Digitaler Moralismus | Die gemäßigte Revolution

Einer der wichtigsten Soziologen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Niklas Luhmann, war noch der Meinung, dass die Moral in den gegenwärtigen Massengesellschaften ausgedient habe. Moral als soziale Praxis beruhe auf den Sanktionsmitteln der Schuldzuweisung, der Beschämung und des sozialen Ausschlusses, befand er. Genau das lasse sich in zunehmend anonymen Gesellschaften ohne feste Familienstrukturen und ohne Gemeinschaften aber nicht mehr leisten. Die Moral sei zu einem zahnlosen Papiertiger geworden. Über diese Diagnose kann man nach den ersten fünfzehn Jahren des 21. Jahrhunderts nur noch erstaunt den Kopf schütteln. Es mutet seltsam an, dass ausgerechnet derjenige Soziologe, der wie kein anderer die Kommunikation zum Kern der Gesellschaft und ihrer Architektur erklärt hat, gleichzeitig die moralische Gewalt des Internets so wenig vorhersehen konnte. Inzwischen ist offensichtlich, dass das Internet die Moral wieder in den Mittelpunkt sozialer Kämpfe gerückt und die Sanktionsmittel nicht nur des sozialen Ausschlusses, sondern sogar der sozialen Hinrichtung reaktiviert hat.

Moral ohne Moralismus

So gut wie jedermann und jedefrau weiß um die allgegenwärtige Gefahr, zum Opfer eines Shitstorms oder eines Firestorms, wie es im Englischen etwas weniger analfixiert heißt, zu werden. Klar, manchmal kann das durchaus angemessen sein. Es gibt fraglos Leute, die jene geballte digitale Verachtung und die damit einhergehenden lebensweltlichen Konsequenzen verdient haben. Doch leider ist der Moralismus der digitalen Revolution ähnlich grobschlächtig wie etwa der Moralismus der Französischen Revolution. Er interessiert sich nicht besonders für Angemessenheit und gute Gründe. Hauptsache: »Kopf ab!«. Egal wen es trifft.

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Aufklärung scheint auch heute für eine vernünftige Mäßigung wieder nötig zu sein. Es gilt, die progressiven Errungenschaften der Revolution zu bewahren und ihre Auswüchse zu beseitigen. Moral ohne Moralismus, lautet also die Aufgabe. Doch wie lässt sich die alltägliche mediale Selbstjustiz verhindern? Es müssten vernünftige Stimmen laut werden, die den digitalen Moralismus als das entlarven, was er ist. Wo diese Stimmen herkommen sollen und wie sie Gehör finden können, weiß ich leider auch nicht. Mir fällt da nur ein, dass es ja mal Journalistinnen und Journalisten gab, die diese aufklärerische Schwerstarbeit als ihr Handwerk angesehen haben.

Varianten des Moralismus

Vielleicht hilft es aber, verschiedene Formen des Moralismus zu unterscheiden, um besser zu sehen, welche davon auf digitale Schlammschlachten zutreffen. Hier vier Vorschläge: Eine erste Form des Moralismus beruht darauf, dass eine Person harsche Kritik übt, obwohl sie gar nicht kritikberechtigt ist. Das gilt beispielsweise dann, wenn deutlich Besserverdienende den Bahn- oder Kitastreik verurteilen. Eine zweite Form besteht darin, starke moralische Kritik zu üben, obwohl die dahinter liegende moralische Überzeugung epistemisch sehr unsicher ist. So ist es bei dem Blog mit dem üblen Namen »Münkler-Watch«, der bereits in den anderen Texten zum selben Thema hier auf Slippery Slopes ausführlich diskutiert wird. Drittens kann auch moralische Kritik geübt werden, obwohl die Faktenlage sehr unsicher ist. Denken wir nur an den Kachelmann-Fall, den Edathy-Fall, den Wulff-Fall und all die massiven Vorverurteilungen. Schließlich kann es sein, dass es bei moralischer Kritik gar nicht primär um die Sache geht, sondern nur darum, sich selbst über andere zu erheben. Dieser Eindruck entsteht hin und wieder bei dem einen oder der anderen Tierschützer_in und einigen Umweltenthusiast_innen. Gerade der letzte Punkt ist besonders heikel. Denn ein kopfloser Moralismus kann für das Gelingen einer moralisch wichtigen Sache so schädlich sein wie sonst kaum etwas. Auch das lehrt uns die Französische Revolution.

 Foto: http://commons.wikimedia.org, public domain

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

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