Dämokratie | Brünette Dauerwellen

Das geschulte Auge des geübten Coiffeurs wusste es schon längst: Es gibt auffällige Gemeinsamkeiten zwischen Kim Jong-un und Donald Trump. Und während es dem Laien wohl nur wie eine haarige Randnotiz der Menscheitsgeschichte erscheinen mag, dass der alternde Haubenstock Recep Tayyip Erdoğan seit neuestem völlig schamlos mit seiner heißgeliebten Geert-Wilders-Perücke in aller Öffentlichkeit posiert (siehe unten), erkennen Experten hierin einen strategisch genialen Schachzug, der gewiss in die Historie des leidvollen Wechselspiels abend- und morgenländischer Haarkunst eingehen wird. Desgleichen zeugen jedoch der akkurat gezogene Scheitel von Lutz Bachmann und der straffe Zopf der blonden Alice Weidel davon, worüber man schon seit einiger Zeit in jedem gut sortierten Friseursalon dieser Republik munkelt: Nach dem Greasy-von-Storch-Look schwappt jetzt als brandaktueller Trend die brünette Dauerwelle des Demokratiesterbens über uns!

Man muss nicht Udo Walz sein, um zu erahnen, dass an diesem sogenannten Demokratiesterben etwas dran sein könnte. Denn die Spitzen sind ja schon ganz gespalten! Das konnte man in den vergangenen Monaten an kaum jemanden so gut beobachten, wie an dem Vorsteher des innenministerialen Heimatmuseums, Horst Seehofer. Gerade auch aus Gründen des Hairstyles hätte ich mir nie träumen lassen, Angela Merkel einmal in Schutz zu nehmen. Aber ich muss schon sagen: Diesen Innenminister hat sie nun wirklich ebenso wenig verdient, wie ihre Frisur. Dabei ist das Schlimmste an Seehofer nicht einmal sein strohiger Scheitel, der zu querulantischer Schuppenbildung neigt, wie führende Hair-Repair-Spezialisten herausgefunden haben wollen. Das Stroh unter dem Scheitel ist noch weit schlimmer.

Hairschaftszeiten

Ein bisschen bajuwarisch rechts war er ja schon immer, der Horst. Aber dass er nun zu einem in sich hineinglucksenden alten Sack geworden ist, der mit seiner inhumanen und infantilen Schadenfreude über die Abschiebung von Flüchtlingen zweifelsohne die ersten Anzeichen einer einsetzenden Demenz zeigt, ist tragisch für ihn. Tragischer für uns ist allerdings, dass jemand in diesem Zustand noch immer amtierender Bundesinnenminister ist und dabei als prominenter Vertreter des politischen Establishments mehr und mehr Positionen ins diskursive Boot der freiheitlich demokratischen Grundordnung hievt, die da rein gar nichts zu suchen haben. Denn so hat es auch damals angefangen, als Franz von Papen und Kurt von Schleicher sich bei den faschistischen Feinden der Weimarer Republik lieb Kind machten. Glaubt man den Thesen, die Steven Livitsky und Daniel Ziblatt in ihrem Buch Wie Demokratien sterben vertreten, kommt es öfter vor, dass Demokratien, statt mit einem Knall zu enden, leise wimmernd dahinsiechen. Ganz gleich jedoch, ob Knall oder Wimmern: Es ist kaum je so, dass dem Ableben einer Demokratie nicht auch das populistische Getue ihrer etablierten Volksvertreter vorausgeht, die damit zum Pförtner für allerlei antidemokratische und inhumane Ideen werden, denen sie Tür und Tor öffnen, obgleich es freilich in ihrer Macht stände, derlei nicht zu tun. Damit beschleunigen sie oftmals nicht nur ihr eigenes Ende, sondern verstärken auch nicht selten die rechte Sehnsucht nach kompromisslosen sowie ruckzuck umzusetzenden Entscheidungen zum »Wohle der Nation«. Denn offenbar gelüstet es die Volksseele im Allgemeinen eher nach autoritärem Aktionismus statt nach parlamentarischer Quasselbude.

