Déformation professionnelle | Und tschüss!

In Die Zeit vom 1. März 2018 attestierte Wolfram Eilenberger der gegenwärtigen akademischen Philosophie lebensferne Selbstbespiegelung, geistige Stagnation und gesellschaftliche Irrelevanz. Wie nicht anders zu erwarten, rief diese Diagnose den öffentlichen Widerspruch akademischer Philosophen hervor. Dass der Vorwurf lebensferner Selbstbespiegelung nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, wird jedoch jeder geistig halbwegs gesunde Mensch zugestehen müssen, der sich schon einmal dem zweifelhaften Vergnügen hingab, einer GAP- oder DGPhil-Konferenz beizuwohnen. Während irgendein Vortragender referiert, dass die vorletzte Teilthese aus Fred Dretskes 2008er-Aufsatz auf einem unzulässigen Modus tollendo ponens beruht, ist es nahezu unmöglich, dem Wachkoma zu entkommen. Nur die Frage, was es heute wohl zum Mittagessen geben mag, ist in solchen Momenten ein vielleicht noch wirksames Gegenmittel zu dem hochdosierten Hypnotikum, das gerade verabreicht wird. Wahlweise tut es aber womöglich auch die Frage, womit man hier eigentlich freiwillig seine Lebenszeit verplempert.

Mickey Mouse

Diese Frage drängt sich auch jedem auf, der nicht schon völlig betriebsblind ist, sich aber dennoch auf einer der unzähligen philosophischen Tagungen wiederfindet, die heutzutage »Workshops« heißen. Denn die Tagungsteilnehmer, die sich aus jenen weltweit maximal fünfzig Personen rekrutieren, welche sich schon seit Jahren dem Tagungsthema widmen, werden nur einmal mehr das von sich geben, was sie bereits seit Jahren von sich gaben. Deshalb wurden sie ja auch schließlich zur Tagung eingeladen! Mit einer philosophischen Position verhält es sich heutzutage nämlich nicht grundlegend anders als mit Mickey Mouse und Coca-Cola. Eine philosophische Position ist heutzutage ein Markenprodukt und benötigt einen durch beständige Wiederholung herzustellenden Wiedererkennungswert, um auf dem Markt wahrgenommen zu werden. Das dient allerdings nicht nur der Karriere ihres Vertreters, sondern leistet leider auch seiner und der allgemeinen geistigen Stagnation Vorschub.

Würde

Eigentlich müssten Forschungsgemeinschaften, Stiftungen und Universitätsverwaltungen 90 Prozent der Gelder, mit denen Reise- und Aufenthaltskosten beglichen werden, ersatzlos streichen, wenn bekannt werden würde, welchen Erkenntnisfortschritt philosophische Konferenzen, Tagungen und Workshops zeitigen. Denn zumeist dienen sie lediglich dazu, einem Haufen international anerkannter Soziopathen die Möglichkeit zu geben, sich entweder als Koryphäe den Bauch pinseln zu lassen oder sich als bauchpinselnder Bückling tagelang bei der Koryphäe einzuschleimen, um so den eigenen beruflichen Aufstieg voranzutreiben. Dieses Spiel des internationalen und manchmal gar interdisziplinären Bauchpinselns bringt nicht nur zahlreiche Karrieren hervor, die lediglich auf strategischem Geschick und ausgeprägten sozialen Kompetenzen beruhen, kaum jedoch auf der Qualität und Originalität philosophischen Denkens. Es ist auch recht würdeverletzend, zumindest für all diejenigen, die sich im akademischen Betrieb noch so etwas wie einen letzten Rest an Würde bewahrt haben.

Netzwerk

Wäre die Koryphäe im Laufe der Jahre den Schmeicheleien nicht vollends erlegen, so müsste sie erkennen, dass es durchaus auch ihre Würde verletzt, wenn sie von all jenen Bücklingen, die um sie herumscharwenzeln, ausschließlich als karrierefördernder Steigbügelhalter instrumentalisiert wird. Wäre den bauchpinselnden Bücklingen das Bücken und Pinseln nicht zur zweiten Natur geworden, so müssten sie indes erkennen, dass es durchaus ihre Würde verletzt, wenn sie allzeit servil, charmant und bis zur Selbstverleumdung einsichtig den Ansatz der Koryphäe mehr oder minder nachplappern, um endlich Teil eines Netzwerks zu werden, dass ihre Karriere sichert.

Früher nannte man Netzwerke übrigens Seilschaften. Und es war selten ein Kompliment, als Teil einer Seilschaft bezeichnet zu werden. Heute hingegen wollen alle immer vernetzt sein – und zwar auch dann, wenn sie sich dabei nicht als Vernunftwesen, sondern nur als tote Fische verwirklichen können. Dass so viele der gegenwärtigen akademischen Philosophen vom Kopf her stinken, weil sie sich in den Karriere-Netzwerken verfangen haben, führt aber nicht nur dazu, dass lebensferne Selbstbespiegelung sowie geistige Stagnation im Fach Philosophie keine Ausnahmen, sondern die Regel darstellen. Denn dies hat wiederum auch zur Folge, dass die akademische Philosophie inzwischen gesamtgesellschaftlich völlig irrelevant geworden ist.

Relevanz

Befriedigt man bloß wechselseitig seinen inzestuösen und egozentrischen Drang zur technolektalen Korinthenkackerei innerhalb des jeweils eigenen Netzwerks, das zur dogmatischen Schule wird, so darf man sich nicht darüber wundern, dass auf der öffentlichen Bühne Figuren wie Richard David Precht, Peter Sloterdijk und gar Rüdiger Safranski ihr Unwesen treiben. Begriffliche Probleme, die sich gewöhnlichen Sprechern und Akteuren in der alltäglichen Praxis stellen, stets auf empirisch-szientistische Allgemeinplätze verkürzen zu wollen oder dekonstruktivistisch raunend in irgendwelche Aporien auslaufen zu lassen, mag ein vergnügliches L´art pour l´art für einige Leute mit sehr speziellen Vorlieben sein. Die gesellschaftliche Relevanz, die Philosophie haben sollte, haben derartige geistige Ergüsse aber aus ersichtlichen Gründen nicht. Und daher muss man dieser Art von Philosophie auch keine Träne nachweinen, wenn man sie — samt all ihrer akademischen Pathologien — in den Müllschlucker der Geschichte kloppt. Hier tut es voll und ganz ein einfaches und entschlossenes: »Und tschüss!«.

Bild: https://pxhere.com, CC0 1.0

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

2 Kommentare

  1. Gottfried Schweiger · April 11

    War zu lange für einen Kommentar. Daher hier: http://www.praefaktisch.de/002e/tagungen-abschaffen/

  2. Vladislav Soskin · April 11

    Ich würde jedenfalls nicht Richard David Precht, Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski undifferenziert zusammen nennen…