Dämokratie | Der dämonisierte und der dämliche Demos

Als die Aufklärung noch im vollen Saft stand, da trieb Kant ihren Optimismus auf die Spitze: Das Problem der Staatseinrichtung müsse »selbst für ein Volk von Teufeln« auflösbar sein. Er fügte allerdings hinzu: »wenn sie nur Verstand haben«. Ein »Mechanism der Natur« würde dann die vielen unfriedlichen und selbstsüchtigen Gesinnungen in lauter Werkzeuge für das allgemeine Gesetz verwandeln. Leider hat sich Kant die Gesinnungen nicht böse genug vorgestellt. Seine Teufel gleichen eher dem Typus Uli Hoeneß als dem Typus Heinrich Himmler: Jeder verlange öffentlich nach allgemeinen Gesetzen, sei aber im Geheimen geneigt, sich von ihnen auszunehmen. Kants verständige Teufel sind also eigentlich bloß Trittbrettfahrer. Ob die Steuerfahndung mit lauter solchen Typen klar käme, mag hier dahingestellt bleiben. Denn im 20. Jahrhundert haben politische Dämonen ganz anderer Art ihr Haupt erhoben.

Teufelsaustreibung

Die neuen Teufel waren fanatisierte Überzeugungstäter, für die technokratische Killer effizienteste Mordlösungen austüftelten. Und die Mörder waren jedenfalls in Deutschland durch keinen Staatsstreich an die Macht gelangt, sondern durch Wahlen – wenn auch in aufgewühlten Zeiten. Klar, hinterher, als Millionen tot, die Überlebenden deprimiert und wenige auch klüger geworden waren, wollte keiner es gewesen sein. Doch es war der Demos, der die Dämonen ermächtigt hatte. Und das Wort »Volksgemeinschaft« sollte nicht nur ideologisch bleiben. Die anschließende Entnazifizierung war kein Selbstläufer. Oder ist der Exorzismus sogar gänzlich missglückt, wie Max Czollek meint? Hauste im deutschen Demos weiter der alte Dämon, der nur einer weltmeisterschaftlichen Euphorie (im schönen Sommer 2006) bedurfte, um inmitten eines Meeres von Fahnen wieder ans Licht zu treten? Ist das Volk jedenfalls hierzulande nur völkisch vorstellbar, die »Heimat« nur als Kitschformel für Killer, das Gemeinsame nur als Dominanzkultur des ewigen Deutschen? Und ist das Einzige, was man diesem aus der Position einer Minderheit entgegenschleudern kann, deren Angehörige er vor kurzem noch restlos ausrotten wollte, ein donnerndes »Desintegriert Euch!«?

Czollek scheint zu denken, man müsse den Demos in tausend Stücke zertrümmern, damit etwa Menschliches aus ihm hervorgehen könne; er beschwört einen »radikalen Pluralismus«. Doch wie »radikal« kann dieser sein, ohne dass mit dem Demos auch jede Möglichkeit eines demokratischen Zusammenlebens, einer öffentlichen Diskussion, ja selbst eines zivilisierten Streits verschwindet?

Der dämliche Demos

Aber vielleicht ist ja die Diagnose falsch. Nehmen wir einmal an, der Demos wäre gar nicht dämonisch. Es wäre es nicht einmal in seinen der AfD zuneigenden Teilen. Deren Wähler wollten in Wahrheit nicht das Völkische, zu dem die Partei sich inzwischen schamlos bekennt. Eigentlich wollten sie nur Wohnungen, deren Mieten sie sich leisten können. Eigentlich wollten sie nur sichere Arbeit bis zur auskömmlichen Rente. Eigentlich wollten sie nur, dass Fahrraddiebstähle endlich verfolgt werden. Sie wüssten bloß nicht, dass sie nicht die AfD gut finden, sondern den »Neoliberalismus« schlecht. Der Demos ist demnach nicht dämonisch, sondern dämlich. (Nein, dies ist kein Sexismus, »dämlich« kommt wortgeschichtlich vom niederdeutschen »dämeln«, was so viel heißt wie »nicht recht bei Sinnen sein«). Wir wären damit auch bei Sahra Wagenknecht und ihrer Weckbewegung #aufstehen. Leider hat deren Diagnose einen Schönheitsfehler: Wählerinnen und Wähler der AfD sind sich zwar darüber einig, weniger Einwanderung zu wollen, weshalb auch #aufstehen hier Entgegenkommen signalisiert. Aber schaut man auf die Daten, so sieht man kein Übergewicht sozialer Verlierer und Wackelkandidaten. Sozialstrukturell ist die AfD wenig auffällig. Erklärungskräftiger kommt mir der Unwille vor, sich in einer Welt voller Umwälzungen immer weiter verunsichern, mit fremd aussehenden Menschen konfrontieren und von Wortneuschöpfungen nerven zu lassen. Verbreitet scheint mir der Verdacht, dass der Liberalismus, gleich ob er sich marktradikal robust oder menschenrechtlich zimperlich gibt, doch immer nur den Hohn der hoch Beweglichen über die soziokulturell Sitzengebliebenen ausschütte.

Im Streit geeint

Wer hat also Recht: Czollek oder Wagenknecht? Sagt die AfD die Wahrheit über das deutsche Volk; ist sie nur die ungehobelte Vorhut einer Normalisierung, an der gerade das deutsche Wesen genest? Oder ist das Volk in Wahrheit bloß um seine Rente besorgt? Ich finde, die Frage ist in beiden Fällen falsch gestellt. Wenn schon Vielfalt, lieber Max Czollek, dann konsequent: Innere Uneinigkeit ist nicht nur ein Merkmal von Minderheiten, die sich darum Rollenerwartungen wie »jüdisch, leidgeprüft, verzeihensbereit« verbitten dürfen. Sie durchzieht ebenso die Mehrheitsgesellschaft. Einmütigkeit ist auch keine Voraussetzung, um ein Volk im politischen Sinne – also einen Demos – zu bilden. Dessen Substanz ist der öffentliche Streit um ein politisches Projekt, das alle Beteiligten als das ihre erkennen. Der Streit ist das Medium, in dem sie merken, dass sie zusammengehören – und offen sein sollten für neue Mitstreiter gleich welcher Hautfarbe und Herkunft. Das ist Vielfalt, wenn auch keine radikale. Der Demos muss nicht mit sich einig sein, aber er muss einer sein: ein plurales und streitbares Wir. Aus demselben Grund ist der Demos als ganzer auch nicht mit Dummheit geschlagen. So wenig er bloß oberflächlich liberal und zivilisiert ist, so wenig ist er im Herzen brav und bieder. So wenig er der Zertrümmerung bedarf, damit aus Deutschen Menschen werden können, so wenig müssen diese dazu bloß ein paar Kapitalisten austreiben. Die Deutschen sind im Grunde, als Kollektiv und auch individuell, so hin- und hergerissen zwischen gut und böse wie einst Johnny Cash, der daraus großartige Altersmusik machte. Anstatt das Volk oder dessen »Eliten« dem Teufel zu überlassen, sollten wir um seine Seele kämpfen, damit diese sich in all ihrer Zerrissenheit zur Weltoffenheit wende.

Bild: www.pinterest.de

Zur Person Bernd Ladwig

Bernd Ladwig würde gerne die Sau rauslassen, weil Menschen nicht die einzigen Tiere sind, die Rechte haben. Er lehrt politische Theorie und Philosophie am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin.

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