Digitaler Moralismus | Vom Grollen zum Trollen

Im Netz herrscht Godwin’s Law: »As an online discussion grows longer, the probability of a comparison involving Nazis or Hitler approaches one« (Mike Godwin). Ganz gleich, ob die Community über Veganismus, die Homo-Ehe, die Vorlesung eines Politik-Professors, die Möglichkeit von Zeitreisen oder andere Hobbys streitet – früher oder später bringt irgendjemand einen Nazi-Vergleich. Hier nur ein Beispiel: In einem Fußball-Blog wird über die aufwendige »Choreo« (Fähnchen schwenken etc.) der Bayern-Fans vor dem letzten Champions League-Spiel debattiert. Ein Hater behauptet, diese »ganzen Bayern-Fans im Stadion sind doch alle von der Telekom gekauft«. Ein zweiter stellt fest, die Choreos der Borussia seien »tausend Mal« besser. Daraufhin sieht sich ein Schalke-Fan von all dem Wimpel-Gewinke nach Nord-Korea gebeamt. Und so kommt es, wie es kommen muss: Ein Fan des 1. FC Nürnberg (!) fühlt sich an den von Leni Riefenstahl verfilmten NSDAP-Reichsparteitag erinnert.

teapot

Abgesehen davon, dass der Faschismus gewissermaßen nirgends ist, wenn man ihn überall wittert, ob im Holzfällersteak, im traditionellen Familienidyll, im Hörsaal oder sogar im Design einer Teekanne: Als Moralphilosoph_in darf man sich fragen, was aus moralischer Kritik wird, wenn sie immer gleich das schwerste Geschütz auffährt, nur um anschließend die Schlechtigkeit der Welt zu beklagen. Wer mit dem Charme einer Planierraupe unterwegs ist, sollte sich nicht wundern: „Where have all the flowers gone?“

Blanker Kynismus

Oft wirkt dieser Moralismus so, als habe er Schopenhauers ultimative Streitempfehlung aus Die Kunst, Recht zu behalten verinnerlicht, aber deren Ironie überlesen: »Wenn man bemerkt, daß der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob«. Wie überhaupt es im Netz kaum eine Bemerkung gibt, die moralistisch und witzig zugleich ist. Das schließt sich einfach aus. Noch wichtiger ist aber: Eine tendenziell maßlose Moralkritik wird »zynisch« im etymologischen Wortsinn, denn sie kommt auf den Hund (alt-griech. kyon) und schlägt um in ein »aufgeklärtes falsches Bewusstsein« (Peter Sloterdijk). Sie wird zu einer Ideologiekritik, die sich selbst aller Ideologiekritik enthoben glaubt, und mutiert zur denunziatorischen Geste. Aus moralischem Grollen wird Trollen.

Blogwarte

Symptomatisch dafür ist der aktuelle Fall »Münkler-Watch«. Hier werden Methoden angewandt, die man sonst nur von Stasi und NSA kennt: heimlich mitschneiden, konspirativ auswerten, strategisch verleumden. Vielleicht erklärt sich so auch, warum nicht einmal eingefleischte Moralisten über die aktuellen Geheimdienst-Abhörskandale empört sind. Man ist längst selbst dabei, diese Methoden – mutmaßlich aufgeklärt und superkritisch – im Netz salonfähig zu machen. Die Grenzen zur Tea-Party, zu den Sittenwächtern in Teheran oder zur Scharia-Polizei in Wuppertal verschwimmen. Die Trolls der Hypermoral mögen zwar nicht deren inhaltliche Grundüberzeugungen teilen, wohl aber den denunziatorischen Alarmismus: »Verleumde nur dreist«, hat Francis Bacon einmal gesagt, »etwas bleibt immer hängen.«

Flecksucher aller Länder, vereinigt euch!

Dabei scheint der digitale Moralismus bloß der verklemmte Kompagnon der Hate-Speech zu sein: Zwischen der Errichtung eines Internet-Prangers und dem Netz-Aufruf zum Mord liegen mitunter nur zwei, drei Stufen der Enthemmung (bitte googeln: »Ronja von Rönne«). Besonders enervierend – im Netz, aber auch anderswo – ist das, was man »Ismus-Seismografie« nennen kann: Wer sich zuerst von irgendeinem Sexismus, Rassismus, Eurozentrismus, Speziesismus etc. erschüttert zeigt, darf als sensibelster Seismograf der eigenen Troll-Kohorte gelten. So berechtigt sie im Einzelfall auch sein mag: Man kann diese Hermeneutik des Verdachts auch übertreiben. Manchmal gilt eben auch für die Moral die Warnung Ciceros, dass »höchstes Recht höchstes Unrecht« ist. Zudem aufgepasst: Man wird sich der Reinheit der eigenen Weste nicht schon dadurch versichern können, dass man unentwegt auf den Westen anderer nach schmutzigen Flecken sucht.

Foto: JCPenney 

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

Ein Kommentar

  1. slippery-slopes · Juni 6, 2015