Autonome Automobile | Die Wiege der modernen Freiheit

Als der Terrorist Andreas Baader noch auf freiem Fuß war, da fuhr er ständig irgendein Fluchtauto. Dabei hatte er gar keinen Führerschein: »Ich lass‘ mich nicht mehr prüfen«, soll er damals gesagt haben. Als dann der Theorist Jean-Paul Sartre, ebenfalls ein Feind von Zwangsautoritäten, genau diesen Baader in Stuttgart-Stammheim besuchte, sagte er hinterher, und zwar im Auto, zu Daniel Cohn-Bendit: »Ein Arschloch, dieser Baader!«. Cohn-Bendit wiederum saß später im EU-Parlament, und hier schließt sich der Wendekreis: Die EU, die ja auch nicht gerade beliebt ist, hat ein milliardenschweres Projekt namens SARTRE ausgeheckt. Darin werden »Safe Road Trains for the Environment« entwickelt. Das werden computergesteuerte und führerscheinlos zu befahrende Straßenkolonnen nach dem Vorbild von Güterzügen sein. Man muss als PKW-Insasse nicht mehr auf den Verkehr achten, kann Zeitung lesen, schwarzen Kaffee trinken und sich dabei gleich auch ein paar existenzialistische Gedanken machen. All das, wozu man sich früher ins Café de Flore am Boulevard Saint Germain aufmachte.

Sarte-Le-Petit-Bi

Auch bei Volvo, Mercedes, VW und Audi tüftelt man fieberhaft an »Auto«-Piloten, und Google hat sich unlängst beim Privattaxi-App Uber eingekauft, um bald schon ganze Flotten von Robotertaxis durch die Großstädte zu kutschieren. Was aber in Flugzeugen, auf Schiffen oder in U-Bahnen längst Realität ist und dort eigentlich für Sicherheit sorgen soll, bereitet vielen Autofahrer_innen unterschwellig Angst. Woran liegt das?

Monadologie der Moderne

Peter Sloterdijk hat das Auto einmal einen »rollenden Uterus« genannt. Das mag reichlich gaga klingen, trifft aber genau das phantasmatische Verhältnis, das viele Autofahrer_innen zu ihrem Gefährt haben: Der Pkw ist Sinnbild souveräner Sehnsüchte nach einer in sich geschlossenen »Blase«; einer Monade, die – Leibniz zum Trotz – Fenster hat, hinter denen man, wenn der Verkehr fließt, frei und erlöst zugleich, wie im Fruchtwasser, vor sich hin schwebt und sich doch der Illusion von Abwechslung hingibt. Kein Wunder also, dass »Automobil« und »Autonomie« so nah beieinander liegen: Moderne Freiheit ist eine einzige Route 66. Und wer das pathetisch, lächerlich oder gar irgendwie »machomäßig« findet, hat eben kein Gefühl für moderne Freiheit (für die sich übrigens unzählige Frauen ganz genau so begeistern).

Strategie der Hochsicherheit

Wollte man diese zugleich schützende und bewegliche Autarkie des Automobils physikalisch fassen: Der Pkw ist ein Faradayscher Käfig. Wer drin sitzt, den kann buchstäblich kein Blitz der Welt mehr treffen. Das Einzige, was es zu verhindern gilt, sind Verkehrsunfälle, weil mit ihnen eben doch der Donner des Lebens hereinbricht. Genau hier setzt der vermeintliche Zauber des autonomen Fahrzeugs an: Es soll einem diese Angst nehmen. Aber nimmt es einem damit nicht zugleich auch die Freiheit? Zunächst könnte man das Gegenteil vermuten: Im sich selbst steuernden Pkw käme nicht nur das Automobil zu sich (griech. autós und lat. mobilis), sondern mit ihm auch die moderne Autonomie. Endlich wäre das moderne Subjekt »auf der Fahrt in die Fahrt« (Sloterdijk). Und der Pkw würde so zu einer von Geisterhand gestupsten Wiege, in der man durch die Gegend schaukelt – und vollends regrediert. Aber wäre das noch Freiheit? Und im übertragenen Sinn: Was bliebe von der Autonomie im Verkehrsnetz sozialer Verbindlichkeiten ganz ohne die Gefahr von Kollisionen? Eine Strategie der Hochsicherheit à la Stammheim? Ist Freiheit nicht immer die Freiheit der Anderslenkenden?

Freihändig

Der erste Schritt in diese Überangst, die Heteronomie gebiert, ist übrigens das Navi, das uns die Entscheidung abnimmt, wo’s lang geht. Ganz im Geiste der 68er lässt sich skandieren: Das Navi ist faschistisch! Und eben dies führt uns zurück zum führerscheinlosen Baader. Das autonome Automobil soll nicht nur vom Führerscheinzwang entlasten, sondern vor allem auch vor der zwangsneurotischen Angst vor dem Führerscheinentzug. In eben diese Angst las Jean Beaudrillard einst die »Kastrationsangst« des modernen Menschen hinein (auch hier waren Frauen mitgemeint). Sartre mag Recht gehabt haben, Baader ist ein Arschloch gewesen. Aber er war eben auch der Typ, der völlig freihändig ein Bonanza-Rad zu steuern vermochte. Freihändig Fahrrad fahren – das war in meiner Jugend der Inbegriff allerobercoolster Freiheit. Aber freihändig Auto fahren? Etwas noch Spießigeres hätten wir uns damals kaum erträumen können.

Foto: www.foldingcyclist.com

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

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