Digitaler Moralismus | Studentische Dienste

Seit Mitte Mai widmet das deutsche Feuilleton seine Aufmerksamkeit dem Blog »Münkler-Watch«. Dort halten vermeintliche oder tatsächliche Studierende der Humboldt-Universität vermeintliche oder tatsächliche Fehltritte gegen die politische Korrektheit fest, die sich der Politikwissenschaftler Herfried Münkler in seiner aktuellen Vorlesung leisten soll. Das Interesse des deutschen Feuilletons mag daher rühren, dass es Münkler als Teil der relativ unbekannten Subkultur deutscher Hochschullehrer zu relativer Bekanntheit gebracht hat. Aber es hat freilich auch etwas damit zu tun, dass es zwar unter der Würde des deutschen Feuilletons ist, über das skandalöse Liebesleben von Miley Cyrus zu berichten, die frivole Lust am Skandal jedoch trotzdem bedient werden muss. Denn irgendwie muss sich das Blatt ja auch verkaufen. Warum also nicht einfach mal Münkler öffentlichkeitswirksam auf dem Wrecking Ball gegen die politische Korrektheit schwingen lassen?

wrecking_ball

Da mir im Zweifelsfall Miley Cyrus’ Liebesleben sympathischer ist als Münklers Weltsicht, drängt mich wenig zur Verteidigung seiner Person. Und da ich seine Vorlesung nicht besuche, kann ich auch nicht beurteilen, ob es da vor Rassismus, Sexismus und anderen widerlichen Ismen nur so wimmelt oder nicht. Alles, was ich tun kann, ist folgendes Konditional zum Besten zu geben: Wenn ein Hochschullehrer sich solcher Ismen in einer Lehrveranstaltung schuldig macht, dann macht er ziemlich viel falsch. Denn Rassismus, Sexismus etc. sind schlecht. Und sie zu bekämpfen, steht daher jedem auch nur halbwegs vernünftigen Menschen gut an. Allerdings – und dies nur nebenbei gesagt – sollte man nicht glauben, dass der Kampf gegen die widerlichen Ismen darin bestünde, Asteriske, Unterstriche oder Großbuchstaben ins geläufige Schriftbild uns bekannter Wörter einzufügen. Das ist zwar einfach und bequem, aber im wortwörtlichsten Sinne nichts als billige Symbolpolitik, die gar nichts ändert, außer eben das geläufige Schriftbild uns bekannter Wörter.

Hermeneutische Ruchlosigkeit

Wenden wir uns jetzt von dem speziellen Fall Münklers und seiner Beobachter ab, dafür jedoch dem Allgemeinen zu, so werden damit auch unsere Probleme grundsätzlicher. Wir alle wissen aus unserem alltäglichen Umgang mit anderen, dass sie uns zuweilen nicht verstehen – und oft betrifft dies nicht nur die Ebene des Gehalts, sondern auch die performative Ebene unserer Äußerungen. Sieht man sich z.B. Zuhörern gegenüber, deren Bildung zu gering ist, um Zitate und Verweise als solche zu erkennen, oder ist man mit Zuhörern konfrontiert, die ideologisch zu indoktriniert sind, um Ironie und Humor zu verstehen, so ist die Gefahr groß, dass dies sehr schnell zu sehr unliebsamen Missverständnissen führt. Und diese Gefahr nimmt auch nicht eben ab, wenn einem die Zuhörer bereits mit einer feindlichen Erwartungshaltung begegnen und deshalb sehr selektiv interpretieren, was man sagt. Derlei ist schon in der jeweiligen Gesprächssituation frustrierend genug. Werden diese selektiven Interpretationen dann auch noch dazu verwendet, um jemanden im weltweiten Netz an den Pranger zu stellen, so kann dies mitunter auch seine Existenz vernichten – fast immer jedoch seinen Ruf.

Diskursive Nebelkerzen

Wäre es angesichts dessen ein großer Fortschritt des kritischen Hochschuldiskurses, würden von nun an Studierende des 2. oder 3. Semesters ihre Abhörprotokolle von Vorlesungen und Seminaren anonym im Internet veröffentlichen und dabei altklug Noten für die politische Korrektheit des Dozenten verteilen? Wäre es ein Dienst an der kritischen Öffentlichkeit, würde sich das Feuilleton von nun an auf diese anonymen Bewertungen stürzen, die dem moralinsauren Geist juveniler Überheblichkeit entspringen? Sicherlich nicht. Die staatssicherheitsgleichen Studierenden würden das Interesse des nach Skandalen gierenden Feuilletons mit öffentlichem Interesse an ihrer Sache verwechseln. Die heutzutage unter Universitätsangehörigen ohnehin erschreckende Tendenz zur mediokren Angepasstheit würde aus lauter Angst vor öffentlicher Bloßstellung noch weiter zunehmen. Die notorischen Wutbürger und Nazis sähen all ihre Ressentiments gegenüber dem Diktat der politischen Korrektheit nicht gerade zu Unrecht bestätigt. Und am Phänomen des tagtäglichen Rassismus, Sexismus etc. hätten diese diskursiven Nebelkerzen des akademischen Alibi-Aktionismus wieder einmal gar nichts geändert.

Foto: Ron Jeremy, https://www.youtube.com

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

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