Bürgerdialoge | Muttis Streichelzoo

Ja, ja, ich weiß schon: Wenn es um den gegenwärtigen Bürgerdialog der Bundesregierung »Gut leben in Deutschland – Was uns wichtig ist« geht, dann ist es echt billig, an Angela Merkels Auftritt in der Rostocker Schulsporthalle zu erinnern und dabei auf Horkheimer, Adorno und das lässige Streicheln über Kinderhaar zu verweisen. Und natürlich ist es auch nur allzu leicht, schreibtischtätige Gefühlskälte, migrantenfeindliches Ressentiment und uckermärkische Hölzernheit zu beklagen. Und da fast alle Mutti so lieben, wäre es auch wirklich kein Kunststück, seinen oppositionellen Geist nun dadurch zur Schau zu stellen, dass man einen Kessel Häme über der Bundeskanzlerin entleert, weil sie nicht einmal ansatzweise verstanden hat, worum es in ihrem »Dialog« mit der 14-jährigen Reem Sahwil eigentlich ging.

Stoppt die Schnäppchen-Jagd!

Dass all dies äußerst preiswert zu haben ist und daher von den journalistischen Schnäppchenjägern auch nur allzu gern mitgenommen wird, war in den vergangenen Wochen unübersehbar, aber auch nicht wirklich überraschend, sondern irgendwie schon im Vorhinein klar. Ebenso klar ist jedoch auch, dass wir hier in unserem gediegenen Magazin auf keinen Fall der sensationslüsternen Verwertungslogik folgen wollen, aufgrund derer sich ganze Redaktionsstuben aufgeregt ins Höschen machen, sobald mal wieder eine als Elefant verkleidete Mücke durchs mediale Dorf getrieben wird. Daher möchte ich jetzt auch nicht weiter auf diesem unschönen Vorfall in besagter Sporthalle herumreiten und wichtigtuerisch anmerken, dass die Berufung auf das »Paradox« der schmutzigen Hände für Politiker zwar recht bequem, aber keineswegs »alternativlos« (Merkel-Sprech) ist. Eine ziemlich naheliegende Alternative wäre etwa das Betreiben einer menschenfreundlichen Asylpolitik, die Migration nicht primär als Belastung, sondern als Bereicherung begreift. Und dann müsste es hier auch gar keine schmutzigen Hände geben.

Ein Herz für Tiere!

Aber genug davon! Denn ich wollte ja gar nicht darauf hinaus, dass Mutti zuweilen gerne einmal Flüchtlingskinder streichelt, die sie vorher eigenhändig zum Weinen gebracht hat. Worum es nämlich wirklich geht, ist dies: Der ganze gegenwärtige Bürgerdialog ist nichts anderes als ein einziger großer Streichelzoo, den die Bundesregierung für diejenigen erdacht hat, die von ihrer Politik betroffen sind. Denn, was für jedes Tier gilt, gilt freilich ebenso für das zoon politikon: Füttert man es ausreichend und streichelt man es ab und an, dann wird es zutraulich und beißt einen nicht.

Streichelzoo

Daher wäre es nun aber auch ein großes Missverständnis, glaubte man, das Wort »Dialog«, das in »Bürgerdialog« steckt, müsse buchstäblich verstanden werden. Denn das hieße, dass es sich um eine zwischen zwei oder mehreren Personen abwechselnd geführte Rede und Gegenrede handelt, die zum Zweck des Kennenlernens der gegenseitigen Standpunkte geführt wird. Es hieße weiterhin, dass dieses Kennenlernen nicht nur theoretisch bleiben kann, sondern praktisch werden muss, sofern der Dialog ein politisch relevantes Unterfangen innerhalb eines demokratischen Staats sein soll. Und das hieße wiederum, dass die gewählten Repräsentanten letztlich versuchen müssten, das umzusetzen, was ihre Dialogpartner wünschen.

Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschen!

Aber wie sollte das funktionieren? Sind die Wünsche konkret, so wird auf die geltende Rechtslage verwiesen, die selbst eine Bundeskanzlerin nicht einfach ändern könne. Sind die Wünsche indes von der Art, wie wir sie im so genannten Online-Dialog auf der Internet-Seite der Bundesregierung finden, so sind sie so allgemein, dass sie politisch weitgehend nichtssagend sind. Die Antworten auf die dort gestellten Fragen »Was ist Ihnen persönlich wichtig im Leben?« und »Was macht Ihrer Meinung nach Lebensqualität in Deutschland aus?« lauten nämlich in etwa: Stabilität, Toleranz, Umweltschutz, Kinder, Wohlstand, Bildung, Arbeit, Frieden, Gerechtigkeit usw. usf. Hiergegen lässt sich wenig einwenden, aber man kann leider auch keinerlei konkrete praktische Erkenntnisse aus diesen Auskünften ziehen. Oder kennen Sie jemanden, der auf die Frage, was ihm persönlich wichtig im Leben ist, mit »Ungerechtigkeit« antwortet? Ist ihnen schon mal jemand begegnet, der der Meinung ist, dass Instabilität, Umweltverschmutzung und Krieg Lebensqualität in Deutschland ausmachen?

Streicheln für Alle!

Wenn Muttis Streichelzoo zu Ende ist, will die Bundesregierung von empirischen Sozialforschern ein Indikatoren-System vorgesetzt bekommen, das Lebensqualität quantitativ messbar macht. Das ist dann aber endgültig kein Dialog mehr, sondern nur noch statistischer Unfug. Daher wage ich mal die Prognose, dass sich Stabilität, Toleranz, Umweltschutz usw. usf. als ganz, ganz wichtige Indikatoren auf der nach unten hin offenen Streichelzoo-Skala herausstellen werden. Denn diesen Allgemeinplätzen können selbst noch all jene Hanswürste zustimmen, die sich im rassistischen Schlamm aus Pegida, NPD, Kameradschaften und anderen kackbraunen Untergründen wälzen — und die das Leben in Deutschland echt schlecht machen.

Foto: www.ravensburger.de

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

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