Dämokratie | Trauer marsch!

Von Brot allein kann niemand leben. Und so bezeugt auch die Demokratie ihren eigentlichen Spirit nicht in Verfassungen und repräsentativen »Organen«, sondern durch ihre Performance in akuten Handlungen: Der bekannteste performative Akt ist die freie Meinungsäußerung im Rahmen von Versammlungen unterschiedlichster Art als sichtbarer Ausdruck einer gelebten und von Bürger*innen aktiv mitgestalteten Praxis des Politischen. Neben den etablierten Praktiken demonstrativer Kundgebung, die in der Öffentlichkeit leider nicht immer oder nur in ihren krawallesken Extremen wahrgenommen werden, kommt seit einigen Monaten eine weitere Form des politischen Handelns zum Vorschein, der sogenannte »Trauermarsch«. Es handelt sich hierbei allerdings nicht um einen Trauerzug, welcher hinter einem Sarg oder einer Urne einher schreitend der verstorbenen Person mit besonderer Wertschätzung ein letztes Geleit zu geben trachtet. Jene Trauermärsche formieren sich neuerdings recht spontan, wenn – wie Wolf Haas es so unvergleichlich auszudrücken weiß – »schon wieder was passiert ist«. Das Verstörende an diesem kollektiven Ritual im öffentlichen Raum ist die Verbindung von zwei Elementen, die auf den ersten Blick recht wenig miteinander zu tun haben: persönlich empfundene Trauer und Politik. Passt das irgendwie zusammen oder überkommt die Demokratie hier ein dämonisches Frankenstein-Hybrid?

Trauer?

Mit Trauer bezeichnet man das Gefühl, welches mit einem unwiederbringlichen Verlust verbunden ist – einem Verlust, der bewältigt und verarbeitet werden muss. Im Zuge dieser Bewältigung lassen sich mehrere Phasen der Trauer sowie verschiedene Rituale der Trauerarbeit unterscheiden. Insgesamt geht es darum, in einem intensiven Prozess aus dem Verlust etwas Positives und Lebensbejahendes zu gestalten. Obwohl jeder zunächst für sich persönlich trauert, hat die Trauer auch etwas Kollektives, wie die Trauergemeinde der Angehörigen zeigt. In schwerwiegenden Fällen vermag sogar ein ganzes Volk zu trauern, allerdings lässt sich eine solche Staatstrauer nur noch als administratives Gebot des Respekts vor den Toten anordnen, denn ob tatsächlich jeder einen Verlust an Menschenleben auch selbst als den Verlust von etwas empfindet, was das eigene Leben bedeutsam macht, kann niemandem vorgeschrieben werden.

In Chemnitz, in Kandel und an anderen Orten sind Menschen Opfer von Gewalttaten geworden. Deren Angehörige trauern, doch nicht nur sie allein: Es werden Blumen, Kerzen und allerlei andere Dinge an den Stellen abgelegt, die mit der Tat in Verbindung stehen. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, denn kaum etwas ist menschlicher als mitfühlende Trauer. Doch die sogenannten Trauermärsche finden eben nicht bei allen Gewalttaten statt, was konsequenterweise der Fall sein müsste, handelte es sich um wahrhaft empfundene Trauer.

Empörung?

Es kam in Chemnitz zu einer bezeichnenden Szene, die von einem Kamerateam festgehalten wurde: Ein erboster Mann stürmt auf die Reporter zu und brüllt ihnen wild gestikulierend entgegen, sie sollten diesen Platz sofort verlassen, dies sei eine »Trauerstelle«. Solch wutentbrannte Empörung ist kein Ausdruck aufrichtiger Trauer, der es um einen Toten geht, sondern bezieht sich auf diesen nur noch mittelbar als Anlass für die Artikulation eigenen Unbehagens. Für den anschließend anberaumten »Trauermarsch« rechter Gruppierungen war es deshalb auch vollkommen unerheblich, wie die Tat genau geschah, wer aus welchem Grund zu Täter und Opfer wurde. Was zählte, war allein der Gestus das Marschierens, die zur Trauer niemals passt: Man marschiert in Reih‘ und Glied, man marschiert in den Krieg, man marschiert auf großen Plätzen im militärisch uniformierten Gleichschritt waffenstrotzender Paraden. Hörte man jemals von einer Trauergemeinde, die auf den Friedhof marschierte? Als neue Art der Kundgebung ist der »Trauermarsch« tatsächlich ein dämonisches Oxymoron, weil mit ihm die Würde der Trauer zur vermeintlichen Legitimation politisch motivierter Empörung missbraucht wird. Die stets zu respektierende Reaktion auf den Tod eines Menschen erfährt damit eine folgenschwere Instrumentalisierung, bei der eine vorgebliche Trauer als Feigenblatt für einen Aktivismus herhalten muss – was im übrigen nicht nur auf den Rechtsextremismus zutrifft.

Hass!

Doch im Grunde genommen ist die Lage noch gruseliger. Man verziehe es den sogenannten besorgten Bürger*innen beinahe, wählten sie lediglich eine verkehrte Bezeichnung und meinten »eigentlich« etwas anderes. Vom »Trauermarsch« würde dann, was in den Medien kaum noch getan wird, lediglich in distanzierenden Anführungszeichen die Rede sein und er behielte einzig in der Form der musikalischen Begleitung einer Beerdigung als geleitendes Requiem sein gutes Recht. In Chemnitz und anderswo bleibt es jedoch nicht bei Bekundungen allfälligen Ungenügens, welches ja zumindest potenziell die motivationale Basis für eine konstruktive Streitkultur und politisch herbeizuführende Veränderungen sein könnte. Stattdessen gehen von den »Trauermärschen« immer wieder Hass und Gewalt aus, womit die Instrumentalisierung der Trauer nicht nur eine apolitische, sondern dezidiert demokratiefeindliche Schlagseite erhält. Denn diese dämonische Fratze verhöhnt letztlich all diejenigen, die in den »Trauermärschen« noch ein ernstzunehmendes Moment demokratischer Willensbildung sehen wollen. Wer in einem »Trauermarsch« mitmarschiert, ist nicht gleich ein Nazi. Es sollte ihm/ihr allerdings bewusst sein, dass mit einer solchen Veranstaltung etwas genuin Unpolitisches politisiert wird, um hernach die Bedingungen für die Möglichkeit von Politik abzuschaffen. R.I.P.

Bild: Quelle unbekannt

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

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