Déformation professionnelle | Philosophie ist keine Zauberei

In der immer weitere Kreise ziehenden Debatte um Wolfram Eilenbergers Zeit-Artikel, die für die Verkäufe seines jüngst erschienenen Buchs sicherlich nicht hinderlich gewesen sein dürften, stehen sich in der Frage des gegenwärtigen Zustands der akademischen Philosophie zwei Parteien gegenüber. Die einen stimmen Eilenbergers Diagnose grundsätzlich zu: die zunehmende Abkapslung der akademischen Philosophie von den gesellschaftlich drängenden Fragen, die Tendenz gerade der deutschen analytischen Philosophie, ebenso hochspezialisierte wie einäugige Debatten zu produzieren, und nicht zuletzt das Fehlen philosophischer Leitwölfe vom Kaliber eines Heideggers. Die anderen erkennen in dieser Diagnose nur noch eine Karikatur dessen, was an deutschen Universitäten unter dem Namen »Philosophie« gelehrt wird: Sei es, dass sie in Anbindung an die empirischen Wissenschaften – wie jüngst vermehrt an die Lebenswissenschaften – in die interdisziplinäre Grundlagenarbeit involviert ist, sei es, dass sie wie in der jüngsten Renaissance des deutschen Idealismus, z.B. in Pittsburgh, frische Perspektiven auf eine wichtige Tradition ebenso wie neue Antworten auf philosophische Grundfragen gewinnen: Die akademische Philosophie erscheint den Kritikern Eilenbergers quicklebendig.

Dennoch trifft Eilenberger einen wunden Punkt, da sich die akademische Philosophie stellenweise durchaus in Debatten um Fragen verliert, zu denen eine Vielzahl von Papers erscheinen, die nicht allein das große Ganze vergessen, sondern deren Relevanz selbst in diesen Debatten mitunter unklar wird – mag »Barn Facade County« noch geistreich gewesen sein, ist es das zwanzigste Paper im Wettrüsten um eine Lösung der »Gettier«-Fälle nur noch bedingt.

Im Reigen der Wissenschaften

Dass die Philosophie nicht auf einen innerakademischen Disput beschränkt bleiben kann und keineswegs allein eine Gehilfin der empirischen Wissenschaften ist, liegt daran, dass sie sich für grundlegende Fragen unseres Selbst- und Weltverständnisses interessiert. An diesem Anspruch kann sie problemlos festhalten, ohne sich in überkommene Allmachtsphantasien zu flüchten. Ist die Philosophie, mit Hegel gesprochen, der Versuch, die eigene Zeit in Gedanken zu fassen, so hat sie eine andere Form und auch einen anderen Inhalt als andere Wissenschaften. Interessiert sie sich für grundlegende Fragen unseres Selbst- und Weltverständnisses – in der theoretischen Philosophie z.B. als Fragen danach, was es gibt, was Erkenntnis ist, was Handeln ist, was Wissenschaft ist und wie der Geist verfasst ist, und in der praktischen Philosophie z.B. als Fragen danach, was es heißt, dass wir für moralische Gesichtspunkte ansprechbare Lebewesen sind, was Werte sind und was Politik ist –, so tut sie das allein derart, dass sie reflexiv unsere Vorverständnisse zu diesen Fragen aufzuklären beansprucht. Es geht ihr damit um grundlegende Fragen, aber allein derart, dass sie beansprucht zu klären, was wir eigentlich meinen, wenn wir solche Grundbegriffe in den Mund nehmen.

Weltanschauliche Neutralität

Den anderen Wissenschaften liefert sie weder ein Fundament, noch ist sie eine Fundamentalkritik an diesen. Wenn überhaupt arbeitet sie die Präsuppositionen wissenschaftlicher Praxis heraus und rückt diese damit auch für sie in ein Licht kritischer Thematisierbarkeit. Und sie kritisiert schlechte Philosophie, die im Kontext anderer Wissenschaften kolportiert wird. Eine entsprechende Kritik gilt nicht anderen Wissenschaften, sondern solchen Aspekten an ihnen, die nicht länger wissenschaftlich, sondern rein weltanschaulich sind. Ein Beispiel dafür wären Antworten auf die Frage nach dem Verhältnis von Geist und Gehirn, deren begriffliche Voraussetzungen sich eben nicht empirisch beantworten lassen. Wer nun meint, diese Fragen würden in der Philosophie selbst wieder nur weltanschaulich betrieben, ist herzlich eingeladen, die Logikvorlesungen zu besuchen, die an allen deutschen Philosophieinstituten Teil des Curriculums sind. In der Philosophie geschieht die Klärung solcher Grundbegriffe in Form eines argumentativen Streits um die richtige Antwort – ein Streit, der ebenso von der Ausbildung in formaler Logik und in Argumentationstheorie getragen ist wie von einer intimen Kenntnis philosophiegeschichtlicher Antworten auf das, was in Frage steht.

