Erinnerungskultur | Wahrung der Totenruhe

Eine Sensation: Der Schnurrbart von Salvador Dalí sitzt noch genau so wie bei seinem Begräbnis vor 28 Jahren. Vor kurzem hatte ein Gericht in Madrid dessen Exhumierung angeordnet. Hintergrund ist die Klage einer 61-jährigen Kartenlegerin aus Girona, die behauptet, Dalís Tochter zu sein. Dabei hatte der Surrealist Zeit seines Lebens betont, impotent zu sein. Hätte man das nicht einfach mal so stehen lassen können? Ein zweites Beispiel: Als neulich Helmut Kohl starb, spulten die auf pietätlose Aktualität getrimmten Medien sofort ihre längst vorbereiteten Nachrufe ab. Ich selbst erinnerte mich an all die Abscheu, die ich früher, in meiner Jugend, für diesen eiskalten und etwas stumpfen Koloss aus Oggersheim empfunden hatte – und ich beschloss zu schweigen. Schon Chilon von Sparta, einer der »Sieben Weisen« des antiken Griechenlands, soll gesagt haben: »Dem Toten soll man nichts Böses nachsagen.« Und der Lateiner weiß: »De mortuis nil nisi bonum.« Damit ist das vielleicht zentrale Credo einer jeden gepflegten »Erinnerungskultur« benannt: die Wahrung der Totenruhe. Man wirft jüngst Verstorbenen keinen Dreck hinterher. – Doch wieso eigentlich?

Üble Nachrede

»Die Verleumdung, das freche Gespenst, setzt sich auf die edelsten Gräber«, sagt Heinrich Heine. Der Sarg ist kaum unter der Erde, schon geht es los: »Sie war oft hartherzig und rücksichtslos«, »Er hat sich nie um seine Kinder gekümmert«, »Daheim war sie ein Aas«, »Er hat sein ganzes Geld mit diesem Flittchen verprasst«. Was genau ist so anstößig an dieser üblen Nachrede, wo doch die Toten diese Lästerei gar nicht mehr als anstößig erleben? Der erste Grund ist offenkundig: Diese Lästerei ist unfair, weil sich eine Leiche gegen Anschuldigen nicht mehr zu Wehr setzen kann. Liegt man erst unter der Erde, ist keine Gegendarstellung mehr zu erwirken. Die Beleidigung verfängt so allzu leicht. Aber erklärt das unser moralisches Unbehagen bereits in toto?

Etwas Entscheidendes kommt hinzu, und zwar die Feigheit jener, die es sich zu Lebzeiten nicht getraut haben, die gescholtene Person rechtzeitig mit diesen unangenehmen Wahrheiten zu konfrontieren. (So wie übrigens auch umgekehrt, nach dem großen Robert Lembke, gilt: »Anerkennung ist eine Pflanze, die vorwiegend auf Gräbern wächst«). Aus ähnlichen Gründen sollte man auch nicht hinter dem Rücken lebender Dritter lästern – auch wenn das Spaß macht. Die betreffende Feigheit mag nicht direkt unmoralisch sein, aber sie ist aus tugendethischer Sicht zumindest schlechter Stil. Wenn Sie also unbedingt schlecht über einen Toten reden wollen, dann sollten sie zu einem »Medium« oder Geistheiler gehen, der einen Kontakt zu der toten Person herstellen kann. Dann können Sie ihr die lang zurückgehaltene Wahrheit auch direkt ins Gesicht sagen.

Postmortale Achtung

Auch § 168 StGB kennt den Tatbestand der »Störung der Totenruhe«. Zwar geht es dabei vor allem um die physische oder symbolische Schändung von Leichen und Friedhöfen. Doch Abs. 2 verbietet mit Blick auf Grabstätten »beschimpfenden Unfug«. Die Kuriosität der Formulierung verrät eine gewisse Verlegenheit des Gesetzgebers, aber man kann es sich leicht vorstellen: Tanzen auf Gräbern, das Urinieren auf Grabsteine, Hakenkreuz-Graffitis an Friedhofsmauern, Nekrophilie, das »Ausweiden und Zerlegen eines menschlichen Leichnams in einzelne Fleischportionen«. Auch wenn § 168 StGB historisch vermutlich nicht nur der Pietät, sondern auch der Seuchenbekämpfung gedient haben mag: Hier wird ein postmortaler Achtungsanspruch formuliert, der voll und ganz in der Tradition des Chilon von Sparta steht. Eben jener Chilon von Sparta soll es übrigens auch gewesen sein, dem wir die berühmte Inschrift am Apollotempel in Delphi zu verdanken haben: »Erkenne dich selbst!« Liest man diese Losung unmittelbar im Lichte des erwähnten Respekts vor der Totenruhe, so ergibt sich ein ethischer Zusammenhang: »Bevor du einem Toten irgendeinen Dreck hinterher schmeißt, solltest du zunächst lieber den Dreck vor deiner eigen Tür wegkehren«.

Tote und Untote

Mit Blick auf das Anliegen von Erinnerungskulturen ergibt sich aus dem skizzierten Schweigegebot ein Paradox: Einerseits geht es darum, Pietät gegenüber den Toten walten zu lassen. Andererseits beginnt echte kathartische Erinnerung oft erst mit dem Brechen des Schweigens – mit Blick auf die (meist toten) Täter. Ist das ein unauflösbarer Widerspruch? Vielleicht. Jedenfalls scheint es, als hätten Täter auch in postmortaler Hinsicht weniger Ansprüche auf Schonung, so wie ja auch lebende Angeklagte, z.B. vor Gericht, weniger Ansprüche auf Rücksicht als etwa ihre Opfer haben. Und doch muss darauf hingewiesen werden, dass die dringend notwendige Aufarbeitung von Verbrechen, die Suche nach historischer »Wahrheit«, nicht schon dazu berechtigt, mit den Tätern »beschimpfenden Unfug« zu betreiben. Ohnehin sollten wir den Respekt vor der Totenruhe noch viel weiter treiben. Ich selbst bin einmal gefragt worden, ob ich für eine Tageszeitung den Nachruf auf einen berühmten Philosophen schreiben wolle. Das Problem war nur: Der Philosoph erfreute sich zu diesem Zeitpunkt noch bester Gesundheit. Er war zwar schon alt, der Tag seines Ablebens würde kommen, die Zeitung müsste dann vorbereitet sein. Aber er war eben noch nicht tot (und er ist es bis heute nicht). Es wäre vielleicht naiv, empört zu sein, denn so ist nun mal das journalistische Tagesgeschäft. Dennoch wird klar: Es ist es nicht nur pietätlos, schlecht über Tote zu reden, manchmal mag es genau so anrüchig sein, Gutes über Untote zu sagen.

Foto: www.myheimat.de

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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