Kammeraden

Etablierte Politiker wie Horst Seehofer befördern das Dahinsiechen der Demokratie. Sie sind gefährlicher als all die kleinkriminellen Retter des Abendlandes, all die blonden Bestien mit straffem Zopf, all die brotdummen Bernds, all die grossdeutsche Kartoffeln züchtenden Kleinverleger, all die identitätslosen Nipster-Girlies und all die rassistischen Opas mit Hundekrawatte, denen zwar nach einem Tauchgang in preußischen Gewässern entfällt, wo sie ihre Oberbekleidung abgelegt haben, die aber auch in 1000 Jahren nicht vergessen werden, dass sie keinesfalls jemanden mit der Hautfarbe Jerome Boatengs zum Nachbarn haben wollen. Gefährlicher als solche Figuren sind etablierte Politiker wie Horst Seehofer deshalb, weil sie deren kommnikatives Kot adeln, indem sie es in die Bundespressekonferenz hineintragen – etwa dann, wenn sie irgendetwas von »Asyltourismus« faseln. Statt Flüchtlingen Schutz zu gewähren, stellen sie sich lieber schützend vor Verfassungschutzpräsidenten, die nicht nur, wie der Rest ihrer Behörde, auf dem rechten Auge blind sind, sondern qua Bild-Interview unter Beweis stellen, dass sie offenbar gar nicht mehr über ein rechtes Auge verfügen.

Cutastrophe

Das alles gießt nicht nur Wasser auf die Mühlen der ausgerechnet um Ihre kulturelle Identität besorgten RTL2-Zuschauer, Spielothek-Besucher und Ballermann-Touristen biodeutscher Provenienz, sondern damit zugleich mindestens ebenso viel Öl ins Feuer wutbürgerlicher Demokratiefeindlichkeit. Derlei scheint Leute wie Seehofer allerdings überhaupt nicht zu kümmern. Man kann sich nur allzu lebhaft vorstellen, wie der Horst glucksend im Bunker seines innenministerialen Heimatmuseums sitzt und sich mit an Demenz grenzender Infantilität darüber freut, was für einen bauernschlaues Schnippchen er auch mit der nun gefundenen Lösung im Fall Maaßen mal wieder geschlagen hat. Jenseits persönlicher Machtspielchen mit Angela Merkel, lautet die Botschaft, die von diesem Schnippchen ausgeht, jedoch so: Im Deutschland des Jahres 2018 darf man als oberster Schützer unserer Verfassung nicht nur ein ursides Testikel-Toupet als Frisur tragen, sondern sich nach wie vor auch als führender Anti-Antifa-Aktivist gerieren und öffentlich all den verschwörungstheoretischen Mist zu Protokoll geben, den auch der rechte Mob unter’m Nischl grölt. Dieses Deutschland des Jahres 2018 ist wohlgemerkt das Deutschland nach Hoyerswerda, Lichtenhagen, Mölln und Solingen. Es ist das Deutschland nach dem NSU. Es ist das Deutschland nach Dresden, Freital, Heidenau und Erfurt. Es ist das Deutschland, in dem Rudi Völler schon lange seine Minipli hinter sich gelassen hat, aber tatsächlich kein einziger Tag im ganzen Jahr vergeht, an dem es nicht eine mindestens zweistellige Zahl von rassistischen Übergriffen gibt.

Haarvantgarde

Daher ist es meines Erachtens längst überfällig, dass sowohl den einäugigen Sicherheitsbediensteten dieser Republik als auch all jenen Politikern, die sie gewähren lassen oder gar noch belohnen wollen, nun mal endlich im Namen der Demokratie und der Humanität so richtig der Kopf gewaschen wird. Coiffeure aller Länder, vereinigt Euch! Zu den Shampoos, Schwestern und Brüder!

Bild: extra 3

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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