Bausünden | Hoffentlich ist es Beton!

In den gesellschaftlichen Kreisen, in denen ich mich gegen Ende der 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts zu bewegen pflegte, war es keineswegs unüblich, in geselliger Runde spontan auszurufen: »Komm’, lass uns einen bauen!«. Diese Aufforderung wurde zumeist nur allzu gerne und allzu häufig befolgt. Und sobald das flink errichtete Bauwerk flugs seiner Nutzung zugeführt worden war, wähnten sich besagte Kreise dem Aufbegehren nah. Das war zwar womöglich etwas lächerlich, aber nicht vollends unberechtigt. Denn im vorigen Jahrhundert inhalierte noch nicht Hinz und Kunz zu jeglicher Tages- und Nachtzeit an jedweder Ecke den Rauch exotischer Grünpflanzen. Diejenigen, die es taten, taten es daher zumeist in dem Bewusstsein, gerade etwas anzustellen, das dem Gesetzgeber als illegal und dem Spießbürger als sündig galt.

Bauwesen

Ich möchte jetzt nicht darüber spekulieren, inwieweit die Bereitschaft, der oben erwähnten Bauaufforderung stante pede nachzukommen, bei einer Vielzahl der damals Beteiligten gerade dadurch motiviert war, dass derlei Aktivitäten spießbürgerlicherseits als Sünde erachtet wurden. Auch möchte ich mich nicht darüber auslassen, wie spießig es eigentlich seinerseits sein mag, das Wort »Spießbürger« zu verwenden, um honorige Vertreterinnen und Vertreter der Mehrheitsgesellschaft mit Geringschätzung zu bedenken. Und ganz gewiss möchte ich hier keineswegs eine zum Schmunzeln einladende Bemerkung darüber verlieren, wie herrlich naiv und simpel wir doch alle in den sogenannten Eighties gestrickt waren. Stattdessen möchte ich jetzt die Behauptung aufstellen, dass es erhebliche Unterschiede gibt zwischen jenen gesellschaftlichen Kreisen, in denen ich mich gegen Ende der 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts zu bewegen pflegte, und Architekten, denen nachgesagt wird, eine sogenannte Bausünde begangen zu haben.

Architektur

Besagte Unterschiede zeigen sich oftmals schon ganz augenfällig in puncto Spontaneität. Nur die wenigsten Architekten errichten nämlich einen Gebäudekomplex aufgrund des spontanen Zurufs: »Komm’, lass uns einen bauen!«. Vielmehr entwerfen, planen und berechnen sie monate-, wenn nicht gar jahrelang ihr Bauprojekt. Sie schieben Bedenken und Zahlen hin und her, wägen Vor- und Nachteile ab und versuchen unentwegt Form und Funktion in das bestmögliche Verhältnis zu bringen. Kurzum: Sie machen sich wirklich einen Kopf, wie der Volksmund so unnachahmlich zu sagen pflegt. Denn Architektur ist eine ernsthafte sowie äußerst anstrengende Angelegenheit, und weder ein Ponyhof noch ein gammliges Matratzenlager, auf dem Tetrahydrocannabinol zur allseits vergnüglichen Verköstigung angerichtet wird.

Wohlbefinden

Noch deutlicher wird der Unterschied aber mit Blick auf die Sünde. Die meisten Architekten verfolgen nämlich keineswegs die Absicht, etwas hervorzubringen, das honorigen Vertreterinnen und Vertreter der Mehrheitsgesellschaft als sündig gilt. Auch die Mehrzahl jener Architekten, denen nachgesagt wird, eine sogenannte Bausünde begangen zu haben, wollten gewiss etwas erschaffen, das von der Mehrheitsgesellschaft geschätzt und geliebt wird, weil es Fortschritt verkörpert und zum allgemeinen Wohlbefinden beiträgt. Ich bezweifle daher ernsthaft, dass man sich die Baumeister des Steglitzer Bierpinsels als sadistische Misanthropen vorzustellen hat, die auf die Frage nach dem Warum ihres Tuns zur Antwort gegeben hätten: »Na, wir wollten den Spießern einfach so einen pseudofuturistischen Brutalst-Beton-Kackhaufen in ihre scheiß‘ Schloßstraße kloppen! Haha!«. Ebenso bin ich mir auch ziemlich sicher, dass die Baukünstler, denen wir die Ruhr-Universität Bochum zu verdanken haben, sich nicht im Vorhinein gehässig kichernd dachten: »Na, dann werd’ ich den Spießern jetzt mal einen Gebäudekomplex bauen, der am Rande der Illegalität steht und nur als Bausünde gelten kann.« Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gingen sie viel eher mit einem hehren Gedanken folgender Art schwanger: »So, nun werde ich für die hochschulreifen Sprösslinge der von mir hochgeschätzten Mehrheitsgesellschaft einen wundervollen Gebäudekomplex errichten, der am Rande der Stadt steht und als Hafen im Meer des Wissens gelten kann«. Und auch die Bauakademiker, die den WBS 70-Plattenbau ersannen, waren gewiss weit davon entfernt, die perfide Absicht zu hegen, in Berlin-Marzahn, Halle-Neustadt, Leipzig-Grünau oder Magdeburg-Olvenstedt mutmaßliche Spießbürger in »Arbeiterschließfächern« wegzusperren (wie es immer so halbgebildet humorig heißt). Vielmehr wollten sie den neuen sozialistischen Menschen von Wohnraummangel befreien und ihm im Zuge dessen gleich noch mit dem Labsal einer in der Wohnung befindlichen Toilette sowie einer Zentralheizung verwöhnen. Und daher muss man meines Erachtens schon ein sehr abgefeimter Zyniker sein, verunglimpft man die jetzt erwähnten architektonischen Werke – mir nichts, dir nichts – als Bausünden.

Überhaupt ist es ja immer einfacher rumzumeckern, anstatt selbst etwas zu bauen. Das galt schon damals für die notorischen Nörgler, die stets neunmalklug anmerkten, dass das zweite Blättchen jetzt aber nicht so gut mit dem dritten verklebt sei wie jenes mit dem ersten. Und es gilt freilich auch für all die amateurhaften Architekturkritiker, von denen es mindestens so viele zu geben scheint, wie es Bundestrainer während einer Fußballweltmeisterschaft gibt. All jenen empfehle ich hiermit dringlichst: Wer nicht selbst schon einmal ein Bauwerk entworfen, geplant und fertiggestellt hat, sollte sich des Vorwurfs der Bausünde besser enthalten und vornehm schweigen. Man kann ja auch einfach mal die Augen schließen und stumm dran vorbeigehen.

Bild: www.streifzug-durch-olvenstedt-und-magdeburg.de

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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