Bausünden | Kann denn Bauen Sünde sein?

Eine weise Binse lehrt uns allenthalben, über Geschmack lasse sich nicht streiten. So verhält es sich auf den ersten Blick auch mit den Behausungen, die sich der Mensch seit Jahrtausenden zu bauen pflegt: Dem einen genügt eine kaum überdachte Höhlennische als Eremitage in den Bergen, während der andere es beschämend findet, wenn er nicht in einem marmornen Palast zwischen mindestens einem guten Dutzend Badezimmern wählen kann. Ästhetisch betrachtet sind die meisten Resultate dieser überaus heterogenen Menschbehausungsmentalität bemerkenswert unauffällig – somit weder schön noch hässlich zu nennen. An den entgegengesetzten Polen wird es jedoch spannend: Einige Bauten verdienen zu Recht das Prädikat »besonders wertvoll«, weil die ausgewogenen Proportionen des Baukörpers, die Lage des Objekts und nicht zuletzt die Wahl des passenden Materials das Auge des Betrachters in besonderem Maße erfreuen. Doch es gibt leider auch erschütternde Zeugnisse des Scheiterns, denen man um der Menschheit letzter Hoffnung willen ein rasches und rückstandloses Vergehen im Bauschutt der Geschichte wünscht – was den oft ziemlich robusten Stahlbetonkonstruktionen allerdings herzlich egal ist.

Gebot des Bauherrn

Nun könnte man es getrost bei dieser rein ästhetischen Bewertung belassen. Bekümmere sich doch jeder selbst um sein Gehäuse und wähle das, was ihm gefällt! Und falls man sich dieses nicht aussuchen kann, so sitzt man wenigstens darinnen und braucht den Anblick nicht zu ertragen. So (un-)schön, so gut also? Ganz so einfach ist es nicht. Schließlich reden wir hier nicht bloß über bauliche beaus oder beasts, sondern über bauliche Sünden. Und da darf ein Zeitgenosse, dem die Sünde als Relikt längst vergangener Ären erscheint, schon mal hellhörig werden: Immerhin, so das landläufige Verständnis, gibt’s auf der Alm koa Sünd‘, weil winters niemand – nicht einmal das liebe Vieh – daroben ist und eben nur ein verantwortlich Handelnder sündigen kann. Deshalb kann sich die Sündhaftigkeit nicht auf das Bauwerk selbst, sondern lediglich auf dessen Erbauer beziehen. Verwenden wir im Deutschen den Ausdruck »Bausünde«, so steht uns meist ein besonders hässliches Artefakt vor Augen. Wir belassen es dann aber nicht bei einer bloß ästhetischen Bewertung, sondern schlagen zudem einen dezidiert moralisierenden Unterton an. Das ist nun allerdings ziemlich merkwürdig, denn was für eine Art von Sünde soll das eigentlich sein und wem gegenüber versündigen sich derart gescholtene Demiurgen am Bau, seien es nun wenig ingeniöse Ingenieure oder architektonisch unbeholfene Architekten?

Wer sündigt – oder, wie wir heute eher geneigt sind zu sagen, sich auffallend »daneben« benimmt –, verstößt in der Regel gegen allgemein anerkannte Regeln des Zusammenlebens. Soll es beim sündigen Bau um Verfehlungen dieser Art gehen, müssen diese also moralisch relevant sein. Doch ein ästhetisch bedenkliches Bauwerk ist nicht per se das Ergebnis einer unmoralischen und damit verwerflichen Absicht: Es zeugt zunächst schlicht und einfach von schlechtem Geschmack – und darin sind ziemlich viele Menschen ziemlich gut. Wir sollten deshalb die Bezeichnung »Bausünde« für wirkliche Sünden des Bauens reservieren, die zwar auch außerordentlich hässlich sein können, aber vor allem Symptom einer bösartigen Gesinnung sind. Das fleißige wie präskriptive »Schaffe schaffe, Häusle baue« ist ein basaler Ausdruck menschlicher Lebensform und damit Grundlage für eine mögliche Identifikation mit den selbstgeschaffenen Gehäusen.

Lässliche und tödliche Sünden

Gegen dieses Telos menschlichen Gedeihens kann man sich nun, in Anlehnung an die katholische Tradition, auf zweierlei Weise versündigen: Unter die lässlichen Bausünden aufgrund verzeihlicher menschlicher Schwächen dürfen wir dann zum Beispiel alle maßlos überteuerten, die natürliche wie menschliche Umwelt nachhaltig verschandelnden oder die pervertierte Macht eines Potentaten verherrlichenden Bauwerke zählen. Als Buße erlege man den Sündern – ja, es sind fast ausnahmslos Männer, die so etwas planen und erbauen lassen – unbestechliche Gerichtsverfahren und eine sofortige Amtsenthebung auf, um diese Übel künftig zu verhindern und den entstandenen Schaden zu kompensieren. Anders verhält es sich mit den Todsünden des Bauens, denn hier ist offensichtlich pure Menschenfeindlichkeit am Werk: Wer Todestrakte und Hinrichtungsstätten, Ghettos und Konzentrationslager, militärische Bunker und Raketenbasen, Gefechtsstände und Panzerfabriken sowie überhaupt die bauliche Infrastruktur für die lückenlose Überwachung, Kontrolle, Disziplinierung und damit Unterdrückung von Menschen herstellt oder bei der Herstellung und Erhaltung dieser Bauten behilflich ist, muss sich die inquisitorische Frage gefallen lassen, ob er – ja, es sind wieder Männer – sich vorstellen kann, von seinen eigenen Bauwerken unmittelbar betroffen zu sein. Als zur Erlösung von den Sünden noch die vollkommene Reue half, genügte es oft schon, den Sündern die Instrumente des Schreckens vorzuzeigen, um sie zur Buße zu bewegen. In diesem Sinne sollte, wann immer möglich, auf solcherart Bausünden hingewiesen werden, auf dass fürderhin schön und gut und wahr gebaut werde!

Foto: Falk Bornmüller

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

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