Bausünden | Stadtdysmorphe Störungen

Während mit Babylon und Las Vegas gleich zwei Orte um den Titel »Stadt der Sünde« buhlen, kommt nur eine Stadt für die Auszeichnung »Stadt der Bausünde« in Frage: Berlin. Es mag nicht einfach sein, den ästhetischen Sündenfall historisch genau zu datieren. Bereits der Dom war und ist eine städtebauliche Katastrophe. Was dann aber nach 1945 und spätestens seit 1989 so alles in den Märkischen Sand gesetzt wurde, ist stets aufs Neue der Beweis für eine bestürzend amateurhafte Stadtgestaltung gewesen. Die architektonischen Schadstoffemissionen der mediokren Baueliten haben eine optische Umweltverschmutzung hinterlassen, die jedem Besucher der Stadt umgehend den Atem verschlägt: das Raumschiff namens ICC samt ZOB, der Hauptbahnhof und das Kanzleramt, die Hinrich Baller’schen Schlumpfhäuser, die pseudomondänen Hotels Hilton und Adlon, der gesamte Potsdamer Platz, ganze Viertel wie Gropius-Stadt oder Marzahn-Hellersdorf, der Bier-Pinsel, das Pallasseum, der Kotti – und zuletzt natürlich der BER. Die Stadt wirkt wie ein einziges architektonisches Notquartier!

Schreiende Fernwirkung

Das bislang peinlichste Sinnbild dieser kontraproduktiven Selbstaufhübschung ist das Einkaufscenter Alexa, das 2007 seine Pforten öffnete. Als ich mir den Sarkophag in Schweinchenrosarot das erste Mal genauer ansah, wurde ich so aggressiv, dass ich nach Anleitungen zum Bombenbau googelte. Es wunderte mich nicht, dass es bei der Eröffnung zu gewalttätigen Tumulten und vielen Verletzten gekommen war. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht einmal (was bei mir bis heute Schnappatmung auslöst), dass die Bauherren einen »Hauch von Art Deco«, ja, das »leichte Lebensgefühl« der 1920er-Jahre an den Alexanderplatz zurückzaubern wollten.

Bei einer Baubesichtigung war selbst der Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit, fassungslos: »Ist das hässlich«. Der Bau lasse »um die Attraktivität des gesamten Alex fürchten«. (Und wer den Alex kennt, weiß: Das will schon etwas heißen!) Alexa-Architekt Oliver Roser räumte bei der Eröffnung sogar ein: »Die ersten Entwürfe für die Alexa waren schlichter, nicht so von dieser schreienden Fernwirkung«. Der Regierende jedenfalls hatte da bereits die verzweifelte Hoffnung kundgetan, dass »künftig so etwas nicht mehr genehmigt« werde.

Das Rätsel

Abgesehen davon, dass der Regierende nicht ganz unschuldig an der Genehmigung dieser und weiterer Bausünden (s.o.) gewesen sein dürfte: Sein Amtssitz, das Rote Rathaus in Mitte, steht nur wenige Hundert Meter vom Alexanderplatz entfernt. Und damit komme ich zu dem, was mich an Bausünden am allermeisten fasziniert. Mag man beizeiten auch deren ästhetische Schamlosigkeit, ihre überbordende Stümperhaftigkeit, ihre »irre« Kreativität und Widerspenstigkeit oder auch ihre geradezu unmoralische Ortsungebundenheit witzig finden. Stets drängt sich nach Abschluss der oft ewig andauernden Bauarbeiten dieselbe Frage auf: Sind die denn alle blind gewesen? Die Architekten waren vielleicht verrückt oder bekifft, deren Pläne mögen seitens der Verwaltung unbesehen durchgewunken worden sein. Aber irgendjemand hat diese urbanen Schandflecke doch erbaut. Wie kann man jeden Tag mit einer gewissen Handwerksehre auf eine solche Baustelle gehen, ohne irgendwann die Komplizenschaft aufzukündigen; ohne Widerstand zu leisten oder Akte der Sabotage zu begehen?

Der rosarote Treppenwitz

Stattdessen werkeln diese Berliner Bauleute jeden Tag auf Schlachtfeldern der ästhetischen Kapitulation herum, vielleicht feixen sie in der Pause bei Stulle und Molle, ohne aber jemals so etwas wie Zivilcourage zu zeigen. Wie ist es möglich, sich so einfach hinter handwerklichen Sekundärtugenden zu verstecken, mit denen man vermutlich auch ein KZ bauen könnte? Wer diese Lafontaine’sche Keule für überzogen hält, sei an den makabren Umstand erinnert, dass das Alexa auf dem Gelände des ehemaligen Berliner Polizeipräsidiums und späteren Hauptquartiers der Gestapo steht. Das 1945 zerbombte Gebäude nannte der Berliner Volksmund – doppelt passend zum heutigen Alexa-Bunker – die »Rote Zwingburg«. Von wegen Art Deco: Hier weht noch immer ein eiskalter Wind, von dem sich auch die Alexa-Planer haben inspirieren lassen. Monatlich zwängen sich hier mehr als eine Million Menschen hinein – auch weil es ihnen offenbar mehr auf die inneren Werte des Gebäudes ankommt.

Pathologie einer Großstadt

In der klinischen Psychologie spricht man von einer »körperdysmorphen Störung«, wenn Menschen sich für sehr viel unansehnlicher halten, als sie es sind. In der Berliner Stadtarchitektur stößt man immer wieder auf das umgekehrte Phänomen: Die Stadt hält sich für schöner, als sie es in Wirklichkeit ist. Weder ihren Bewohnern noch ihren Besuchern entgeht diese städtebauliche Pathologie. Für sie ist Berlin trotzdem die beste Stadt der Welt. Will man jedoch verstehen, wie es immer wieder zu diesen Verschandelungen kommt, muss man eben doch das politische Personal ins Visier nehmen. Dieses glänzt seit jeher durch Realitätsverlust, Geschmacklosigkeit, Schnippigkeit, Uneinsichtigkeit und traditionalistische Hanswurschtigkeit. Die äußeren Fassaden der Stadt sind bloß Ausdruck eines inneren Politdilettantismus. Anders gesagt: Das architektonische Notquartier namens Berlins ist ein stadtplanerischer failed state.

P.S. Leider musste ich mir den ethisch-philosophisch vielversprechenden Wortwitz verkneifen, von »Baulastern« statt von »Bausünden« zu sprechen, weil man auf den unzähligen Klein- und Großbaustellen eigentlich nie jemanden arbeiten, geschweige denn, in einem Laster herumfahren sieht.

Foto: https://de.wikipedia.org

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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