Lebenspraktische Relevanz

Gerade aus einer Perspektive, die über die Frage nach der Rolle der Philosophie im Kanon der Wissenschaften hinausgeht, steckt ein plausibler Kern in Eilenbergers Kritik am Zustand der akademischen Philosophie: Philosophie ist eine Praxis, die einen grundsätzlichen Sitz in unserem Leben hat. Gerade diese Rückbindung im Sinne der Relevanz der Philosophie für den Einzelnen bzw. die Einzelne kann in Teilen der akademischen Philosophie verloren gehen. Diesen Kritikpunkt auf die postanalytische Philosophie zu beschränken ist aber ungerecht, da sie gegenüber dem Poststrukturalismus oder der hermeneutischen Philosophie keinen aus prinzipiellen Gründen eingeschränkteren Gesichtskreis hat; gute wie schlechte Philosophie gibt es hüben wie drüben. Philosophie ist in ihren gelungenen Beiträgen im Kern als Arbeit an unserer Freiheit zu verstehen, insofern sie den Standpunkt des Einzelnen bzw. der Einzelnen bildet und in seiner bzw. ihrer Artikulation weiterentwickelt. Als Reflexion unserer grundlegenden Orientierungen kann und darf sie nicht auf eine innerakademische und sich selbst reproduzierende Praxis beschränkt bleiben, sondern muss ihre mitunter hochgezüchteten theoretischen Diskurse grundsätzlich auch für philosophische Laien erläutern können – ohne in Abrede zu stellen, dass es philosophische Fragen höherer Ordnung gibt, die nicht ohne umfangreichere Vorkenntnisse verständlich gemacht werden können. Dass aber etwa McDowells Hauptwerk unsere unproblematische Offenheit gegenüber der Welt und Derridas Arbeiten sich um die konstitutive Brüchigkeit und interne Widersprüchlichkeit eines jeden Sinngeschehens drehen – das zu sagen und zu verstehen ist kein Zauberwerk.

Bild: David Wharton

Zur Person Daniel Martin Feige

Daniel Martin Feige interessiert sich für alles, was mit Ästhetik zu tun hat. Er ist Juniorprofessor für Philosophie und Ästhetik unter besonderer Berücksichtigung des Designs an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.

Ein Kommentar

  1. Enrico Tropschug · 12 Days Ago

    „Ein Beispiel dafür wären Antworten auf die Frage nach dem Verhältnis von Geist und Gehirn, deren begriffliche Voraussetzungen sich eben nicht empirisch beantworten lassen..“
    Die Geist-Gehirn-Diskussion ist in der Tat merkwürdig. Es gibt die Wirklichkeit, es gibt das menschliche Nervensystem mit seinen komplexen Prozessen, und es gibt die Resultate dieser komplexen Prozesse. Der Dualismus als logische Form der Resultate der komplexen Prozesse ist aus evolutionärer Sicht sicher hilfreich. Das ist eigentlich schon alles. Aber die Frage nach dem Geist-Gehirn-Verhältnis existitiert nun einmal und macht vermutlich Sinn, wenn man annimmt, dass sich der vom Nervensystem geleistete Dualismus auf die Wirklichkeit übertragen lässt. Der dazwischen liegende komplexe Prozess existiert in diesem Weltverständnis nicht.
    Die Erwartung an die Philosophie wäre, die Annahmen zu untersuchen, die so eine Art von Fragestellung überhaupt erst ermöglichen, auch wenn sie damit ihre eigene Grundlage in Frage stellt.
    Noch ein Zitat: „Unsere ganze geistige Tradition, ja die gesamte objektive Struktur unserer abendländischen Kultur ruht auf einigen Kernmotiven der auf die Griechen zurückdatierenden Identitätsmetaphysik und der ihr korrespondierenden klassischen Logik, die unser Denken auch heute noch fast ausschließlich beherrscht.“
    (Gotthard Günther, „Das Bewußtsein der Maschinen“, S.24 , 2. Auflage, 1963, Agis-Verlag)