Déformation professionnelle | Charlie und die Denkfabrik

Früher war alles besser. Auch die Philosophie. Insbesondere die akademische. Und so macht dieser Tage einmal mehr eine beunruhigende Diagnose die Runde: Die universitäre Philosophie sei gesellschaftlich irrelevant geworden, selbst auf das Fachpublikum wirke sie uninspiriert, blutleer, ja, verzweifelt, entsprechend mutlos, konformistisch, karrieristisch und kleinteilig. Das empörte Echo ließ nicht lange auf sich warten: »Ganz im Gegenteil!«, prosteten sich gegenseitig führende Funktionäre des Fachs zu. Es gehe der akademischen Philosophie »so gut wie nie«, man fühle sich »quicklebendig«.

Abgesehen davon, dass sich beide Diagnosen nicht notwendig ausschließen, da man sich subjektiv gut fühlen und doch objektiv todkrank sein kann: Die erste Diagnose wirkt überzogen, die zweite allzu selbstgefällig. Von besonderem Interesse sind dabei die drei Hauptwerkzeuge, die derzeit zur Verteidigung der akademischen Philosophie ins Feld geführt werden: ihre interdisziplinäre Vernetzung (statt solitärem »Geniekult«), ihre fortschreitende Verwissenschaftlichung (statt essayistischem »Tiefsinn«) und die anwachsende Spezialisierung (statt überzogenen »Totalitätsansprüchen«).

Simulierte Kontaktfreudigkeit

Beginnen wir mit der Interdisziplinarität, gegen die man schwerlich per se etwas haben kann (abgesehen davon, dass sie im Alltag fast nie funktioniert). Problematisch ist vielmehr das, was Luc Boltanski und Ève Chiapello den kapitalistisch induzierten »Netzwerkopportunismus« nennen. Die besagte Interdisziplinarität ist oft nur ein Tarnanzug, mit dem man sich an lukrative Drittmittel-Fleischtöpfe heranschleicht. Die fächerübergreifende Verankerung dient als Absicherung. Man macht sich in einem konstruierten Forscherverbund demonstrativ unentbehrlich, um sich dann gemeinsam im wechselseitig geneigten Zitierkartell als absolut einschlägig zu erweisen. Überall simulierte Kontakte, überall vermeintliche Projekte, überall reden, organisieren, reden. In diesen Netzwerken werden Unmengen an Informationen ventiliert, selten aber Gedanken ausgetauscht oder gar echte Debatten geführt. Auf dem Weg von einem Knotenpunkt des Netzwerkes zum nächsten werden eilig alte Vortragsmanuskripte reorganisiert und multipliziert sowie fast immer vorschnell in Druck gegeben. Outputmaximierung bei Inputminimierung, Mobilität, Kontaktfreudigkeit, persönliche und wissenschaftliche Anpassungsfähigkeit – das sind die gefragten Soft Skills in der Netzwerkforschung.

Wissen schaffen ohne Waffen

Der Begriff »Networking« suggeriert ein produktives Tätigsein, das sich aber zunehmend im Knüpfen von Netzwerkfäden und immer häufiger auch in verwaltungstechnischen Exzessen erschöpft. Die »Sieger« der Exzellenz-Initiativen usw. wissen davon ein Lied zu singen: Während die Mühen der Antragsphase neben dem vielen Geld auch eine »Entlastung«, z.B. von Lehrverpflichtungen, versprachen, wird dieser Gewinn vom Papiermüll der Berichtspflicht aufgesogen. Und jede neue »Begehung« löst fakultätsweit Panik aus. Die auf das eigene Ranking starrende Universitätsverwaltung fordert nicht nur externalisierte Finanzierungen, sondern auch blitzsaubere Forschungsbilanzen, internationale Sichtbarkeit oder kurz: scientific credibility. Kein Wunder also, dass sich auch die Philosophie inzwischen wieder häufiger an die Naturwissenschaften heranschmeißt, um im Dunstkreis »harter« Wissenschaft zu profitieren. Diese »Verwissenschaftlichung« philosophischen Denkens soll der Wahrheitsfindung dienen, letztlich jedoch Insolvenz vermeiden. Aber ist die Philosophie überhaupt eine Wissenschaft? Die einen sagen so, die anderen so. Man kann die Philosophie als Wissenschaft betreiben und universitär lehren, aber man muss es nicht. Viele große Denker_innen haben sich mit der Universität schwer getan. Umso geschichtsvergessener all die wissenschaftlichen Philosoph_innen heute, die ein kritisches Denken à la Rousseau, Nietzsche, Heidegger, Adorno, Sloterdijk usw. als »unphilosophisch« abtun.

Das spezielle Elend der Philosophie

Die Alma Mater, die »nährende Mutter«, versprach früher eine von den Zwängen der Reproduktion weitgehend entlastete, geradezu verschwenderische Rundumversorgung. Heute jedoch gebiert ihr Schoß immer mehr anorektischen Geist, der sich mit sehr kleinen Portionen zufrieden gibt. Es werden unzählige Papers ausgespuckt, für die »Langstrecke« der Monografie fehlen schlicht die Kalorien. In den Buchhalterbilanzen der Akkreditierungsbehörden zählen dann fünf fahrig dahin geworfene Lexikoneinträge mehr als ein telefonbuchdickes Opus Magnum. Es mag larmoyant klingen, doch es ist wahr: In der Scientific Community ist langatmiges Ausdauerdenken längst ein Hindernis. Universitäre Eigenbrötler haben bald nichts mehr zu beißen. Eben das ist die vielzitierte Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften. Sie wird gelegentlich als arbeitsteilige »Spezialisierung« abgefeiert. Von dieser aus der Massenproduktion bekannten Arbeitsteilung schrieb schon Karl Marx in seiner berühmten Abhandlung mit dem hier passenden Titel »Das Elend der Philosophie«: »Was die Arbeitsteilung in der modernen Gesellschaft charakterisiert, ist die Tatsache, daß sie die Spezialitäten, die Fachleute und mit ihnen den Fachidiotismus erzeugt«. Doch Marx beließ es keineswegs bei dieser traurigen Diagnose: »Was die Teilung der Arbeit in der mechanischen Fabrik kennzeichnet, ist, daß sie jeden Spezialcharakter verloren hat. Aber von dem Augenblick an, wo jede besondere Entwicklung aufhört, macht sich das Bedürfnis nach Universalität, das Bestreben nach einer allseitigen Entwicklung des Individuums fühlbar«. Und Marx beschließt in unnachahmlicher Dialektik: »Die automatische Fabrik beseitigt die Spezialisten und den Fachidiotismus«. Insofern also besteht Hoffnung – auch für die philosophische Denkfabrik.

Bild: NeONBRAND, https://unsplash.com

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

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