Echt jetzt? | Arbeit ist keine Kunst

Auf der Suche nach einem neuen Job? Ein erfahrener Personaler bei der Sparkasse Saarbrücken will jungen Leuten Mut machen: »Das Wichtigste ist, dass Bewerber authentisch wirken. Sowohl bei der Bewerbung als auch im Gespräch. Sie sollen sich dabei so darstellen, wie sie sind. Besonders ein Interesse am potenziellen Arbeitgeber sollte zu erkennen sein«. Dieser Ratschlag wirft irritierende praktische Fragen und mithin echte philosophische Probleme auf: Ist »authentisch« nicht etwas, das man sein muss, statt es bloß »darzustellen«? Macht das Gebot »Sei authentisch!« die gebotene Echtheit nicht performativ unmöglich? Ist Echt-Sein bei der Arbeit am Ende echte Arbeit, zumal es ja im echten Leben schon schwer genug ist, echt zu sein? Und kann jemand überhaupt authentisch bzw. echt sein, wenn er oder sie zugleich ein ebenso echtes Interesse an einem Job bei der Sparkasse Saarbrücken hat?

Man könnte den gut gemeinten, de facto aber total entmutigenden Ratschlag des Personalers als lächerlich abtun, wenn er nicht so ungeheuer symptomatisch für das heutige Berufsleben wäre. Denn in der Forderung nach echter, authentischer Selbstanpreisung kommt nicht bloß die Furcht der Personalabteilung vor einer Katze im Sack zum Vorschein, sondern auch das zentrale Element spätmoderner »employability«. Gemeint ist das ökonomisch attraktive, aber durchaus paradoxe Ethos einer wahrhaftigen Selbstverwirklichung in zuverlässiger Übereinstimmung mit dem Firmeninteresse.

True Colors

Die erste von insgesamt drei Bedeutungsdimensionen spätmoderner Echtheit lässt sich in Analogie zum Sprachgebrauch der Textil- und Modebranche illustrieren. Ist dort von »Farbechtheit« die Rede, so wird dem Material die verbraucherfreundliche Qualität attestiert, die eigene Färbung auch unter widrigen Umständen beizubehalten. Derart ungünstige Umstände können sein: mechanischer Abrieb, die Strapazen von Waschmaschine und Trockner, die Einwirkung von Sonnenlicht, Bleiche oder auch Speichel. Überträgt man dieses textile Qualitätskriterium auf die Echtheit von Arbeitnehmer_innen, so wird deutlich, dass es auch bei diesen um eine Art Oberflächenversiegelung geht: Man kann sie strapazieren, schleudern, drehen, wenden, rubbeln oder auch bespucken: Sie stehen dort – an ihrem Arbeitsplatz – und können nicht anders!

True Origin

Farbechtheit im Beruf fällt umso leichter, wenn der Charakter ohnehin nur aus Graustufen besteht. Und damit kommen wir zur zweiten Bedeutungsdimension der Echtheit – diesmal in Analogie zur Kunstbranche: Der Arbeitnehmer suggeriert, ein »Original« und keine Fälschung zu wollen; nichts Imitiertes oder Nachgemachtes, sondern ein echtes Kunstwerk, das der Provenienzforschung standhält. Diese Erwartung schmeichelt natürlich vielen Bewerber_innen, die sich sorgen mögen, ihre vielgepriesene »Flexibilität« könne bloß eine veritable Ich-Schwäche, ihre »Spontaneität« lediglich Opportunität und ihre »Anpassungsfähigkeit« am Ende Rückgratlosigkeit sein. Damit liegt sogleich auch die dritte Bedeutung von Echtheit auf dem Tisch: Die Personality der Bewerber_innen darf eben nicht bloß vorgetäuscht oder scheinbar sein. Sie muss eine Art innere »Essenz« sein, die äußerlich wirkt (im Sinne von »am Werke sein«). Oder um es mit Hegel zu sagen: »Was ökonomisch vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist ökonomisch vernünftig.«

Echt jetzt? Nicht wirklich

Der Echtheits- und Authentizitätskult unserer Tage, wie er sich vergleichbar auch in lebensweltlichen Bedürfnissen nach authentischen Stilmöbeln, echter Handarbeit, exotischen Urlaubsorten, authentischem Hip Hop, echten Freunden, authentischen Zeitzeugen oder verlässlichen News zeigt, ist ersichtlich ein Krisensymptom. Die Furcht vor dem »Fake« ist allgegenwärtig. Allerdings wäre es geradezu grotesk, die ersehnte Echtheit ausgerechnet in der kapitalistischen Arbeitssphäre zu suchen; an jenem Ort also, der seit jeher unter das Verdikt der sozialphilosophischen »Künstlerkritik« (Boltanski/Chiapello) fällt, er sei ein Hort der Vernichtung von Authentizität, Kreativität und Selbstzweckhaftigkeit. Umso erstaunlicher ist das Ausmaß, in dem es dem Kapitalismus gelungen ist, diese Künstlerkritik an der »Entfremdung« des Arbeitslebens produktiv umzumünzen und damit in eine Entfremdung2 umschlagen zu lassen, die sich offensiv als Authentizitätserwartung tarnt. Das muss dem kreativen Kapitalismus erst einmal jemand nachmachen: Was früher einmal kritische »Forderung« war, ist längst zur unkritisch affirmierten »Anforderung« geworden (Honneth). Und die einstige Therapie wird zur chronischen Krankheit.

Foto: baranq, www.shutterstock.com

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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