Charlie oder braun? | Dresdner Sonnenfinsternis

Ein Gespenst geht um in Europa. Doch es ist nicht der Kommunismus, und es heißt auch nicht Syriza. Eigentlich ist es auch kein Gespenst, und es ist auch nicht eines, sondern es sind zwei. Zwei Poltergeister gehen um in Europa. Das eine heißt »Islamismus« und das andere »Islamophobie«. Was macht man mit diesen beiden Poltergeistern? Jedenfalls bleibt man nicht völlig untätig und vergräbt sich feige im politischen Tagesgeschäft, wie die Rasselbande in Berlin es zu tun beliebt. Das Dumme an Poltergeistern ist nämlich, dass sie immer wilder außer Rand und Band geraten, wenn man sie nicht in ihre Schranken weist.

Der Islamismus ist in gewisser Weise der einfachere, weil eindeutige und viel krassere Fall. Islamist_innen sind klarerweise Feinde der Freiheit und Menschenwürde. Entweder kriegt man sie dazu, von ihrem »Ismus« abzulassen, oder sie müssen entsprechend strafrechtlich belangt und sanktioniert werden. Natürlich muss man auch dafür sorgen, dass sie keinen Zulauf mehr bekommen. Das sind sicher keine leichten Aufgaben. Aber zumindest ist klar, was es zu tun gibt.

Positionale Islamophobie

Moralisch irgendwie vertrackter ist das Problem der Islamophobie. Wie soll man darauf reagieren? Der indische Ökonom Amartya Sen insistiert zu Recht darauf, dass man von Muslim_innen nicht erwarten darf, sich öffentlich zu liberalen Grundwerten zu bekennen. Das hieße, sie unter Generalverdacht zu stellen, und das wäre unwürdig. Zugleich muss man die offensichtlich weit verbreitete Angst vor dem Islam – so viel zeigt uns das sächsische Trauerspiel immerhin – irgendwie gekonnt einhegen. Pegida mag sich totgelaufen haben oder kurz davor stehen. Aber das ändert nichts am Problem. Der Schreck dieser Bewegung sitzt uns allen in den Knochen. Auch in Zukunft kann die Angst vor dem Islamismus rasch in allgemeine Islamangst oder sogar Islamhass umschlagen. Und jederzeit auch anderswo (Chapel Hill). Irgendwie müssen wir mit dieser gefährlichen Tatsache umgehen. Und das sollte deutlich selbstbewusster und engagierter ausfallen, als unsere Wohlfühlpolitiker_innen uns das gerade vorschnarchen.

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Was also tun? Der erste Schritt zu einer brauchbaren Antwort besteht, wie könnte es anders sein, in guten Ansätzen zu Erklärung jener ominösen Angst. Amartya Sen liefert mit seinem Begriff der positionalen Objektivität dafür eine interessante Perspektive. Die Grundidee der positionalen Objektivität ist einfach: Von der Erde aus betrachtet, erscheinen Mond und Sonne ungefähr gleich groß, z.B. bei einer Sonnenfinsternis, obwohl sie es natürlich nicht sind. Genau so ist es mit Pegida: Von Dresden aus betrachtet, scheinen Islam und Islamismus ganz eng beieinander zu liegen, z.B. wenn man zu viel Fernsehen schaut, obwohl sie es natürlich nicht sind.

Lachende Muslim_innen

Inzwischen ist ja allgemein bekannt, dass in Dresden nicht besonders viele Muslim_innen leben. In ganz Sachsen sind es gerade einmal zehntausend Menschen. Die meisten Pegidamarschierer haben wahrscheinlich nicht wirklich einen regen persönlichen Kontakt zu Muslim_innen. Diese „Ganz Anderen“ (Karl Barth) sind ihnen nur aus den Medien bekannt. Und hier liegt das Problem mit der irreführenden positionalen Objektivität, die durch diese für Dresden alternativlose Informationsquelle entsteht. Denn das Medienbild des Islam ist nicht besonders positiv. Eigentlich wird immer nur über Islamisten, Hassprediger und vielleicht noch über langweilige Quotenpolitiker_innen berichtet. Damit tragen Zeitungen, Funk und Fernsehen erheblich zur Dresdner Sonnenfinsternis in Sachen Islam bei. Offensichtlich kommen sie in diesem Punkt ihrer zentralen Verantwortung nicht nach, ein realistisches Bild der Wirklichkeit zu vermitteln. Was wir brauchen, sind viele bunte Bilder von lachenden, lebensfrohen, liebenden und lustigen Muslim_innen – von ganz normalen Menschen halt.

Foto: Michael Zapf, Creative Commons BY-SA 3.0, http://commons.wikimedia.org/

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

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