Digitaler Moralismus | Öffentlichkeit ist nichts für Feiglinge

Ich habe einen Alptraum: Wie jede Woche halte ich meine Vorlesung, die keine Lesung ist, sondern ein freier Vortrag. Gelegentlich reiße ich einen Witz oder wähle ein wenig akademisches Beispiel, um das Abstrakte anschaulicher zu machen. Auf meine Spontaneität war ich immer stolz, das Risiko gelegentlicher rhetorischer Entgleisung nahm ich dafür in Kauf. Nun aber erfahre ich, dass anonyme Blogger im Hörsaal sitzen. Sie notieren penibel, wie viele nicht-weiße, nicht-westliche, nicht-männliche Autor*_Innen ich würdige (nicht so viele), wie regelmäßig ich gendere (eher unregelmäßig), wie viele Antidemokraten (Platon, Hobbes!), Antisemiten (Luther, Marx!) und Sexisten (Kant, Rousseau, noch mal Marx!) ich zitiere. Sie registrieren jeden Räusperer vor einer politisch heiklen Bemerkung, jede Doppelbödigkeit eines bildhaften Ausdrucks (»schwarzes Loch«: rassistisch und sexistisch!). Ihre Hermeneutik ist maximal ungnädig, ihr Urteil schnell fertig und schneidend: Rassist, Sexist, Antisemit und Antidemokrat! Was tun?

In Deckung

Ich biete den Bloggern einen argumentativen Schlagabtausch auf offener Bühne an. Leider lockt sie dies nicht aus der Deckung – sie fühlten sich mir rhetorisch nicht gewachsen; auch fürchteten sie, ich würde ihnen die Abschlussnote versauen. Also beschimpfe ich sie als elende Feiglinge. Um mir aber auch selbst Ärger zu ersparen, lese ich von nun an aus meinem Buch vor, unter Umgehung aller zwar humorvollen und anschaulichen, aber politisch nicht superkorrekten Beispiele.

polizeischule

Gut, ich bin nicht Herfried Münkler, der etwas Ähnliches tatsächlich erleben muss. Weder bin ich Bestsellerautor noch berate ich die Bundesakademie für Sicherheitspolitik. Weder habe ich eine Vorliebe für geopolitische Großdeutungen, noch scheint mir im Ausnahmezustand die Stunde der Wahrheit aller Politik zu schlagen. Und anders als anscheinend Münkler lasse ich in meiner Vorlesung Nachfragen und kritische Kommentare ausdrücklich zu. Das dürfte die Neigung zum anonymen Anschwärzen ein wenig ausbremsen. Aber wie sicher kann ich mir da sein? Immerhin hat auch Münkler seinen Kritikern eine öffentliche Diskussion angeboten, die sie aber mit der erbärmlichen Ausflucht ausschlugen, ihr Professor könnte sie in Grund und Boden reden.

Mit offenem Visier

Doch es soll hier nicht um meine persönliche Sorge gehen, sondern um etwas, das wichtiger ist: die akademische Kultur des Umgangs zwischen Lehrenden und Lernenden an einer Universität. Und für die scheint mir zweierlei unverzichtbar zu sein, wogegen »Münkler-Watch« verstößt: das Prinzip der akademischen Öffentlichkeit und das Prinzip der akademischen Öffentlichkeit. Was die Öffentlichkeit im Allgemeinen angeht, so bin ich ganz bei Hannah Arendt: Wer starke Meinungen hat, muss auch mit offenem Visier (Achtung: militaristische Metapher!) für sie einstehen können. Wer dazu nicht bereit ist, soll bis auf weiteres die Klappe halten, seine Argumente überprüfen und meinetwegen rhetorische Nachhilfe nehmen. Und die möglichen Repressalien? Drohen den Bloggern tausend Stockhiebe, wie Saif Badawi in Saudi-Arabien? Nein, sie studieren an der Humboldt-Universität, da könnten sie sogar ihre Prüfer zurückweisen, wenn die ihnen befangen vorkämen.

Wissenschaftliche Schutzräume

Aber Münkler-Watch ist auch ein Angriff auf die Grundregeln der Wissenschaftsöffentlichkeit. In dieser muss Manches gesagt und geprüft werden dürfen, was nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht; etwa Carl Schmitts Konzept des Politischen (das im Übrigen auch linke Denker wie Chantal Mouffe inspiriert hat). Entscheidend ist, was zum Stand der Forschung auf einem bestimmten Erkenntnisgebiet beiträgt. Wer dieses Kriterium theoretischer Relevanz mit dem ganz anderen der politischen Korrektheit kurzschließt, hat nicht verstanden, was Wissenschaft ist. Was im politischen Kontext unverantwortlich und gefährlich sein mag, könnte in der Wissenschaft erkenntnisfördernd sei. Um das zu erkennen, muss man freilich in die Relevanzstrukturen eines Faches erst einmal eingeführt worden sein. Deshalb wäre es keine gute Idee, Vorlesungen in Zukunft direkt bei Youtube einzustellen. Sie würden beinahe gewiss von erregungsbereiten Steuerzahlern missverstanden werden. Nicht einmal die Studenten von Münkler-Watch können ja unterscheiden zwischen Positionen, die für ihren Professor zum wissenschaftlichen Kanon gehören, und solchen, die er als Politikberater zur Anwendung empfiehlt.

Foto: http://www.rbb-online.de

Zur Person Bernd Ladwig

Bernd Ladwig würde gerne die Sau rauslassen, weil Menschen nicht die einzigen Tiere sind, die Rechte haben. Er lehrt politische Theorie und Philosophie am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin.

Ein Kommentar

  1. Tom Bradschetl · Juni 16, 2015

    Dass eins eine*n Prüfer*in zurückweisen kann, entkräftet nun aber das Argument mit der Repression kaum, da auch bei Münklers Mitarbeiter*innen von einer gewissen Loyalität zum Chef ausgegangen werden muss. Souveräner wäre es mMn, den Wunsch nach Anonymität einfach zuzugestehen und andere Formen des kritischen gegenseitigen Austauschs zu finden, der ja bei Arendt im Besonderen und allgemein zu ihrer Zeit der eigentliche Grund für die Forderung nach Offenheit zu sein scheint. Von mir aus auch zeitasynchron, um dem Argument der rhetorischen Unterlegenheit noch entgegen zu kommen.