Bausünden | Mittelmaß als Verrat

Als ich neun war, liebte ich diesen bunten Zaun. Er begrenzte ein Grundstück in der Reihe grauer Einfamilienhäuser, die am Rand der Neubausiedlung standen, und er schien mir das einzig lohnende Ziel familiärer Spaziergänge zu sein. Der Zaun meiner Träume bestand aus Holzlatten, jede einzelne von ihnen in einer anderen Farbe gestrichen: er war der Inbegriff des Buntseins. Was für eine Überraschung, als mein Vater, Architekt, eines Tages bemerkte, dieses bauliche Element sei Ausdruck schlechten Geschmacks und ich solle nicht glauben, das sei schön.

Die feinen Unterschiede

Selbst wenn mein Vater damals von den subtilen begrifflichen Differenzierungen innerhalb des großen Spektrums der Bausünden gewusst hätte, wäre ich zu jung gewesen, um den Unterschied zwischen guter und schlechter Bausünde oder die fließenden Übergänge zwischen guter Bausünde und guter Architektur zu begreifen, wie sie uns Turit Fröbe in Die Kunst der Bausünde zu erklären versucht. Geschweige denn hätte ich die gut gemachte Architektursünde als Alternative zu mittelmäßiger Architektur verstehen können. Die guten Bausünden, so die Kunsthistorikerin, seien in ihrer Umgebung maximal deplatziert und aufgrund ihrer schreienden Fernwirkung leicht wiederzuerkennen. Meist mit einfallsreichem Dekor versehen evozierten sie Spitznamen und Emotionalität. Zeigten Witz, Charme, eine starke Bildqualität und den Mut ihrer Urheber. Die schlechten Bausünden dagegen, das seien die langweiligen, die belanglosen Häuser, beliebig, gesichtslos, austauschbar. – Sie machten den Großteil der Alltagsarchitektur aus.

Architektur als Kantinenspeisung

So schätze ich den bunten Zaun heute als Grunderfahrung einer guten Bausünde. Beibehalten habe ich die Strategie, die ich im Älterwerden entwickelte, beim Wahrnehmen all der abenteuerlich quer von rechts oben nach links unten geführten Regenfallrohre, der blau oder grün glasierten Satteldächer, dysfunktionalen Hotelzimmer, missproportionierten Fassaden, der als unzählig empfundenen gedanken- und leidenschaftslos errichteten Räume: die notgedrungene Rezeption von Architektur als einer Art Kantinenspeisung. Man muss den Teller essen, erwartet aber nichts, was über das Sichern des puren Überlebens hinaus ginge und dem Wesen der Handlung in vollem Umfang nahe käme – als einem Dienst an Körper, Geist und Seele, als Kultur, Ritual, Teil einer Geschichte und eines sozialen Akts.

Flüstern und Schreien

Hier beginnt, was als Sünde in der trivialisierten Form des religiös konnotierten Begriffs zu bezeichnen ist: die Verfehlung eines Ziels oder mehrerer Ziele. Gute Architektur gehört zu jenem Einfachen, das schwer zu machen ist. Sie muss nicht schreien, um dem Betrachter ein Bild mitzugeben. Angemessenheit ist nicht mit Langeweile zu verwechseln. Gute Architektur kann mit Idee und Bezugnahme überzeugen, mit Material und Proportion, Klarheit und Präzision, mit der Sorgfalt der Details. Vielleicht lässt sie ungewohnte Ausblicke erfahren, eine spannende Raumfolge, die Oberfläche und Farbe eines Steins, einen Moment des Entdeckens. Vielleicht regt sie tatsächlich an, Lebensgewohnheiten zu ändern. Die Benutzer müssen sich nur einlassen auf ein Schauen, Riechen, Anfassen, auf das Denken. Es bedarf dazu keiner außergewöhnlichen Bauaufgabe. Architektur für den Alltag ist Aufgabe genug. Der Bausünde aber kommt der Verdienst zu, die Verfehlung augenfällig zu machen. Man spürt sie instinktiv, selbst wenn die Zielvorstellung diffus bleibt.

Die schlimmere, die eigentliche Sünde begeht die mittelmäßige Architektur. Seriös daherkommend gibt sie sich als Architektur aus, verfehlt jedoch ihren Sinn, verschenkt ihr Potenzial. Verrät die ganze schöne Kunst. Bewusst oder unbewusst enthält sie uns Essentielles vor, bringt uns um das Beste, was Architektur zu bieten hat: die Idee, das Bild, den schönen Moment. Dabei ist mittelmäßige Architektur nicht automatisch gleichzusetzen mit einfacher Kubatur oder Rasterfassade (das Gegenteil kann der Fall sein). Mittelmaß entsteht unter anderem, wo den am Bau Beteiligten Zeit oder Geld fehlen, Engagement oder Konsequenz, Sorgfalt oder die Fähigkeit zur Kommunikation. Da, wo der Handwerker auf der Baustelle sagt: Was regen Sie sich so auf, Sie sehen’s doch dann nicht mehr! Mittelmäßige Architektur ist die, deren Defizite oft nicht auf Anhieb zu bestimmen sind und die deshalb in der Architekturkritik so selten auftaucht. Sie lässt es unbegreiflich erscheinen, warum es Leute gibt, die das studieren. Die behaupten, Architektur könne begeistern. Könne irgendwie die Welt verbessern. Oder einen bunten Zaun ersetzen.

Foto: Antje Heuer

Zur Person Antje Heuer

Antje Heuer mag den Geruch von frischem Beton. Nicht mag sie, auf der Baustelle gefragt zu werden, ob hier etwa nach Plan zu bauen sei. Sie ist Architektin und betreibt mit Partnern ein Büro in Leipzig.

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