Echt jetzt? | Würfeltechnik der Verblendung

Jetzt nur einmal rein hypothetisch angenommen, ich würde da womöglich jemanden kennen, der eventuell jemanden kennt, der vielleicht mit dem Gedanken spielt, sich einen neuen Wäschekorb zuzulegen. Freilich könnte diese Person mit nur einem Klick einen Kunststoffkorb für geizgeile € 2,99 kaufen. Aber will man das? Kann man sich mit einem solchen Korb wirklich identifizieren? Oder wird man ihn verschämt verstecken, wenn einmal Gäste kommen, denen eine gewisse Könnerschaft in gediegenem Konsumismus nachgesagt wird? Wie steht es um die Wertigkeit dieses Artefakts? Wie verhält es sich mit der Nachhaltigkeit seiner Herstellung? Und kann dieser Wäschekorb auch hinsichtlich handwerklicher Provenienz und Tradition überzeugen? Kann ein solcher Wäschekorb überhaupt ein echter Wäschekorb sein?

Echte Wäschekörbe

Kann er natürlich nicht! Denn ein solch anonymes Plastikding ist das geschichts- und seinsvergessene Massenprodukt eines global entfesselten Kapitalismus. Es ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems, dem nach spätestens drei Wochen auch noch der Griff abbricht. Daher wird der gediegene Konsumist auch gar nicht erst im weltweiten Netz nach derlei Tinnef suchen. Vielmehr begibt er sich umstandslos auf die Website eines in Waltrop ansässigen Versandunternehmens, welches heilsbringend verspricht: »Es gibt sie noch, die guten Dinge«. Dort kann man nämlich für läppische 245,00 € noch einen echten Wäschekorb erwerben. Das ist selbstverständlich ein Weidenkorb aus geschälter und mehrere Monate gelagerter Vollweide, der in Würfeltechnik gefertigt ist.

Echte Kennerschaft

Dieser echte Wäschekorb aus Waltrop ist ein Wäschekorb, den man auch ohne falsche Scham gerne einmal seinen Gästen vorführen wird! Praktischerweise stellt besagtes Versandunternehmen in seinem Katalog auch gleich die Vorlage für einen Vortrag zur Verfügung, mit dem man beim Begrüßungs-Aperitif brillieren kann: »Dieser Wäschekorb hat wenig gemein mit seinen – deutlich günstigeren – Konkurrenten, die landauf, landab auf Märkten und von fliegenden Händlern feilgeboten werden. Gute Wäschekörbe wurden schon vor mehr als 100 Jahren in dieser Art gefertigt: in der sogenannten Würfeltechnik, also mit einem doppelwandigen Geflecht, das eine sehr hohe Stabilität und eine glatte, saubere Oberfläche auf Innen- und Außenseite gewährleistet, und mit glattgeschliffenen Holzkufen, die bei traditionell gearbeiteten Gebrauchskörben immer schon zum Schutz des Bodens angebracht wurden. Der Aufbau des Korbes beginnt mit dem Boden, in den anschließend umlaufend Staken eingesteckt werden. Nach oben gebogen, bilden die Staken ein Gerüst, das in Würfeltechnik ausgeflochten wird. Die Werkstücke werden ohne Form frei Hand gefertigt. Der Hersteller ist ein in der vierten Generation geführter Meisterbetrieb und einer der letzten, der noch in dieser zeit- und somit auch kostenintensiven Verarbeitungsart fertigt und auch ausbildet.« Spätestens bei den Horsd’œuvres wird einem die unumwundene Bewunderung der Gäste sicher sein, ob der weltläufigen Kennerschaft in puncto Wäschekörbe, die man nun so charmant unter Beweis gestellt hat.

Neben der glamourösen Expertise, mit welcher der Gastgeber jegliche Abendgesellschaft zu bezaubern vermag, besteht das eigentliche Faszinosum eines solchen Wäschekorbs aber darin, dass er nicht nur unweigerlich die Sehnsucht der Gäste nach Echtheit, Tradition und Werten weckt, sondern ihnen auch aufzeigt, wie sie dies schmerzliche Verlangen kurzzeitig stillen können. Sie müssen nämlich einfach nur 245,00 € auf den Tisch blättern, um endlich auch solch einen Weidenkorb zu besitzen. Freilich ist dies nicht das Gegenteil eines global entfesselten Kapitalismus, sondern nur seine lokalistisch und authentizitistisch gewendete Variante. Daher wäre es nun auch wirklich leicht, sich darüber lustig zu machen, dass der Aperitifs und Horsd’œuvres verköstigende Bürger des bundesrepublikanischen Neo-Biedermeier dies offenbar nicht durchschaut. Und es ist beileibe kein Kunststück, jetzt altklug anzumerken, dass man nur enttäuscht werden kann, wenn man versucht, dem bis zur Sinnlosigkeit beliebigen Leben der Postmoderne ausgerechnet dadurch wieder Sinn einzuhauchen, dass man auf das kapitalistische Versprechen der Echtheit irgendwelcher Produkte vertraut. Denn der Kapitalismus hält schon aus Prinzip nie, was er verspricht. Und das Leben wird gewiss nicht dadurch sinnvoller, dass man die guten alten Handwerkserzeugnisse anhäuft, anstelle der schlechten neuen Massenware.

Echte Begeisterung

Etwas mehr argumentatives Geschick erforderte es indes, eine Lanze für den Verblendungszusammenhang des gediegenen Konsumismus zu brechen. Und da ich vor argumentativen Ehrgeiz nur so strotze, versuche ich’s mal hiermit: Solange alle, die es sich finanziell halbwegs leisten können, den Sinn des Lebens in der Echtheit von Wäschekörben suchen, bleiben sie wenigstens fest auf dem weichen Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen. Zum Behufe der Sinnstiftung torkeln sie nicht mit dem biodeutschen Pöbel durch die Gassen und plärren »Volksverräter!« oder »Lügenpresse!«. Sie setzten auch nicht Flüchtlingsunterkünfte in Brand oder schlagen Migranten, Schwule und Linke krankenhausreif, sondern bestaunen im Stillen die sagenhafte Würfeltechnik ihres Weidenkorbs. Und vor lauter Staunen kommen sie auch nicht auf die Idee, dort nach dem Lebenssinn zu suchen, wo so mancher Gangster-Rapper aus Remscheid ihn gefunden zu haben glaubte, als er für Allah in den Krieg zog. Trotz all der Verblendung, wäre es daher vielleicht gar nicht mal so schlecht, begeisterten sich noch viel mehr Menschen für echte Wäschekörbe.

Foto: https://www.manufactum.de

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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