Besinnung | Unbefleckte Erkenntnis

In Anbetracht verkaufsoffener Sonntage, glühweinverseuchter Weihnachtsfeiern, kirmesartigem Tumult auf städtischen Weihnachtsmärkten und gut 10 Millionen geschlachteten Gänsen mag man das bisweilen vergessen: Die Adventszeit soll eine Zeit der gespannten Vorfreude und vor allem eine Phase der »inneren Einkehr« sein. Das zurückliegende Jahr samt all seiner praktischen Projekte soll mit einer möglichst theoretischen, kontemplativen Phase beschlossen werden. Der gehetzte, reizüberflutete Mensch der Moderne soll rasten oder genauer: zur »Besinnung« kommen.

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Natürlich geht es bei dieser vorweihnachtlichen Besinnung nicht bloß um metaphysisches Yoga bzw. um ein meditatives Entspannungsprogramm zur Kompensation von Jahresendzeitstress. Denn ursprünglich ist die fromme Besinnung auf das »Wunder« der Weihnachtsgeschichte gemeint; das Gedenken an jene ominöse Jungfrauengeburt mit all dem Pipapo, von dem uns das Neue Testament erzählt. Der Advent ist bekanntlich die »Ankunft« des Herrn. Und so wäre in diesem philosophisch-säkularen (und damit sozusagen herrenlosen) Blog zu fragen: Gibt es vielleicht auch einen nicht-theologischen oder gar einen post-metaphysischen Sinn der Be-sinnung?

Philosophischer Adventismus

Bei genauerem Hinsehen ist in dem schönen deutschen Wort der Besinnung ein doppelter »Sinn« enthalten: Zum einen spielt man damit in physiologischer Hinsicht auf eine neuerliche bzw. eine gezielt zu erneuernde Aufmerksamkeit für das an, was die eigenen »fünf Sinne« aufnehmen. Vor allem aber wird in dezidiert ethischer Absicht für die lebenspraktische Wiederentdeckung von Sinn im Leben und damit von wichtigen Zwecken und existenziellen Zielen plädiert, die das Leben zu einem guten Leben machen würden, wenn diese nicht andauernd im Trubel profaner Alltagsverrichtungen aus dem Auge und damit buchstäblich aus dem Sinn gerieten. In Anknüpfung an Aristoteles spricht die Ethik – etwas irreführend – von einer »theoretischen« Lebensform, wenn darin Kontemplation und Betrachtung eine Hauptrolle spielen, im Gegensatz zur »praktischen« Lebensweise, die eine vita activa sein soll. Für Aristoteles war das Denken freilich selbst nur die allerhöchste Form der Praxis, daher darf man diesen vermeintlichen Gegensatz von intellektuellem und anwendungsbezogenem Dasein nicht fetischisieren. Zumindest die hier in Frage stehende Besinnung auf das existenziell Wesentliche im Leben will ersichtlich mehr als bloß Kontemplation, Anschauung und damit theoria sein.

Künstliche Befruchtung

Um an dieser Stelle zunächst eine etwas unchristliche terminologische Analogie zu gebrauchen, die aber gleichwohl durch das Wunder der unbefleckten Empfängnis motiviert ist: Wenn »Besamung« ein aktiver Vorgang der (künstlichen) Befruchtung mit Samen ist, damit neues Leben möglich wird, so ist »Besinnung« offenbar die aktive (künstliche) Befruchtung mit Sinn, um diesem Leben neuerlich eine Perspektive zu geben. Mit Besinnung ist folglich eine unbefleckte Erkenntnis gemeint, die unmittelbar lebenspraktisch wirksam werden und für neue Energie sorgen soll. »Künstlich« ist dieser Akt der Besinnung – wie jener der Besamung – insofern, als der Aufruf zur Besinnlichkeit meist erst dann notwendig wird, wenn der gesuchte Sinn nicht mehr »natürlich« oder fraglos gegeben ist. Besinnung wird notwendig, wenn das Leben der Entfremdung anheimzufallen oder auch nur temporär im Weihnachtsstress unterzugehen droht.

