Erinnerungskultur | Das Brot

In seiner sogenannten Dresdener Rede beklagte das tausendjährige Brot unter den Björns, nämlich Bernd Höcke, bekanntermaßen dies: » … wir Deutschen […] sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat«. Diese Klage zeigt nicht nur, dass Bernd selbstverständlich auch dann eine rechtslastige Sicht favorisiert, wenn es um das Thema Erinnerungskultur geht. Die keineswegs reinrassige Wortwahl, welche sich im soeben zitierten Vollverb offenbart, verrät uns zudem, dass Bernd eine nicht minder verschrobene Sicht auf Gartenarbeit und Baukunst bevorzugt.

Riten

Vielleicht liegt Bernds obskure Wortwahl aber auch nur daran, dass er die große vaterländische Sprache nicht so gut zu gebrauchen weiß, wie er Deutschlandfähnchen über Sesselarmlehnen zu drapieren versteht. Darauf deutet auch jene Passage seiner Rede hin, in der er mittels bruchstückhafter germanischer Syntax folgende Diagnose anbietet: »Und anstatt die nachwachsende Generation mit den großen Wohltätern, den bekannten weltbewegenden Philosophen, den Musikern, den genialen Entdeckern und Erfindern in Berührung zu bringen, von denen wir ja so viele haben, vielleicht mehr als jedes andere Volk auf dieser Welt, liebe Freunde! Und anstatt unsere Schüler in den Schulen mit dieser Geschichte in Berührung zu bringen, wird die Geschichte, die deutsche Geschichte, mies und lächerlich gemacht. So kann es und darf es nicht weitergehen!« Bei Bernd geht es allerdings weiter. Klug wie Brot fordert er nämlich: »Wir brauchen so dringend wie niemals zuvor eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad, liebe Freunde. Wir brauchen keinen toten Riten mehr in diesem Land.«

Häkeln

Wäre ich der Generalsekretär einer noch zu gründenden Partei ultraorthodoxer Populär-Stalinisten, die man der Abkürzung halber »PUPS« nennen könnte, so würde ich umstandslos der Diagnose zustimmen, die hiesige Erinnerungskultur bestünde nur aus toten Riten. Dass etwa die hierzulande zelebrierte Erinnerung an die Nazi-Verbrechen zur bloßen Gedenkfolklore verkommen ist, zeigt sich nämlich schon allein daran, dass Typen wie Bernd nicht sofort eingefangen und für immer weggesperrt werden. Als ultraorthodoxer Populär-Stalinist dürfte ich derlei unumwunden sagen. Und hätte ich erst die Regierungsgewalt an mich gerissen, so könnte ich auch im Zuge eines zünftigen Schauprozesses nicht minder unumwunden Bernd dazu verurteilen, in einem Gulag bei Heidenau für die nächsten 150 Jahre Deutschlandfähnchen zu häkeln, bis er keine Fingerkuppen mehr hat.

Na, was haben diese Braunbrote doch für ein Glück, dass ich weder die Regierungsgewalt inne habe noch Populär-Stalinist bin! Denn selbstredend bin auch ich ein sanfter Demokrat, der nicht dem zwanghaften Zwang des besseren Zwangsmittels verpflichtet ist, sondern dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments. Was gibt es jedoch gegen Bernds Klage über ein »Denkmal der Schande« überhaupt noch groß zu argumentieren? Es ist ja reichlich und genug Tamtam darum gemacht worden. Daher will ich hier nicht erneut in die antifaschistische Posaune trompeten, sondern lediglich folgende Frage in Bernds amnesisches Erinnerungsalbum kritzeln: Könnte der Umstand, dass in Berlin nun ein »Denkmal der Schande« steht und man derartiges in den Hauptstädten anderer Länder vergebens sucht, nicht womöglich etwas damit zu tun haben, dass es in der Geschichte anderer Länder auch kein vergleichbar schändliches historisches Ereignis gibt?

Haben

Während Milchbrötchen wie Martin Sellner ihre kleinen braunen Zellen anstrengen mögen, um sich die identitär bewegteste Antwort auf solcherlei Fragen zurechtzulegen, wollen wir die Zeit hingegen sinnvoll nutzen, indem wir uns einer weiteren Absonderlichkeit aus Bernds Rede zuwenden, die ich auf den Namen »Kollektivierung« taufe. Zwar wettern teutonische Braunbrote beständig gegen eine sogenannte Kollektivschuld der Deutschen, aber gegen ein Kollektivverdienst haben sie offenbar nichts einzuwenden. So bemüht auch Bernd mit der ihm brotgegebenen Intelligenz den nicht gerade originellen Verweis auf »weltbewegende Philosophen, Musiker, geniale Entdecker und Erfinder«, von denen er behauptet, dass »wir ja so viele haben, vielleicht mehr als jedes andere Volk auf dieser Welt«. Ja, ja, heute Deutschland und morgen die ganze Welt. Das kennen wir ja leider zu genüge und lassen es deshalb jetzt einfach mal weg. Was dann noch übrig bleibt, ist dies: Deutsche Philosophen, Musiker, Entdecker und Erfinder haben offenbar deshalb etwas mit dem deutschen Volk zu tun, weil die Deutschen sie »haben«. Aber was soll das nun wieder heißen?

Scheiben

Wurden Immanuel Kant und Johann Sebastian Bach von Hans Mustermann gekidnappt? Hat Otto Normalverbraucher Albert Einstein an seine Heizung gekettet? Oder hält unser notorischer Volksgenosse Bernd gar Hugo Erfurt in seinem Keller gefangen? Ich hoffe nicht. Wäre ich ein weltbewegender Philosoph oder Musiker oder auch nur ein genialer Entdecker und Erfinder, so empfände ich es jedenfalls als eine ziemliche Zumutung, würde mich irgendwer verschleppen, bloß weil wir zufällig die gleiche Staatsbürgerschaft haben. Eine Unverschämtheit sondergleichen wäre es indes, würde mein Entführer dann auch noch großmäulig verkünden, dass er mich »hat«, um es sich sogleich auf meinen Lorbeeren bequem zu machen, zu deren Wuchs und Gedeihen er rein gar nichts beitrug. Wenn ich die Fesseln erst losgeworden wäre, würde ich diesen Wichtigtuer wohl einfach schwuppdiwupp in Scheiben schneiden — wie man das mit einem Brot eben so tut.

Bildmontage: Thomas Hoffmann

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natürlichkeit des Guten hat er Bücher geschrieben. Derzeit denkt er wieder über den Begriff des Begriffs nach. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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