Bürgerdialoge | Gar nicht mal so gut

Der Youtuber LeFloid war »schweinenervös«, als er Angela Merkel zu seinem ganz persönlichen Bürgerdialog traf. Das Ganze fand im Rahmen jenes großen Lauschangriffs statt, den die Bundesregierung »Gut leben in Deutschland« getauft hat. Die regierungsamtliche Ethik-Offensive folgt der vermeintlich selbstkritischen Einsicht der Kanzlerin, dass »wir sehr häufig Politik in Form von Gesetzen, von Verordnungen machen, aber die Frage nicht hundertprozentig beantworten können: Erfassen wir damit genau die Bereiche, in denen Menschen Schwerpunkte für ihr eigenes Leben setzen?«. Womit die Kanzlerin offen zugibt, dass dieser Bürgerdialog ein Krisensymptom wachsender Distanz ist: »Ich hoffe«, fügte sie im April bei der Vorstellung des Projekts hinzu, »dass ich das wirkliche Leben sehe.«

Ausweitung der Komfortzone

Abgesehen davon, dass dieses späte Eingeständnis eigener Realitätsferne rhetorisch und programmatisch jämmerlich anmutet: Gibt es irgendeinen Grund, daran zu zweifeln, dass diese simulierte Diskursethik vollends folgenlos bleiben wird? Schon das im Netz knapp vier Millionen Mal angeklickte Gespräch mit dem hippen Youtuber hinterließ erwartungsgemäß nichts als bleierne Bettschwere. LeFloids Fragen nach Homoehe, Whistleblowern, bundeseinheitlichem Abitur und Horst Seehofer waren immerhin so unflott, dass die Kanzlerin, wie üblich, von der ersten Sekunde an auf Durchzug und bald dann auch auf Autopilot schaltete.

Bürgerdialoge

In eben dieser Hinsicht dürfte das besagte Zwiegespräch symptomatisch für all die folgenden Dialogveranstaltungen sein; auch wenn die Rollen vertauscht sein werden, weil ja ausnahmsweise die Regierenden selbst bzw. eingekaufte Meinungsforscher zuhören wollen. Es kreuzen sich dann kommunikative Einbahnstraßen: Die eine Seite lässt fragen, ohne ernsthaft an Antworten interessiert zu sein, die andere Seite antwortet, ohne ernsthaft daran zu glauben, dass jemand zuhört. Zwei Monologe ergeben jedoch noch lange keinen Dialog. Stattdessen erfüllt die vorgetäuschte Aufnahmebereitschaft den Tatbestand der Erzeugung »repressiver Toleranz« (Herbert Marcuse): Man gibt den frustrierten Ohnmächtigen die Gelegenheit, Luft abzulassen, achtet jedoch sehr genau darauf, dass diese Luft folgenlos verpufft. Der aufgestaute Druck ist dann erst einmal weg, und diejenigen, die an der Macht sind, können mit ihrem Dilettantismus fortfahren.

Reflexionen aus dem beschädigten Leben

Bei jedem von der NSA mitgehörten Telefonat dürften die Bürger_innen auf weit offenere Ohren stoßen. Als ob die Regierenden ganz plötzlich auf Philosophenkönige machen oder wie Sokrates in aller Öffentlichkeit über das gute Leben verhandeln wollen. Zudem ergibt sich ein methodisches Problem: Sokrates war sich noch sehr bewusst, dass von solchen Gesprächen keinerlei positive Antworten auf die Frage nach dem Glück zu erwarten sind, sondern allenfalls produktive Selbstverunsicherungen (außer auf Seiten von Sokrates natürlich). Die Regierung jedoch glaubt tatsächlich, eine Positivliste von Indikatoren des Gelingens gewinnen zu können. So als könnten die Befragten, denen es oft ja nur bedingt oder auch gar nicht gut geht, reflektiert darüber Auskunft geben, was das Gute ist bzw. was ihnen wirklich fehlt. Nicht nur Theodor W. Adorno wusste, dass jede vermeintlich konstruktive Auskunft, die mitten aus dem »beschädigten Leben« heraus erfolgt, stets nur die Brandmale jener Verzweiflung tragen wird, die das Leben im Unglück ausmacht. Anders gesagt: Konstruktive Antworten unglücklicher Menschen auf die Frage nach dem Glück sind konzeptionell total unbrauchbar.

Ethik des Misslingens

Da mag die Regierung noch so stolz darauf verweisen, dass sie einen wissenschaftlichen Beirat bestellt hat, der die vielen gelben Post-its einsammeln und auswerten wird. Dass diesem Beirat die obligatorischen Erbsenzähler aus Ökonomie und Soziologie angehören, aber keine professionellen Ethiker_innen ist Beweis genug, dass man von vornherein auf ethischen Abwegen ist. Methodisch sinnvoll wäre allein das folgende Vorgehen: Man erkundigt sich gerade nicht, so wie das im diskursethischen Aktionsplan vorgesehen ist, nach dem, was den Beteiligten »persönlich wichtig im Leben« ist, sondern widmet sich – umgekehrt – der Frage, was die Menschen unglücklich macht oder gar zur Verzweiflung treibt. Insofern hätte jeder dieser Bürgerdialoge in etwa so zu beginnen: »Hallo, wie geht’s?« Und jemand antwortet: »Danke, gar nicht mal so gut“. Wer da nicht aufhorcht und nachhakt, muss schon Politiker_in sein. Sicher, solche Befragungen klingen nicht gerade hoffnungsfroh und taugen auch nur bedingt als regierungsamtliche Charme-Offensive. Dafür aber wären niederschmetternde Einsichten zu gewinnen, die im dialektischen Umkehrschluss einzig Anlass zur Hoffnung geben. Oder wie der leider vergessene Philosoph Alfred Seidel schrieb, kurz bevor er sich umbrachte: Es gibt nichts Negativeres als das Gerede von der Positivität, von welcher der wahrhaft Positive nicht redet.

Grafik: Katja Berlin für Die Zeit

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

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