Echt jetzt? | Philosophically Blond

Eigentlich gibt es keine echten Frauen. So etwas auch nur anzudeuten, wäre reaktionär. Eine echte Frau, das wäre ja eine Frau, die zweifelsfrei und zögersohne in die Schublade »Frau« passte, und solche Schubladen wollen wir gar nicht erst aufmachen. Denn um Frauen dort hineinzustecken, müssten wir sie anhand bestimmter Kriterien als solche ausweisen und von weniger schubladentauglichen Frauen und Nicht-Frauen scheiden. Das erzeugte großen Druck für jene Frauen, die in die Schublade passen, denn sie müssten sich anstrengen, passend zu bleiben. Und es führte zu einer Abwertung all jener Frauen, die keine Eintrittskarte haben und vor der Schublade Schlange stehen. Vor allem aber wollen wir den Eindruck vermeiden, Frauen wären anders als Männer und daher sei ihnen der Zutritt zur Männerschublade prinzipiell verwehrt.

Philosophy’s Next Topmodel

Was muss man nun tun, um den Stempel »echte Frau« loszuwerden – womit natürlich schubladengerechte Frauen gemeint sind. Dazu müsste man zunächst wissen, was das illusorische Konstrukt der echten Frau beinhaltet, vor dem Frauen Angst haben sollten. Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, doch im Laufe meines Philosophiestudiums konnte ich mir einige Fallstricke erschließen, die es unbedingt zu vermeiden gilt. Vor Antritt des Studiums war ich ja so naiv gewesen. Ich hatte gar nicht recht bemerkt, dass das viele Rouge auf meinen Wangen, die Blondierung und Vorliebe für Germany’s Next Topmodel mein Interesse für die großen philosophischen Ideen befleckten, ja, übertünchten. Blond, Rosa oder Rouge – in der Philosophie wird einem schnell klar, dass man sich mit solchem Firlefanz als Verräterin am eigenen Geschlecht outet. Nur unaufgeklärte Heimchen mit Kinderwunsch, die so verblendet sind, sich selbst nach Schwarzer und de Beauvoir noch in monogame Beziehungen zu begeben, würden offen ihre Begeisterung für Schmink-Tutorials und Cellulite-Creme zur Schau stellen. Wenn schon monogam, dann wenigstens unrasiert oder lesbisch. Aber vielleicht auch nicht.

Im vierten Semester – ich war noch blond und überschminkt – sagte ich nach der schmerzlichen Trennung von meinem Freund zu einer Lesbierin, dass ich mir manchmal wünschte, auch auf Frauen zu stehen. Ich wollte dezent demonstrieren, dass mir die sexuelle Orientierung so wurscht ist, dass ich kein Problem damit hätte, selbst lesbisch zu sein. Meine Gesprächspartnerin flippte daraufhin allerdings völlig zurecht aus, weil ich mich erdreistet hatte, so über Homosexualität zu sprechen, als könnte man sich dafür oder dagegen entscheiden. Seitdem solidarisiere ich mich sehr viel gewissenhafter mit Frauen, die Frauen lieben. Ich habe nämlich erkannt, dass dies ein Schicksal ist, das man nicht verharmlosen sollte. Das würde der Papst schließlich auch nie tun.

Politisch Chic

Im fünften Philosophie-Semester freute ich mich über die Bekanntschaft mit einer seelenverwandten Studentin, die offenbar auch gern Make-Up und kurze Röcke trug. So etwas darf man aber eigentlich nur, wenn man außerdem Dreads, Tunnels, vielleicht eine Kurzhaarfrisur oder wenigstens ein paar Tattoos und Piercings vorzuweisen hat (an den richtigen Stellen, versteht sich). Das weiß eigentlich jeder, der cool drauf und politisch korrekt ist. Deshalb habe ich im sechsten Semester auch die Blondierung weggelassen, im siebten Semester legte ich mir Fake-Tunnels zu und im achten Semester begann ich, Hippie-Hosen und bunte Wolljacken zu tragen. Das mit dem Schminken konnte ich aber leider nie richtig ablegen und außerdem stecke ich wohl bis heute so tief in der Frauen-Schublade fest, dass mir die Regel »generisches Femininum statt Maskulinum« nicht einleuchten will, da ich Letzteres für ein vernachlässigbares Relikt prä-prä-feministischer Zeiten halte und meine, dass es »generisch« heißt, weil es inzwischen tatsächlich vom biologischen Geschlecht absieht. Ganz schön dämlich, möchte man sagen. Sollte man aber nicht, denn »dämlich« ist ja auch so ein Angriff auf die Weiblichkeit – oder zumindest Ausdruck des prä-feministischen Klischees des Weiblichen.

Back to Blond

Wie dem auch sei. Im Laufe des Masterstudiums habe ich jedenfalls einen schlimmen Rückfall erlitten. Ich heiratete (!), und zwar einen Mann (!!), und zwar aus Liebe (!!!), und da die Wolljacke inzwischen von Motten zerfressen worden war, kaufte ich mir eine dekolletierte Bluse und echt enge Jeans. Außerdem fühlte ich mich im Grunde meines Herzens als Blondine und hellte mein Haar wieder auf. Obwohl meine Begeisterung für Wittgenstein, den schwulen Chauvi, von meinem Frisurenwechsel unberührt ist, fragen mich befreundete Wittgensteinianer, die schon beinahe von meinen inneren Qualitäten überzeugt gewesen sind, warum es unbedingt blond sein müsse. Und irgendwie verstehe ich die Frage ja, denn wenn man – so ganz ohne neutralisierende Tattoos, Piercings, Kurzhaarfrisur oder Brille – blond ist, Rosa trägt und sich das Gesicht anpinselt, dann fühlt man sich spätestens im zwölften Semester Philosophie wie ein Afroamerikaner an einer US-Universität. Erst kürzlich hörte ich eine Kommilitonin, die aus Überzeugung wie Iris Murdoch aussieht, zu ihrer Freundin, die freiwillig wie Woody Allen aussieht, sagen, verheiratete Frauen auf Stöckelschuhen könne sie nicht ernst nehmen. Solche Frauen wären politisch vermutlich rechts. Echt?

Foto: ErikaWittlieb, https://pixabay.com, CC0 1.0

Zur Person Carolin Böse-Sprenger

Carolin Böse-Sprenger ist eigentlich lieb. Dank Hegel weiß sie, dass man Dinge ganz ohne Hokuspokus mit reiner Gedankenkraft bewegen kann und dass es das Gute nur gibt, wenn man es tut. Dafür steht sie nicht gerade mit ihrem Namen, aber mit einem Promotionsprojekt, das sie an der Universität Leipzig entfaltet.

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