Erinnerungskultur | Polen, PiS und Pippi Langstrumpf

Schon Nietzsche wusste um das Glück des Vergessens: »Bei dem kleinsten aber und bei dem größten Glücke ist es immer Eines, wodurch das Glück zum Glücke wird: das Vergessen-können oder, gelehrter ausgedrückt, das Vermögen, während seiner Dauer unhistorisch zu empfinden.« In der polnischen Regierungspartei PiS haben sich anscheinend einige Nietzsche-Fans versammelt. Seit im November 2015 Kaczynski, Szydło, Duda und Co. ins Amt gehoben wurden, wird die Geschichtspolitik im Land neu ausgerichtet. Ganz oben auf der Agenda steht für Staatspräsident Duda die »Stärkung des patriotischen Bewusstseins der Polen«. Um dieses Ziel zu erreichen, wird auch mal ein neues Museum zum Zweiten Weltkrieg von der nationalkonservativen Regierung inhaltlich umgestaltet. Vertreibung der Deutschen aus ehemaligen deutschen Ostgebieten oder durch Polen verübte Juden-Pogrome? Die Erinnerung daran würde das patriotische Bewusstsein nur schwächen. Also raus damit aus den Museumsräumen!

Nietzsche in Polen

Nun kann man auf verschiedene Art und Weise mit der Geschichte umgehen – auch das wusste bereits Nietzsche. Werden historische Ereignisse als Ansporn zu großen Taten der Lebenden verwendet, haben wir es, seiner Ansicht nach, mit »monumentalischer« Geschichte zu tun. Die Vergangenheit kann aber auch zum Entstehen einer kollektiven Identität beitragen, dann geht es um eine »antiquarische« Historie. Ein solcher Umgang mit der Vergangenheit ist dadurch gekennzeichnet, das »von Alters her Bestehende mit behutsamer Hand« zu pflegen. Zu guter Letzt bleibt die »kritische« Betrachtung der Geschichte: Sie übernimmt nicht nur Überliefertes oder stellt dies in den Dienst eines Antriebsmotors aktueller Gesellschaften, sondern setzt sich hinterfragend-reflexiv mit Vergangenem auseinander. Der Clou bei Nietzsche: Alle drei Betrachtungsweisen sind gefragt – fehlt eine Funktion oder wird sie übermäßig betont, droht die Geschichte ins Unheilvolle umzuschlagen. Diese Pointe haben die PiS-Vertreter aber wohl nicht mitbekommen, oder sie haben ihre Nietzsche-Lektüre zu früh abgebrochen. Aktuelle Geschichtspolitik läuft in Polen lediglich nach dem Motto antiquarischer und monumentalischer Historie ab.

Antiquarisches

Die antiquarische Umgangsweise zeigt sich beispielsweise darin, dass vergangenes Unrecht gegenüber Polen festgehalten und zu einem Opfer-Mythos überhöht wird. Finanziert durch öffentliche Mittel sollen »Werke entstehen, die Polen und der Welt von unseren hervorragenden Landsleuten, unseren Helden erzählen«. Hier zeigt sich, dass Szydło und Konsorten sich antiquarisch als »Bewahrende und Verehrende« verstehen. Allerdings sollen keineswegs alle Ereignisse der Vergangenheit in Erinnerung gehalten werden. So werden beispielsweise Hinweise auf eine polnische Beteiligung an einem Massaker an Juden in Jedwabne im Jahre 1941 von PiS-Politikern gar nicht gern gesehen. Abhilfe schaffen soll gar ein »Gesetz zum Schutz des guten Rufes Polens« – dem polnischen Volk oder Staat eine Mitverantwortung an Naziverbrechen zuzuschreiben wird damit strafrechtlich verfolgt. Somit verfolgt die polnische Regierung eine Pippi-Langstrumpf-Taktik: »Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt!«. Erinnerungskultur wird zur Auslegungssache – und die Regierung legt fest, notfalls per Gesetz, was erinnerungswürdig ist und was dem Vergessen übergeben werden soll.

Durch den antiquarischen Umgang mit Geschichte soll aber zugleich auch ein Fundament gelegt werden, das durch die Darstellung von Heldentaten wiederum neue Helden aus den Zeitgenossen hervorkitzelt. In dieses Horn stoßen die genannten Forderungen nach Stärkung des patriotischen Bewusstseins und nach Werken, die von Heldengeschichten erzählen. Mit diesen Superman- bzw. »Übermensch«-Geschichten soll den Lebenden gezeigt werden, »dass das Große, das einmal da war, jedenfalls einmal möglich war und deshalb auch wohl wieder einmal möglich sein wird« (Nietzsche). Monumentaler Charakter der Geschichte? Check!

Alternative Fakten

Nur der kritische Umgang mit Geschichte fällt in Polen derzeit gehörig unter den Tisch. Mit Blick auf ausgesuchte historische Ereignisse ist die Losung der Stunde: Werdet zu Herdentieren! Denn diese, so Nietzsche, leben »unhistorisch« und kümmern sich nicht um das, was gestern war. Denen kann man dann auch erzählen, dass an antisemitischen Pogromen keine Polen beteiligt waren, oder man präsentiert ihnen verfälschte Museumsausstellungen, ohne dass jemand Einspruch erheben würde. Einzig, dass den Menschen im Unterschied zum Tier gerade die Fähigkeit, sich zu erinnern, ausmacht, geht hierbei völlig verloren. Die gute Nachricht für Szydło und Co. jedoch lautet: Das Auslöschen von bestimmten Erinnerungen oder das Übermalen bestimmter Ereignisse in bunteren Farben scheint zu wirken. Ende Juni reiste eine Berliner Schülergruppe nach Polen, darunter einige »Kopftuch-Trägerinnen«. In mehreren polnischen Städten wurden sie zum Opfer rassistischer Beschimpfungen und Übergriffe. Ihnen wurde der Zutritt zu einer Synagoge versperrt, weil sie ein »Sicherheitsrisiko« darstellten. Passanten bespuckten die Schülerinnen, Verkäufer weigerten sich, ihnen Wasser zu verkaufen. Die antisemitischen Ausschreitungen einiger polnischer Bürger während der NS-Zeit wurden offenbar bereits so erfolgreich aus dem öffentlichen Gedächtnis gelöscht, dass sie nun auch nicht mehr als Mahnung gegen erneute fremdenfeindlich motivierte Übergriffe fungieren können. Symbolischer hätten die Angriffe auf die muslimischen Schülerinnen daher nicht ausfallen können: Sie ereigneten sich im Namen der polnischen AG »Erinnern«.

Bild: Quelle unbekannt

Zur Person Kira Meyer

Kira Meyer denkt im fortgeschrittenen Master-Stadium an der Universität Hamburg über Probleme der Praktischen und der Politischen Philosophie nach. Und sie schreibt Beiträge für NDR Info.

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