Charlie oder braun? | Mach das Licht an, wenn Du gehst!

Ebenso wenig, wie der gesunde Menschenverstand die Wahrheit für sich gepachtet hat, hat der feuilletonistische Phrasendrescher die Falschheit mit Löffeln gefressen. Und so kann es kommen, dass selbst in Michel Houellebecqs Anfällen verbaler Inkontinenz gelegentlich ein Körnchen Wahrheit steckt. Eines dieser Körnchen ist z.B. die Feststellung, dass die Aufklärung »Leere« produziere. Eine solche Leere lässt sich etwa in den Biographien der Attentäter von Paris finden, die im Namen Allahs 17 Menschen ermordeten. Sie kennzeichnet aber auch die geistige Verfassung all jener Wut- und Wurst-Bürger, die im Namen des Abendlandes Spaziergänge in Dresden und andernorts veranstalten.

Sinnleere Beliebigkeit

Mit Blick auf die Attentäter von Paris müssen wir uns fragen, warum es vor allem für junge Männer, die in unserer liberalen und aufgeklärten Gesellschaft aufwuchsen, offenbar so attraktiv ist, sich freiwillig totalitären und terroristischen Denk- und Lebensweisen zu unterwerfen. Jenseits aller ökonomischer Benachteiligung und karrieristischer Hoffnungslosigkeit ist diese Attraktivität gewiss auch eine Reaktion auf die ethische Orientierungslosigkeit des post-modernistischen Anything-Goes, das unsere Gesellschaft derzeit kennzeichnet. Denn der Individualismus, der seinerzeit eine echte Befreiung war, ist inzwischen in die vollkommene Beliebigkeit abgeglitten, die nicht mehr Freiheit, sondern Sinnleere ist. Sie ist das inhaltsleere PR-Geklapper unserer tagtäglichen Selbstvermarktung, dem jegliches Handwerk abhanden gekommen ist. Sie ist unser völliger Werte-Relativismus, der uns nur noch zu den ziellosen Wettläufen im kapitalistischen Hamsterrad antreibt. Und sie ist letztlich auch das, was für manche Menschen die finstere Subkultur des Islamismus attraktiv werden lässt. Denn den subkulturellen Finsterlingen gelingt offenbar, was wir momentan nicht mehr schaffen: Sie stiften Lebenssinn.

Sinnstiftender Terror

Über all die Fragen der berechtigten und auch unberechtigten Maßnahmen zur Terrorabwehr, die jetzt wieder einmal diskutiert werden müssen, dürfen wir daher nicht die sehr viel tiefer liegende Frage nach dem Sinndefizit in unseren liberalen und aufgeklärten Gesellschaften vergessen. Denn solange dieses Defizit nicht in den Blick genommen wird, wird die Attraktivität totalitärer und terroristischer Denk- und Lebensweisen auch nicht nachlassen. Auch die besten Maßnahmen zur Terrorabwehr können nicht eine Erneuerung der Aufklärung ersetzen, die es wieder möglich macht, ein sinnvolles Leben zu führen, das Werten und nicht lediglich Styles, Hypes und Produkten folgt.

Deutschländer

Dass wir momentan von einer solchen Erneuerung der Aufklärung noch weit entfernt sind, schwant einem allerdings schnell, wenn man die eingetragenen Vereine angeblich patriotischer Europäer betrachtet, die angebliche Spaziergänge gegen die angebliche Islamisierung des angeblichen Abendlandes organisieren. Denn deren schlampig hingeschmierten Grundsatzpositionen und völlig konfusen Kernforderungen offenbaren, dass diese selbsternannten Retter des Abendlandes nicht einmal in der Lage sind, auch nur die formale Minimalbedingung der Kohärenz zu erfüllen – eine Bedingung, die der abendländischen Aufklärung immer recht wichtig war. Noch sehr viel bemerkenswerter ist allerdings, dass man mit einem derlei zusammengestoppelten Konglomerat der Angst vor dem Fremden nicht nur die üblichen Nazis und Rassisten auf die Strasse locken kann, sondern auch all jene politikverdrossenen Rentner, augenbrauenlosen Hausfrauen und empörten Verwaltungsangestellten, die sonst niemals freiwillig ihr Sofa verlassen. Auch für diese Nachtwanderer muss das Licht der Aufklärung aber wieder scheinen. Denn ein Spaziergang ist noch kein Ausgang — und schon gar nicht einer aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit. Gelingt es also, ihnen doch noch den Lichtschalter zu zeigen, so ist das gut. Gelingt es nicht, so stellen diese denkfaulen Spaziergänger jedoch eine weitaus größere Gefahr für das angebliche Abendland dar, als irgendeine finstere Subkultur des Islamismus es je könnte.

Foto: WDK, http://fddb.info/

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

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