Déformation professionnelle | Über Züchtung

Die deutschsprachige akademische Philosophie ist auf den Hund gekommen. Nicht auf ein domestiziertes Schoßhündchen, sondern auf ein Exemplar mit öffentlichkeitswirksamem Biss. Der in die Wade beißt, heißt Wolfram Eilenberger und brachte kürzlich ein Buch heraus, in welchem er einer »Zeit der Zauberer« in der Philosophie huldigt, die indes längst der Vergangenheit angehöre. Dieser nostalgische Rückblick auf die Goldenen Zwanziger, in denen Denker von Format noch wirkmächtig eine wahrhaft intellektuelle Strahlkraft entfalten konnten, war der Anlass für ihn, eine durchschaubare Werbung für das Verlagsprodukt mit einer bedenkenswerten Generalkritik am Zustand derjenigen Philosophie zu verbinden, die derzeit an Universitäten und diversen Forschungseinrichtungen institutionalisiert ist. Als »universitäre Denkathleten«, so seine Kritik, seien professionelle Philosoph*innen zwar »bestens trainiert«, aber gerade in einer damit einhergehenden spezialistischen Verengung liege ein wesentlicher Grund, weshalb sich die akademisch verfasste Philosophie nicht mehr den wirklich wichtigen und großen Fragen des Lebens zuwenden könne und darum so gut wie jegliche gesellschaftliche Relevanz verloren habe. Dieser Befund mutet zunächst befremdlich an, denn es ist nicht ohne Weiteres ersichtlich, warum denksportlich erprobte Spezialisten es schaffen sollten, ihre eigene Disziplin derart zu beschädigen. Was also ist dran an der Diagnose, die der gegenwärtigen Philosophie trotz hoher Leistungsfähigkeit eine desolate Bedeutungslosigkeit bescheinigt?

Mach mit, mach’s nach, mach’s besser

Für die Beantwortung dieser Frage gibt uns die Analogie zum Sport einen ersten Hinweis: Professionelle Athleten trainieren in der Regel, um in einer Sportart bestmögliche Leistungen zu erzielen. Und wer in einer Sportart richtig gut sein will, kann es nicht zugleich in einer anderen Sportart sein wollen. Das gilt selbst bei diversen Kombinationssportarten, wo jede*r Sportler*in je nach Disziplin individuelle Stärken und Schwächen hat. Auf die Philosophie übertragen bedeutete dies: Wenn die »universitären Denkathleten« so hervorragend trainiert sind, wie Eilenberger behauptet, dann können sie das offenbar nur in relativ eng gefassten Teilbereichen sein. Da ein guter Schwimmer nur in Ausnahmefällen auch ein guter Hürdenläufer ist, kann ein profunder Wissenschaftstheoretiker nur selten ein ebenso profunder Kenner der philosophischen Ästhetik sein. Gemäß dieser Logik gerät man als akademisch tätige*r Philosoph*in zwangsläufig in eine dilemmatische Situation: Entweder stellt man sich als ein »Allrounder«, der umfassend in vielen Bereichen der Philosophie kundig sein will, möglichst breit auf und versucht sich wacker in einer philosophischen Mehrkampfdisziplin – dann werden einem die Kritiker mangelnde Exzellenz und bestenfalls gesundes Mittelmaß attestieren. Oder man setzt alles auf eine Karte und läuft in einer Spezialdisziplin zur Hochform auf – in diesem Fall wird mit ziemlicher Sicherheit der Vorwurf erhoben, solcherart fokussierte Tätigkeit entspreche nicht mehr dem allgemeinen Interesse der Öffentlichkeit an philosophischen Fragen. Ist akademisches Philosophieren also eine ausweglose Angelegenheit?

Gute Vielfalt

Mitnichten. Wie so oft im Leben kommt es auf die kleinen, aber feinen Details an. Denn das eigentliche Problem besteht nicht in der zunehmenden Spezialisierung aller Wissenschaften, zu denen – cum grano salis – sich auch die Philosophie zählen sollte, wenn sie nicht eines Anachronismus verdächtigt werden und ihre eigene Geschichte als ernstzunehmende Disziplin des Geistes verleugnen will.

Das Problem besteht in einer ungesunden, ja, geradezu unnatürlichen Entwicklung des philosophischen Denkens, die wir uns am besten vor Augen führen können, indem wir die von Eilenberger bemühte Sportmetapher beiseite lassen und uns dem eingangs erwähnten Hund zuwenden. Seit Jahrtausenden werden Hunde äußerst variantenreich gezüchtet, wobei die jeweils gewünschten Eigenschaften hervortreten: Es gibt Hunde, die sich zum Hüten, zum Jagen, zum Laufen, zum Drogen erschnüffeln und zu noch viel mehr bestens eignen. Sie sind oftmals recht verschieden, gehen jedoch alle auf eine ursprüngliche Form zurück, nämlich die des Wolfes. Aber es gibt unter ihnen auch unnatürliche Überzüchtungen – Hunde, die aufgrund verkürzter Schnauzen kaum atmen oder wegen lächerlich kurzer Extremitäten nur noch von Menschenhand getragen werden können. Als bemitleidenswerten Schwundformen ist ihnen, ebenso wie manchen philosophischen Spezial-Spezialisierungen, schlicht der Bezug zur ursprünglichen Form abhanden gekommen. Wie konnte es dazu kommen?

Schlechte Monotonie

Weil der wichtige Zusammenhang von Forschung und universitärer Lehre in Vergessenheit geraten ist. Eilenbergers »Zauberer« konnten vor allem deshalb brillieren, weil sie ihre Überlegungen und Gedanken beständig in Vorlesungen und Seminaren vortragen, mit ihren Studierenden diskutieren und so Schritt für Schritt zu einer gediegenen Reife weiterentwickeln konnten. Im Fall guten Gelingens gediehen durch diese bildende Einübung ins Philosophieren jene »Denkgemeinschaften«, denen die damalige Philosophie ihre Wirkmächtigkeit verdankte. Und heute? In Zeiten von Modularisierung á la Bologna ist eine Dienstleistungsmentalität entstanden, die sich am monotonen Angebot der Kaufhaus-Universitäten oder den luxuriösen Offerten höchst spezialisierter Masterstudiengänge orientiert. Der ursprüngliche Gedanke einer philosophischen Bildung ist ersetzt worden durch den Imperativ der Ausbildung zu instrumentell verwertbaren Fertigkeiten. Akademische Lehre ist vielerorts zu einer bloßen Repetition philosophiegeschichtlicher Versatzstücke geschrumpft und inspiriert nur noch selten das Denken akademischer Forschung. Es bleibt also dabei: Den letzten beißen die Hunde.

Foto: Jim’s Photos1, www.flickr.com, CC BY-NC 2.0

 

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

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