Charlie oder braun? | Wirr ist das Volk

Das Phänomen ist aus der Medizin bekannt: Wer ständig unter Anspannung steht, produziert viel mehr Stresshormone, als man bei einem abendlichen Spaziergang durch Dresden abbauen könnte. Man »vergiftet« sich, »schäumt« über und produziert damit ein immunologisches Paradox: Stresshormone haben den evolutionären Sinn, kurzfristig die Angriffslust zu wecken, eine ständige Überdosierung jedoch führt langfristig zu einer veritablen Abwehrschwäche. Je mehr man sich aufregt, umso empfindlicher wird man für Fremdkörper.

Prekäre Panik

Zunächst ist kaum zu verhehlen, dass Pegida & Co auf soziale Verwerfungen reagiert haben und noch immer reagieren, denen sich die Politik ergeben hat. Gerade weil es vielen Menschen in Deutschland noch immer gut geht, gibt es massenhaft Ängste – vor Prekarität, Abstieg, biografischer Turbulenz. Diese Panik mischt sich mit massenmedial befeuerten Ängsten vor einem Vormarsch islamistischen Terrors und mit Ressentiments, die sich dann beim Gang durch die Innenstädte an den Bärten scheinheiliger Salafisten festmachen. Diese wiederum werden als Wortführer »der« Muslime identifiziert – und darum sollen möglichst viele Muslime dort bleiben, wo sie herkommen. Sicher, nicht jeder, der Abstiegsängste hat, hat auch Angst vor Zuwanderung. Aber es gibt da dennoch eine irrationale Verkettung von Motivlagen.

Vegida

Der zartbraune Islamhass übersieht zudem, dass derzeit viele Flüchtlinge gerade vor jenen Terroristen fliehen, die man auf Seiten der Ritter des Abendlandes am allermeisten verachten sollte. Hier offenbart sich eine stressbedingte Allianz von Pegida und IS: Die immungeschwächten Extremisten – bürgerliche wie islamistische – berühren sich in geeinter Humorlosigkeit und in der einträchtigen Reizstimmung unentwegten Beleidigtseins. Beide fühlen sich im Besitze moralischer Wahrheiten und zugleich zutiefst ins Unrecht gesetzt. Man sieht schwarz oder rot, alle anderen sind natürlich blind, »Lügner« oder »Ungläubige«, und so ruft man nach einer neuen politischen Drastik.

Die Abrüstungsbefürworter

Kaum weniger Verwirrung herrscht aber im Lager der mit funktionalen Outdoor-Jacken ausgestatteten Pegida-Gegner. Bei aller Sympathie für deren Antipathien: Man identifiziert sich wohlfeil mit »Charlie«, als ob man für die eigenen Überzeugungen in den Tod gehen würde. Man ist für Weltoffenheit und Einwanderung, kifft sich das Morgenland schön, schickt seine Kinder aber auf Schulen mit möglichst geringem Ausländeranteil. Das ist eine fast schon »tolle« Toleranz, und es gibt tatsächlich auch nur eine Intoleranz, auf die man mächtig stolz ist (Laktose). Immer öfter ist zu hören: »Der Islamismus hat nichts mit dem Islam zu tun!« Nee, nee, schon klar, der Buddhismus hat ja auch nichts mit Buddha, der Protestantismus nichts mit Protest und der Kapitalismus nichts mit Kapital zu tun. Mit etwas Wohlwollen erkennt man zwar den guten Willen hinter diesen rhetorischen Abrüstungsversuchen. Aber muss man deshalb gleich der Semantik untreu werden?

Der Hang zur Besserwisserei

Oft gilt eben doch, was Tim Wolff, Chefredakteur der Titanic, nach den Anschlägen von Paris schrieb: »Religion (und so manch andere Weltanschauung) ist Wahnsinn im Kleide der Rationalität, Satire und Komik Rationalität im Kleide des Wahnsinns«. Für jede monotheistische Religion, aber zugleich auch für viele politische Ideologien gilt: Wer einer Weltanschauung anhängt, legt bisweilen auch einen Hang zur Besserwisserei an den Tag. Die meisten Besserwisser wiederum tendieren zum Dogmatismus, Dogmatisten neigen zu Fundamentalismus oder gar Fanatismus, Fanatiker zur Aggressivität und aggressive Menschen zur Gewalt – und wirklich keiner davon neigt zu ausgelassenem Humor. Natürlich, nicht jeder humorlose Anhänger einer Weltanschauung ist ein potenzieller Terrorist. Aber wer ernsthaft behaupten will, es bestehe da gar kein Zusammenhang, lässt Redlichkeit vermissen. Auch hier gilt ein Satz von Albert Camus: »Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten«.

Foto: Anton Launer, www.neustadt-ticker.de

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

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