Besinnung | Ja, klar, es ist ja Weihnachten!

Während man noch unschlüssig ist, ob Hawaiihemd und Zehenstegsandale endgültig den hinteren Ecken des Kleiderschranks anheim zu geben sind, lugen bereits die ersten Spekulatius und Lebkuchen aus den Regalen der hiesigen Supermärkte. Kramt man dann Wochen später, ob der allzu niedrigen und daher widrigen Außentemperaturen, seine letztjährige Rollkragenpulloverkollektion aus besagten Schrankecken, sind die Verkaufsflächen der heimischen Lebensmittelhändler schon längst von Christstollen und Schokoladenweihnachtsmännern erobert worden. Nun gibt es bald kein Halten mehr! Die Bürger suchen im Keller hektisch ihre Weihnachtspyramiden, Schwibbögen, Nussknacker, Herrnhuter Sterne, Lichterketten und fassadenkletternden Nikolausfiguren zusammen, um ihren Nachbarn auch dieses Jahr wieder eine empfindliche Niederlage im landesweiten Deko-Wettkampf zuzufügen. Währenddessen werden in den Schaufenstern bundesrepublikanischer Fußgängerzonen Skihelme, Telefontarife, Stringtangas, Mikrowellengeschirr und Laubgebläse als die mega-ultimativen Top-Weihnachtsgeschenke beworben. Und spätestens zum 1. Advent eröffnet in nahezu jedem Dorf und jeder Stadt dieses Landes ein sogenannter Weihnachtsmarkt.

Es weihnachtet zur Weihnachtszeit

Weihnachtsmärkte sind in Deutschland sehr beliebt. Hier können und müssen Touristen, Flüchtlinge und Philanthropen alle Jahre wieder auf die harte Tour lernen, was deutsche Besinnlichkeit ist. Landauf, landab schiebt sich dann der Volkskörper im Schneeregen träge durch die viel zu engen Gassen zwischen den Marktständen. Dabei wird sein Wille zur Weihnacht durch vereinzelte Rempeleien und Pöbeleien ebenso wenig gestört wie durch die Vordrängelei bauernschlauer Trittbrettfahrer beim Schlangestehen um eine Rostbratwurst. Misogyne Sexismen und folkloristische Rassismen gelten hier als Ausdruck eines bodenständigen Humors. Und das alkoholbedingte Erbrechen halbkomatös herumlungernder Personen am Rande eines Weihnachtsmarktes zählt als volkstümlicher Ritus, der die vorweihnachtliche Besinnlichkeit in Richtung christlich-abendländische Besinnungslosigkeit übersteigt.

Wir feiern bis das Christkind schreit

Auch olfaktorisch sind deutsche Weihnachtsmärkte Orte, an denen man nur allzu leicht die Besinnung verlieren kann, was bei vielen Einheimischen transzendente Erscheinungen zur Nebenwirkung hat. Wenn der säuerliche Mief aufgewärmten Billigweins auf die Rauchschwaden angekohlten Fleisches trifft und sich das klebrigsüße Aroma von Schmalzgebäck mit dem Geruch des ranzigen Fetts paart, in dem es ausgebacken wurde, dann riecht der Deutsche die Geburt des Herren nahen. Wen kümmert es da noch, dass das auf deutschen Weihnachtsmärkten feilgebotene Warensortiment die ewige Wiederkunft des Immergleichen ist? Handgeschnitzte Krippefiguren und handgeklöppelte Spitzendeckchen, mundgeblasene Christbaumkugeln und mundgemalte Weihnachtskarten, selbstgezogene Bienenwachskerzen und selbstgeflochtene Strohsterne zeugen alle Jahre wieder von der unerbittlichen Authentizität, Originalität und Tradition deutscher Handwerkskunst. Um dies immer und immer wieder unter Beweis zu stellen, bedarf es freilich auf einem deutschen Weihnachtsmarkt stets auch einiger Stände mit billigem Zinnober aus der Massenproduktion. Denn erst im Kontrast zu blinkenden Nikolausmützen und illuminierten Plastikbäumen aus mutmaßlich »Fernost« wird die einzigartige Kulturleistung sichtbar, die das deutsche Besinnlichkeitshandwerk jahraus, jahrein so eindrucksvoll und leistungsstark vollbringt.

weihnachtsmarkt

Wem das alles gefällt, den möchte ich nicht davon abhalten, dem bürgerlichen Pendant zum Krawalltourismus zu frönen und an einer der vielen organisierten Reisen zu den schönsten Weihnachtsmärkten dieser Republik teilzunehmen. Nur erliege er dabei nicht der Selbsttäuschung, er tue sich etwas Gutes oder auch nur etwas, das zumindest entfernt mit vorweihnachtlicher Besinnung zu tun hätte. Laut einer Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa 2013 im Auftrag der Techniker Krankenkasse durchführte, bedeutet »Weihnachten« heutzutage ja für 23 Prozent der Westdeutschen und 30 Prozent der Ostdeutschen »in erster Linie Stress«. Ich wage die Hypothese, dass der Besuch deutscher Weihnachtsmärkte wesentlich zu dieser unschönen Befindlichkeit beiträgt.

Weihnachtszauber ohne Leid

Dennoch gibt es für all diejenigen, die jetzt in der Vorweihnachtszeit endlich zur Besinnung kommen wollen, auch eine sehr gute Nachricht. Denn anders, als viele Deutsche glauben, muss man weder bei jedem Stahlbad noch bei jedem Spaßbad mit von der Partie sein. Man kann nämlich einfach mal mit Herman Melvilles Bartleby sagen: »Ich möchte lieber nicht«. Viele mögen es kaum glauben, aber man kann deutsche Weihnachtsmärkte einfach links liegen lassen! Tut man dies, so kommt man womöglich nicht nur zur Besinnung, sondern sicherlich auch in den Genuss des herrlichsten vorweihnachtlichen Zaubers, der von einem deutschen Weihnachtsmarkt ausgehen kann. Dies ist der von Max Goldt so treffend beschriebene Zauber des seitlich dran Vorbeigehens. – Frohes Fest und guten Rutsch!

Foto: http://www.erzgebirgskunst-drechsel.de

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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