Kreise ehemaliger Buddies von der Military Academy glich: »It is a great honor to be here with all of my friends – so amazing+will never forget!« Von Erinnerung an diesem denkwürdigen Ort keine Spur, hier geht es bloß um den gelebten Augenblick, das hedonistische Glück einer kurzlebigen Gegenwärtigkeit. Bedenkenswert ist allemal der letzte Teil dieses nunmehr historisch gewordenen Tweets: Denn obwohl stark bezweifelt werden darf, dass jener angesichts von Millionen Ermordeter derart verblüffte (»amazing«!) Mann diesen Besuch tatsächlich niemals vergessen wird, so scheint ihn doch zumindest die leise Ahnung eines Sinns für den Zusammenhang von Erinnern und Vergessen beschlichen zu haben – auch wenn die eigene Erinnerung in diesem Fall rein egozentrisch bleibt. Zudem sollten wir Milde walten lassen: Wer wieder und wieder die Anwesenden bei der eigenen Party zählen muss, weil er sich partout nicht daran erinnern kann, wie wenige es doch insgesamt waren, vergisst schon mal, sich an die unzähligen Opfer von Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu erinnern.

Allzumenschliche Schwäche

Es ist allerdings nicht einfach, beim Erinnern den Überblick zu behalten. Schließlich kann selbst ein einigermaßen aufmerksamer Zeitgenosse von durchschnittlichem Verstand heutzutage kaum noch ernsthaft behaupten, sich alles merken zu können. Die schnelle und vermeintlich schlaue Lösung des modernen homo sapiens digitalis lautet: Mit immer neuen Gadgets wird alles Mögliche und teils unsäglich Unmögliche notiert, fotografiert, gefilmt, sodann abgespeichert, gestreamt, gepostet und bestenfalls gephotoshoppt in irgendeine 0/1-Wolke verschoben. Das Fatale an dieser aufgeblähten Datenflatulenz: Wie bei einem klassischen Archiv muss man sich auch hier halbwegs strukturiert daran erinnern können, wo man was (und weshalb eigentlich?) zur späteren Erinnerung abgelegt hat. Leider verfügt niemand von uns über die mnemotechnisch beeindruckende Fähigkeit des Buchmendels aus Stefan Zweigs gleichnamiger Erzählung, der aufgrund eines famosen Gedächtnisses alle wichtigen antiquarischen Informationen auf Nachfrage stets parat hatte – freilich ohne jemals eines dieser Bücher gelesen zu haben. Und da dieses Meta-Erinnern selbst mit Hilfe ausgeklügelter Suchmaschinen eher schlecht als recht funktioniert, ruht inzwischen ein Gutteil potenziellen Erinnerungsgutes sanft und still im digitalen Nirwana und bildet ein vorzügliches Pendant zu den analogen Katakomben voller Papyri, Bücher und Akten jedweder Provenienz.

Füchse vs. Igel

Doch damit nicht genug: Zu der Schwierigkeit, diese schier unüberschaubare Menge möglicher Erinnerungsdaten überhaupt verfügbar zu halten, gesellt sich die viel wichtigere Frage nach der Relevanz: Welche Ereignisse sind es wert, erinnert zu werden? Dazu hat der Philosoph Isaiah Berlin in einem Essay über Tolstoj auf ein Versfragment von Archilochos verwiesen, worin es heißt: »Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß ein großes Ding«. Füchse bemühen sich darum, so viel Erinnerungswürdiges wie möglich zusammenzutragen, um der wimmelnden Vielfalt menschlichen Lebens gerecht werden können. Igel hingegen konzentrieren sich auf wenige herausragende Erinnerungsmomente, in denen sie jedoch paradigmatische Züge des typisch Menschlichen exemplifiziert sehen. Da Fuchs und Igel in der Natur nicht gerade symbiotisch miteinander verbunden sind, scheint sich hier mit Blick auf die Kultur des Erinnerns ein Dilemma anzubahnen: Entweder verstehen wir uns als Füchse, die sich überall wissbegierig schnuppernd in den Details der Geschichtsschreibung verlieren, oder wir handhaben es wie die Igel, die bloß ein paar saftige Engerlinge aufspüren und daraus gleich eine ganze geschichtsphilosophisch versierte Kosmologie machen.

Wie so oft im Leben, liegt die wahre Tugend im recht verstandenen Mittelmaß – je nach Veranlagung mit zwei zoo-intelligiblen Tendenzen: Als Igelfuchs hat man einen wachen Blick für die Vielfalt der Phänomene und weiß dennoch um die Notwendigkeit, diese Mannigfaltigkeit unter ein ordnendes Prinzip zu bringen, wenn man sich nicht heillos verirren will. Und als Fuchsigel denkt man, zurückgezogen im Gelehrtenbau, zunächst über grundsätzlich systematische Prinzipien nach, unternimmt aber eben zuweilen auch einen Rundgang im Garten, um zu überprüfen, ob sich die Prinzipien an den zu begreifenden Phänomenen bewähren.

Pluralistisches Unentschieden

In diesem Streben nach einem sinnvollen Mittelmaß liegt indes die entscheidende Herausforderung. Denn Erinnerung ist ein aktiver Prozess, und man muss sich mit einem wirklichen Interesse erinnern wollen. Als endliche, potenziell willensschwache und kognitiv nicht unbegrenzt belastbare Lebewesen können wir in diesem Streben mehr oder weniger gut sein – und genauso gut scheitern. Daraus geht eine Pluralität von Erinnerungskulturen hervor, die je nach Bildung, historischem Bewusstsein, Verantwortungsgefühl und gesellschaftlich-sozialem Hintergrund zum Teil erheblich variieren kann. Man braucht deshalb nicht gleich ‑ völlig beliebig ‑ jede Form des Erinnerns oder auch unachtsamen Nicht-Erinnerns für gut halten. Man sollte aber auch nicht vergessen, welch enormes Potenzial in der Vielfalt von Erinnerungskulturen stecken kann: Sie schärft nicht nur das kritische Bewusstsein, sondern stärkt revolutionäre Bewegungen und die Interessen von Minderheiten.

Foto: Christiane Hartmann

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, lebt in Leipzig und arbeitet an der Universität Magdeburg.

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