Autonome Automobile | Am See

Neulich schlug Kollege Neuhäuser vor, dass wir uns mit dem Thema »Autonome Automobile« auseinandersetzen sollten. Da mein Interesse am liebsten Kind der Deutschen schon immer stiefmütterlich war, hielt sich meine Begeisterung zunächst in so engen Grenzen, dass mir selbst die Frage von größerem Belang schien, ob es heutzutage eigentlich noch ethisch vertretbar ist, seinem Meerschweinchen probiotisches Futter vorzuenthalten. Dann allerdings warf ich einen Blick in das weltweite Netz und fand heraus, dass nicht nur die Automobilindustrie, sondern auch Google mit Hochdruck an der Entwicklung eines autonomen Automobils forscht. Um in Erfahrung zu bringen, ob es wohl wie David Hasselhoffs K.I.T.T. oder doch eher wie Walt Disneys Herbie aussieht, gab ich geschwind »Autonome Automobile« bei Google Pictures ein — und fand unter den Ergebnissen dies:

Frau_ohne_Welt

Nein, nein, so sehen autonome Automobile natürlich nicht aus! Dies ist vielmehr das Bild der Umschläge einer Buchreihe, zu der ich jetzt nichts weiter sagen kann, weil ich die Bände nicht gelesen habe. Eine kleine Gadamer´sche Anmerkung muss allerdings erlaubt sein: Es gibt zwar weibliche Meerschweinchen, die nur in ihrer Umwelt leben, aber weibliche Menschen ohne Welt gibt es nicht! Bemerkenswerter als diese Einsicht erscheint mir jedoch, dass man auf dieses Bild stößt, wenn man »autonome Automobile« in die Suchmaschine jenes Konzerns eingibt, der gerade mit Hochdruck an der Entwicklung eines autonomen Automobils forscht. Denn man kommt kaum umhin, sich zu fragen, wo man demnächst landen wird, wenn das selbstfahrende Google-Auto so fährt, wie die Google-Bildersuche sucht. Fast schon zielgenau wäre es da, würden Automobilisten zur Eisernen Villa von Bert Brecht und Helene Weigel chauffiert werden, obwohl sie eigentlich nur zur Zoohandlung Puntila in einen der noch nicht so wirklich hippen Teile Neuköllns wollten, um probiotische Meerschweinchen-Menüs zu erstehen.

Tief zwischen Tann

Werden diese Kinderkrankheiten der Suchfunktion jedoch demnächst überwunden und das autonome Auto Realität sein, so ist dies freilich auch ein Grund zur Freude. Denn nicht nur wird es einen enormen Zuwachs an korrekt eingehaltenen Mindestabständen und verhinderten Einparkbeulen geben. Auch den Begriff der Geschwindigkeitsüberschreitung wird man nur noch aus den Geschichtsbüchern kennen. Vor allem jedoch werden Automobilisten all die Zeit zur freien Verfügung haben, die sie heutzutage noch unnütz hinter dem Steuer vergeuden, bloß um Obacht auf den Verkehr zu geben. Was wird man dann nicht alles Produktives während der Fahrt tun können! Statt sich aufschneiderisch hinter das Steuer seines Porsche Boxster klemmen zu müssen, um probiotische Meerschweinchen-Menüs kaufen zu fahren oder zum Blumengarten des größten it-couples der DDR zu rasen, kann man sich dann aufschneiderisch in seinen Porsche Boxspring legen und die Fahrt nach Buckow getrost verschlafen. Und dabei muss man auch gar nicht auf die kleine bourgeoise Freude des großen Distinktionsgewinns durch den teureren rollenden Penisersatz verzichten. Denn es wird immer noch jedem klar sein, dass ein Porsche Boxspring nun wirklich ein ganz anderes Kaliber ist als etwa ein Volvo Malm oder die autonom fahrenden Gästeliegen von Dacia.

Und Silberpappel

Allerdings darf man auch nicht verschweigen, dass autonome Automobile schwerwiegende Folgen für unser soziales Miteinander haben werden. Denn sie sind letztlich Computer auf vier Rädern, in denen nur stumpf irgendwelche Algorithmen zur Anwendung kommen. Das mag zwar ausreichen, um Abstände und Geschwindigkeiten präzise zu berechnen. Aber die kontextsensible praktische Urteilskraft, derer wir im intersubjektiven Miteinander bedürfen, lässt sich so nicht ersetzen. Denn was würde ein autonomes Auto tun, wenn zufällig eine vom Automobilisten geschätzte Person gelangweilt am Straßenrand stände? Der im Tiefschlaf befindliche Automobilist hätte sich im Wachzustand zweifelsohne spontan dazu entschieden anzuhalten. Das autonome Automobil wird indes haltlos den kürzesten Weg zum vorgegebenen Ziel nehmen. Der einsam erwachte Automobilist kann so die Freude am Kauf probiotischer Meerschweinchen-Menüs mit niemandem teilen. Griesgrämig wird er an einem albernen Mansardengiebeldach vorbei auf den Schermützelsee starren.

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

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