Echt jetzt? | The Circus Has Left Town

Was bedeutet schon Echtheit? Ein Clown in der Manege ist echt, weil er mit Mimik und Gestik drollige Späße vorführt und uns tatsächlich zum Lachen bringen kann. Aber zugleich ist er auch unecht, weil er zwar mit dieser Rolle im Zirkus reüssiert, jedoch schwerlich außerhalb der Manege ständig den Clown geben wird, wenn er denn gewillt ist, ein einigermaßen vernünftiges Leben zu leben. Und in der Regel schafft es ein vernünftiger Clown, dieser Ambivalenz des Echten mit einem hinreichend komplexen Vorstellungsvermögen gerecht zu werden und nach Möglichkeit all seine menschlichen Eigenschaften zu manifestieren – es ist also eo ipso gut, ein vernünftiger Clown zu sein.

Ohne Netz

Doch nach dem Wahlausgang in USAnien durfte man sich schon verwundert fragen: Echt jetzt? Dieser Mann ohne Eigenschaften und politische Erfahrung hat gerade den machtvollsten der auf diesem Planeten zu vergebenden Posten eingenommen? Die Ereignisse der vergangenen Tage, Wochen und Monate dürften mittlerweile die zunächst ungläubig an ein eklatantes Versehen der geschichtlichen Vernunft Glaubenden belehrt haben: Die vermeintliche Aura des Amtes hat es offenbar nicht vermocht, bei dieser lediglich an guten deals interessierten Spätfolge des Manchester-Kapitalismus ein Mindestmaß an zivilisierter Haltung, geschweige denn ein demokratisch gesinntes, respektvolles und anständiges Benehmen anderen Menschen gegenüber zu bewirken. Denn dieser eigenwillig Eigenschaftslose ist tatsächlich so, wie er sich in jeder Minute des an Niveaulosigkeit kaum zu unterbietenden Wahlkampfs präsentierte: ein schlichtes Gemüt, welches unberechenbar aufbrausend, notorisch beleidigt wie beleidigend und sich in seiner Manneskraft potenziell unterschätzt fühlend nicht einmal mit derart viel Verantwortung betraut von seinen Ich-bezogenen Spiegelfechtereien lassen kann. Es nimmt deshalb nicht wunder, wenn er nun irrlichternd unbeirrbar genau das umzusetzen versucht, was er zuvor in markigen Worten bloß ankündigte – die weiland für bare Münze zu nehmen niemand bereit war.

… und doppelten Boden

Und damit nicht genug: Am anderen Nabel der Welt erweist sich zeitgleich noch ein Potentat auf eine Weise wirklich echt, wie es sonst nur kleine Kinder können, die noch ohne jegliches Gespür für Scham und zwischenmenschliche Rücksichtnahme einfach drauflos plappern und unverblümt alles genau so sagen, wie sie es für den Augenblick meinen. Der bis zur wundersamen Durchsichtigkeit durchschaubare Demagoge vom Bosporus entblödet sich deshalb nicht, in seinen Reden die ewig schlecht gestimmte Leier des Nazivergleichs anzustimmen und den missglückten Putschversuch gegen ihn als glückliche Fügung seines Machtgewinns zu preisen, derweil im neo-sultanesken Osmanien Berufsverbot und Sippenhaft finstere Urständ feiern.

Dagegen war das mit Robert Musil unsterblich gewordene Kakanien die Heimstatt der echtesten unechten Charaktere, also der vernünftigsten Clowns, die man sich denken kann. Jene Protagonisten verfolgten zwar überaus geschäftig und öffentlichkeitswirksam eine »große Aktion« – aus der jedoch nicht unbedingt etwas folgte, weil dem vermeintlich echten Ernst dieser Bemühungen keine direkte Verbindlichkeit mehr entsprach, wodurch auf verwickelte Weise die Kehrseite der zugleich bestehenden Sinn-, Perspektiv- und Ratlosigkeit zum Vorschein kam, die aber auch jedem überstürzten Tatendrang einen zivilisierenden Aufschub verpasste. Das Beste daran: Im Grunde ihres Herzens wussten die Bewohner Kakaniens sehr genau um dieses feine Spiel der Ironie und nahmen jene fest habitualisierten Formen des Umgangs miteinander als echte Geste einer nur bedingt ernst zu nehmenden Haltung, weil sie sich zugleich in einer bemerkenswerten Gewitztheit des tragikomischen Umstands bewusst waren, dass die Weltläufte letztlich viel zu komplex sind, um auf einer solchen Bühne der gepflegten Eitelkeiten wirklich beherrschbar zu sein. Mit dieser tiefen und clownesken Einsicht in die Notwendigkeit des Scheins, um den wirklichen Problemen ohne Schaden an Sinn und Verstand begegnen zu können, zeigte diese verlorengegangene Welt ihr wahrhaft humanes Gesicht.

So sad! But true

Im Gegensatz dazu herrscht in USAnien und Osmanien ein bitterböser Ernst, weil es zwischen Rhetorik und Realpolitik keine ironische Differenz mehr gibt und den Worten unmissverständliche Taten folgen: weil Bomben fallen und Menschen leiden. Einem aufmerksamen Beobachter des Weltgeschehens bleibt diese Wahrheit nicht verborgen, da selbst in Zeiten von alternative facts nicht zu bestreiten ist, dass diese eindimensionalen Banausen so echt und schlecht sind wie ihre verheerenden Nebenwirkungen. Man kann nur froh sein über Medien, denen das Tatsächliche noch etwas gilt und die uns diesbezüglich im besten Sinne des Wortes ent-täuschen. Doch es bleibt ein ernüchternder Beigeschmack, denn mit diesen schlechten Clowns wird ein fatales Defizit deutlich: Wer in der Lage ist, einen hinreichend differenzierten Blick auf menschliches Denken und Handeln im Allgemeinen wie im Besonderen zu werfen, der versteht auch, dass vernünftige Lebewesen ein endliches Leben führen und sich darin zu bewähren haben. Und darin sind sie weder so gut wie Heilige noch so schlecht und böse wie der Leibhaftige, sondern stehen in der Ambivalenz vielfältiger sozialer Rollen und entsprechender Bewertungen – bei einem »bösen« Menschen wollen (und dürfen) wir demnach hoffen, er möge auch eine »gute« Seite haben und vice versa. Werden wir hinsichtlich dieser Hoffnung enttäuscht, ist unsere Welt armseliger geworden.

Foto: Ungry Young Man, www.flickr.com, CC BY 2.0

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, lebt in Leipzig und arbeitet an der Universität Magdeburg.

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