Vorweihnachtliches Nous-Knacken

Wie schon angedeutet: Für die meisten Menschen ist die Adventszeit, sofern es um die Suche nach Sinn geht, eher eine Art rastloser Unsinn oder – um es mit Didi Hallervorden zu sagen – »Nonstop Nonsens«. Zwischen all dem »Palim Palim« weihnachtlicher Geschäftig- und Gefräßigkeit käme es tatsächlich darauf an, in dem oben erläuterten, doppelten Sinn zur Besinnung zu kommen, d.h. endlich wieder zu spüren, dass und warum das Leben Bedeutung hat. Nur leider stehen wir uns dabei gern selbst im Weg. Daher sei abschließend an den philosophischen Skeptiker Odo Marquard erinnert, der einmal – offenbar in vorweihnachtlicher Stimmung – gesagt hat: »Es trifft zu, daß nicht nur der Philosoph der Welt, sondern auch die Welt dem Philosophen manche Nuß zu knacken gibt: daraus folgt nicht, daß der Philosoph ein Nußknacker ist; denn – in nuce – er hat es nicht mit Nüssen zu tun, sondern mit dem Geist, dem Nous: Philosophen sind Nous-Knacker.« Die philosophisch härteste Nuss, so lässt sich Marquard hier ergänzen, ist der jeweils eigene Nous, und den braucht man nun einmal, wenn man zur Besinnung kommen will.

Foto: Alles Lüge (Deutschland 1992, Regie: Heiko Schier)

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

4 Kommentare

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  2. Josef Heil · Dezember 12

    Hallo Herr Pollmann,
    Es ist richtig, dass man sich u.a. eine besinnliche Weihnacht wünscht, so als ob man das Jahr über besinnungslos durch die Welt liefe, aber Weihn. wird nicht gefeiert, um über sich nachzudenken, sondern um sich über die Geburt des „Retters“, bzw. „Erlösers“ zu freuen. Selbst-Reflexion hin oder her.
    Und man sollte schon trennen: die Adventszeit ist eine Zeit der Hektik, des Glühwein-Gedöns‘, der Vorbereitung, also des Vorbereitet-seins auf den hl. Abend, wenn Geschenke von einem erwartet werden… und die eigentliche Weihnachtszeit, wenn der Stress vorbei ist, wenn selbiger dann nur darin bestehen könnte, wann wir welche Geschenke umtauschen…

    Gehen wir aber davon aus, man besinnt sich, so ab 20 – 22 h am 24.12. Was ist der
    Gegenstand des allgemeinen Besinnens? Sicher in weniger als in einem von zehn Fällen der Sinn des Lebens, wie Sie uns Leser dazu animieren wollen (?), sondern man besinnt sich im Allgemeinen viel profanerer Dinge. Beispiele zu nennen möge mir erlassen sein.

    Sie haben eine große Chance verpasst. Sie hätten Anregungen darüber geben können, wie ein zu glaubender Sachverhalt in neuerer Zeit zu so einem Trubel und Mrd.-Geschäft weltweit anwachsen konnte:
    Es wird gefeiert, dass der Menschheit der Retter, der Erlöser geboren worden ist.
    Wieviele Leute sehen in dem neugeborenen jüdischen Kind den Retter der Menschheit? Wann soll der Akt des Rettens stattfinden? Hat er das schon, nur keiner hats gemerkt? Sind wir schon erlöst, wenn ja, von wem oder was? Oder werden wir es erst noch?
    Das sind essentielle Fragen zum Fest, die auch kein Papst bis runter zum Dorfgeistlichen beantworten oder auch nur thematisieren will.

    Ich denke, Philosophen „dürfen“ unbefangen, kindlich naiv, ganz schubladenfrei solche Fragen stellen…??
    Aber was machen Sie?
    Sie veranlassen einen Nicht-Philosophen und Nicht-Theologen nachzugoogeln, was es mit den Begriffen noce und nous auf sich hat und schreiben, was Aristoteles zu dieser Chose meint. Interessiert das einen zu Weihn.?

    Aber vielleicht ist „slippery-slopes“ was für Philosophen und andere G’schtudierte. Ich wäre da jedenfalls nicht dabei.

    Weihnachtliche Grüße
    Josef Heil, Weiden OPf.

    • Arnd Pollmann · Dezember 12

      Lieber Herr Heil, wenn Sie mich fragen, so möge sich jeder Leser und jede Leserin auf das besinnen, was ihm oder ihr fundamental wichtig ist, aber im Alltag bisweilen aus den Augen gerät. Ich selbst möchte das niemandem – von der Kanzel aus – vorschreiben. In der Tat ging es mir in diesem philosophischen Blog ausdrücklich um die Frage nach einen nicht-theologischen Sinn der Besinnung. Sie mögen vielleicht verneinen, dass es diesen gibt, aber damit wären all jene, die nicht an die besagte Weihnachtsgeschichte glauben, außen vor. Etwas unchristlich, wie mir scheint… Warum einigen wir uns nicht einfach auf eine Arbeitsteilung zwischen denen, die sich theologisch besinnen, und solchen, die es philosophisch probieren? Fröhliche Weihnachten.

      • Josef Heil · Dezember 12

        Einverstanden, Herr Pollmann, sofort ! :-)